Anmausen des Bildes eröffnet eine neue Perspektive

Images 17 Kb Kuopio
Stadt der prächtigen Perspektiven

Die bedeutendste Stadt des östlichen Finnland ist eingebettet in eine typische finnische Landschaft: grüne Wälder und blaue Seen. Dennoch kann Kuopio nicht als eine typische finnische Stadt gelten, in der die holzverarbeitende Industrie das Sagen hat. Kuopio ist eine Geschäfts- und Verwaltungsstadt, in der Dienstleistungen, Ausbildung und Kultur die Hauptrolle spielen. Stadtdirektor Dr. Kauko Heuru faßt die Strategie seiner Stadt so zusammen: „Eine wohnfreundliche Stadt mit einer aktiven Gewerbepolitik auf einem hohen Know-how-Niveau.”

Das moderne Hightech-Center von Kuopio konzentriert sich auf das, was für Finnland typisch gilt: die Gesundheit der Menschen und der Natur. In diesem rund um die Universität Kuopio herangewachsenen Kompetenzzentrum, das die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaftsleben und Forschung pflegt, wird die Zukunft groß geschrieben. „Futurologen sehen in der Entwicklung der Biotechnik eine noch größere industrielle Revolution als in dem Durchbruch der Elektronik. Dies eröffnet für Kuopio prächtige Perspektiven”, schwärmt Heuru.

Der Stadtdirektor verweist am Anfang des Interviews auf die tief verwurzelte kulturelle Tradition der Stadt. Kuopio nimmt eine hervorragende Stellung ein bei der Ausprägung des finnischen Nationalbewußtseins auf Grundlage demokratischer Grundsätze. J.W. Snellman, energischer Verfechter finnischer Identität, veröffentlichte seinerzeit in Kuopio eine Zeitschrift mit einem unmißverständlichen Programm: „Zuerst muß die Gebildetenschicht ein nationales Bewußtsein herausbilden, danach das Volk.” Snellman war wie viele andere Protagonisten der nationalen und sprachlichen Identität Finnlands - Lönnrot, Runeberg, Topelius - selbst schwedischsprachig und lehrte an der Universität Helsinki.

„In Kuopio hat neben Snellman eine Gruppe bedeutender kultureller Meinungsbildner gewirkt”, weiß Heuru. „Dieser Umstand und unser heutiges kulturelles Profil wirken sich auf mannigfaltige Weise auf die Entwicklung der Stadt und als positiver Abglanz auch auf Handel und Gewerbe in Kuopio aus.”

Universität als Motor des Fortschritts

Heuru betont die zentrale Bedeutung der Universität für die Entwicklung der Stadt: „In Finnland ist klar erkennbar, wie sich die Universitätsstädte sich als Motor des Fortschritts profiliert haben”. Heuru konstatiert überdies, daß Kuopio wiederum die umliegende Region befruchtet hat: „Unsere Strategie ist, daß die Region Kuopio ihre Stellung überregional und international als ein ostfinnisches Wachstumszentrum ausbaut”.

Heuru vergißt auch nicht die geokulturelle Lage der Stadt zwischen Ost und West zu erwähnen. Er zitiert einen finnischen Rundfunkreporter, der Kuopio als „byzantinischste finnische Stadt” apostrophierte - im Gegensatz zu dem römisch geprägten mittelalterlichen Rauma an der Westküste.

Folgenreiche östliche Impulse

Heuru verweist auf die Entwicklungsgeschichte der Stadt. Viele der Einwohner der Region stammen aus dem Nordwesten St. Petersburgs. Als Finnland in den Jahren 1809-1917 von einer Provinz des Schwedischen Reiches in ein autonomes Großfürstentum Russlands mutierte, war der Handel mit St. Petersburg rege. Daß Kuopio zu einer bedeutenden Handelsstadt aufsteigen konnten, war teils dem Saimaa-Kanal zu verdanken, der am Inthronisationstag von Zar Alexander II. eingeweiht wurde. Der Kanal verband die östliche Seenplatte Finnlands mit dem Meer und eröffnete nunmehr auch Schiffsverbindungen nach Westen.

„Dies kann man als den ersten östlichen Impuls bezeichnen”, meint Heuru. „Der zweite Schub kam nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Südosten Kareliens und sein Zentrum Viipuri (Wyborg) an die Sowjetunion abgetreten werden mußte. Da wurden bedeutende administrative Institutionen nach Kuopio verlagert, und aus dem abgetretenen Gebiet siedelten Tausende von unternehmenslustigen Leuten in den Raum Kuopio über. Dieser zweite Impuls hat in den 60er Jahren zum Bau des neuen Saimaa-Kanals beigetragen. Die gedeihliche Entwicklung des Handels mit dem Osten verstärkte sich noch in den 70er Jahren.”

Dr. Kauko Heuru ist gelernter Jurist und Soziologe. Er beherrscht als Forscher und Hochschullehrer auch die Theorie der Kommunalverwaltung. Dieser Hintergrund verschafft ihm einen souveränen Überblick über Administration und die Bewertungen gesellschaftlicher Entwicklungen. Unter Heurus Regiment machte Kuopio rapide Fortschritte.

Heuru ist sich über die potentiellen Probleme der künftigen Entwicklung in Rußland im klaren. „Wir glauben trotzdem an eine positive Entwicklung. Kuopio ist hervorragend u.a. an die südlich von St. Petersburg verlaufende Route angebunden, mehr brauchen wir nicht. Allein der Raum St. Petersburg mit seinen acht Millionen Einwohnern bildet einen Wirtschaftsraum, dessen Kaufkraftpotential, vorausgesetzt die westlich orientierte Entwicklung hält an, für finnische Verhältnisse riesengroß ist.”

Insofern kann es Heuru gar nicht irritieren, daß Kuopio abseits der drei sog. Ost-West-Gateways liegt. „Auch wenn Finnland sich nicht zu einem eigentlichen Gateway-Land entwickelt und der Hauptverkehr über mitteleuropäische Verbindungen nach Osten abgewickelt wird, bleibt uns die vorzügliche nachbarschaftliche Lage zu Rußland. Finnland hat immer davon profitiert, wenn die Kaufkraft des östlichen Nachbars wächst.” Als die Sowjetunion in der Zeit zwischen den Weltkriegen ihre Grenzen dichtmachte, wurde Ostfinnland zum Hinterland degradiert.

Zu Wachstumszentren merkt Heuru an, daß sie vom finnischen Staat als Städte eingestuft werden, „die zur Internationalisierung taugen und dienstleistungsmäßig und von der Industriestruktur her hinreichend vielseitig sind.”

Kuopio fällt nicht unter die Kriterien für EU-Fördergebiete. „Das ist natürlich schade, nun müssen wir aus eigener Kraft zurechtkommen”, lächelt Kauko Heuru. Wird aber gleich wieder ernst, als er auf die Aufteilung der Arbeitsplätze in Kuopio zu sprechen kommt, die zu sehr handels- und servicelastig ist (75 %). „Der Industrieanteil muß unbedingt angehoben werden”, sagt er und glaubt, daß dies auch geschehen wird.

Der Stadtdirektor führt ausländische Gäste mit Vorliebe zum Aussichtsturm Puijo. Dort eröffnet sich ein Ausblick über die finnische Natur in Reinkultur. „Prächtige Perspektiven”, lobt er