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Hippie Linus fordert Bill Gates heraus

Die Genies der Computerwelt sind jung. Bill Gates, Besitzer von Microsoft und einer der reichsten Männer der Welt, sieht sich unverhofft mit einem Herausforderer konfrontiert, dem 28jährigen Finnen Linus Torvalds. Das von ihm entwickelte Linux-Betriebssystem ist strikt nichtkommerziell. Torvalds besteht darauf, daß seine Erfindung allen Interessenten gratis zugänglich gemacht wird. Und der Erfolg gibt ihm recht.

Wer einmal die Hauptverwaltung von Microsoft in Redmond (Washington) besucht hat, dem fällt es schwer zu glauben, daß ein ehemaliger finnischer EDV-Lehrer dem milliardenschweren Microsoft-Imperium zusetzen könnte. Linux ist ein ernstzunehmender Kontrahent dank seines andersgearteten Strickmusters: Nicht nur die Benutzung ist gratis, auch sein Quellcode ist frei verfügbar. Das Hauptquartier von Linux steckt im Kopf von Torvalds und dem der Weiterentwickler. 8,5 Millionen Benutzer schwören inzwischen auf das Linux-System, und an die Tausend Hobbyprogrammierer entwickeln Linux ständig weiter. Wenn jemand eine Verbesserung oder neue Funktion ausgetüftelt hat, wird sie von Linus überprüft und gegebenenfalls in der neuesten Version des Betriebssystems eingebaut, die dann im Internet heruntergeladen werden kann - gratis versteht sich.

Linus Torvalds famose Erfolgsstory, die sich nicht mit finanziellen Kriterien messen läßt, begann Anfang der 90er Jahre. Als Linus nach einem preiswerten PC mit einem Unix-Betriebsstem Ausschau hielt, war kein passender Computer auf dem Markt. So entwickelte er selbst ein Betriebssystem, nannte es Linux und bot es sogleich im Internet zur Evaluierung an. Das Produkt kam hervorragend an und machte seinen Erfinder weltberühmt. Computerclubs vertrieben Linux gemäß der Linus-Philosophie gratis. Als der Vertrieb den Computerclubs zu teuer wurde, ging Linus zu einer Lizenzdistribution über: Jeder Abnehmer zahlt für Linux einen Betrag, den er selbst für angemessen hält. Heute bieten Unternehmen in Linus neuer Heimat, in Silicon Valley in Kalifornien, Linux auf CD-ROM an, und eine dort verlegte Linux-Zeitschrift erreicht Abonnenten in aller Welt. Die neuesten Linux-Versionen sind nach wie vor gratis im Internet abrufbar.

Genialer Idealist

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Im vergangenen Sommer brachte das renommierte amerikanische Wirtschaftsblatt Forbes Linus Torvalds als Hippie der Cyberära auf seine Titelseite unter der Überschrift: Frieden, Liebe und Software. Laut der Zeitschrift wurde mit Linux endlich eine Waffe gegen Microsofts Windows-Hegemonie geschmiedet. Die wachsende Schar begeisterter und erfindungsreicher Linux-Benutzer hat das neue Betriebssystem selbst für das omnipotente „Windoze” zu einem potenten Konkurrenten werden lassen. Im Internet ist Linus ein Star. Forbes listete die mit einer Suchmaschine gefundenen Namen auf: Der Schauspieler Tom Cruise brachte es 16 604, Linus Torvalds auf 20 419 Hits.

Auf privaten Webseiten werden an der Linux-Windows-Front hitzige Gefechte ausgetragen. Torvalds wird als der einzige Mensch hingestellt, der Bill Gates in seinem Bestreben um ein globales Monopol die Stirn bieten könnte: Gates als das Biest der Apokalypse oder als Drachen, den der Heilige Linus mit einem Schwert enthauptet.

Linus Torvalds lebt privat - in Santa Clara mehrere Kilometer von San Francisco entfernt - wie der Nachbar von nebenan. Er arbeitet in einer geheimnisvollen Firma namens Transmeta, über deren Aktivitäten er oder andere kein Wort verlauten lassen. Für ein Treffen in einem Restaurant war nicht zu haben, er schlug statt dessen einen Springbrunnen am Ghiradelli Square für das vereinbarte Interview vor. Linus ist ein Computer-Freak, mit dem man nur über Computerprogramme reden kann, die für ihn und andere Gleichgesinnte zugleich Broterwerb und Hobby sind. Für Torvalds ist die ganze Welt vernetzt. Und noch immer verlangt er kein Geld für sein weltberühmtes Linux-System - sieht man von ein paar hundert Dollar ab, die Fans ihm zu Weihnachten geschickt haben. Linus ist ein merkwürdiger Idealist - ein einflußreicher Computer-Hippie.

Torvalds Linux ist hingegen eine Realität mit einer vielversprechenden Zukunft. Wer weiß, vielleicht werden die Quellcodes der Computerprogramme des nächsten Jahrtausends für Programmierer ebenfalls frei zugänglich gemacht.

Interview mit Linus Torvalds
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