Nickel wurde Petsamo zum Verhängnis Image size 19 Kb

Das Petschenga-Gebiet (finnisch: Petsamo) an der Barentssee kann als ein Paradebeispiel für die Umweltkatastrophe gelten, die zu Zeiten der Sowjetunion durch die ökologisch rücksichtslose Ausbeutung von Naturressourcen herbeigeführt wurde. Unter dem heutigen russischen Regime hat sich die Situation eher noch verschlimmert.

Die Bergbaukommunen Zapoljarni und Nikel könnten die Kulisse für einen Gruselfilm abgeben. Die Natur rund um die Luft verpestenden Nickelhütten ist abgestorben, die Luft reizt die Schleimhäute.

Die Gemeinden sind klein, aber ihre Friedhöfe sind weitläufig wie die in Großstädten. In den Minen wird auf Kosten der Gesundheit geschuftet. Obgleich die Ortsansässigen um die Risiken wissen, können sie nicht wegziehen, weil es weit und breit keine anderen Arbeitsstellen und Wohnungen gibt.

Image size 11 Kb Ein Beispiel für den Verfall des Wohnbestandes in Zapoljarni sind verfallene Etagenhäuser, die nur noch teilweise bewohnt werden.

Zu Zeiten der Sowjetunion wurden Arbeitskräfte für einen Job von mehreren Wochen nach Petschenga gelockt. Der wichtigste Anreiz waren hohe Löhne. Auch heute werden hier, gemessen am russischen Einkommensniveau, noch immer Spitzenlöhne gezahlt. Statt dem Durchschnittslohn von rund 1000 Rubel liegt hier der Monatslohn bei 4000 Rubel. Vor der Rubelabwertung im August 1998 entsprach dies dem Gegenwert von nahezu 700 US$, heute nur noch 200 Dollar.

Die hohen Löhne in Petschenga haben ihren Preis. So hat die Gesellschaft Norilsk Nickel die Steuerzahlungen eingestellt und kaum in neue Anlagen investiert, mit denen die Umweltbelastungen vermindert werden könnten. Die Umrüstung der Anlagen auf westliche Standards würde Sachverständigen zufolge rund 200 Mio. Dollar kosten.

Norilsk Nickel ist einer der größten Nickelproduzenten der Welt. Wie die Gesellschaft in den Besitz der Onexim-Bank gelangt ist, ist eine der dubiosten Insiderübernahmen der russischen Privatisierungsgeschichte. Onexim fädelte im Dezember 1995 die Privatisierung von Norilsk Nickel so ein, daß keine außenstehenden Käufer zum Zuge kamen, obgleich sie für das Unternehmen mehr geboten hatten.

Zerstörte Idylle

Die Ureinwohner Petschangas waren die Skolt-Sami, die im Einklang mit dem Kreislauf der Natur lebten. Sie wohnten abwechselnd in Sommer- und Winterdörfern, hielten Rentiere und fischten Eismeerlachse in der Petschanga-Bucht und am Fluß Paatsjoki. Ihr karges entlegenes Wohngebiet interessierte die Herrschenden kaum - bis hier Bodenschätze entdeckt wurden.

Das Petsamo-Gebiet wurde gemäß dem 1920 mit der Sowjetunion geschlossenen Friedensvertrag von Dorpat Finnland zugesprochen. Petsamo war ursprünglich 1864 als Kompensation für das Siestarjoki-Gebiet auf der karelischen Landenge, das der Zar wegen einer dortigen Gewehrfabrik Rußland einverleibte, dem Großfürstentum Finnland zugeteilt worden.

Petsamo war für Finnland von großer Bedeutung, weil sein Hafen dank den Golfstroms rund ums Jahr eisfrei war. Es mauserte sich zudem zu einem exotischen Touristenziel, denn die Sommer an der Petsamo-Bucht waren angenehm warm.

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Das Ausmaß der Verwüstung im nahen Umfeld der Nickelgruben erinnert stellenweise an Einäscherung durch einen Flächenbrand.
Die Idylle zerschellte, als in Petsamo Nickel gefunden wurde. Finnland verfügte nicht über ausreichend Mittel, die Vorkommen zu erschließen; Engländer übernahmen das Projekt. Petsamo avancierte in den rezessionsgeplagten 30er Jahren zum gelobten Land. Hier entstand ein Industriezentrum, in dem Tag und Nacht malocht, aber auch gefeiert wurde, als ob der letzte Tag bevorstünde. Ein Ende der Nachfrage war nicht abzusehen, denn an der Schwelle zum 2. Weltkrieg war Nickel ein begehrter Rohstoff.

Im Verlauf des Weltkriegs fiel die Nickelgrube den Deutschen in die Hände. Als das Gebiet nach Kriegsende an die Sowjetunion abgetreten werden mußte, übersiedelten die Skolt-Sami samt Rentieren nach Finnisch-Lappland. Mit ihrer angestammten Heimat mußten sie zugleich ihrer Lebensweise entsagen, und die traditionellen Sommer- und Winterdörfer verödeten.

Unter sowjetischer Herrschaft war das Petschenga-Gebiet für Ausländer gesperrt. Neben dem Bergbaubetrieb dominierte das Militär, das die weltgrößte Konzentration von Kernwaffen in der Umgebung von Murmansk bewachte. Die Grenze zwischen Norwegen und Rußland ist noch immer die einzige Landgrenze zwischen der Nato und Rußland.

Doppelter Lohn für ein kurzes Leben im Inferno
Environmental Surveillance: The Story of Nikel
Karte mit Petsamo und Umgebung