Osmo Rauhala:
Image size 7 Kb Erforschung des Niemandslandes

 

„Aus meiner Sicht hat meine Lebensarbeit zwei Seiten. Es geht im Grunde darum, wie ich mit meinem Leben und nicht darum, wie ich mit zwei Berufen fertig werde.” Sagt Osmo Rauhala, der halbjährig einen Hof im Dorf Siuro bewirtschaftet. Vor allem im Winter widmet er sich seinem anderen Beruf. Rauhala ist nämlich einer der international renommiertesten finnischen Maler. Seit 1988 unterhält einen Wohnsitz und ein Atelier in New York. Er ist ebenso in der Kunstszene Sohos zu Hause wie auf seinem finnischen Gehöft.

Osmo Rauhala thront, zünftig gekleidet in Jeans, Gummistiefeln und mit einer Schirmmütze auf dem Kopf, auf seinem Traktor. Der Mann füllt seine Rolle überzeugend aus. Ein Landwirt von Scheitel bis zur Sohle, in der -xten Generation. Der alte Traktor, ein Massey Ferguson, ist Rauhala lieb und wert: „Mit diesen Traktoren wurden die finnischen Felder in den 50er Jahren in Schuß gebracht”.

Osmo Rauhala wurde 1957 geboren. Der elterliche Hof war klein, und die Kinder mußten von klein auf in der Landwirtschaft mithelfen. Obgleich Osmo das Gymnasium in der nächsten Stadt besuchte, war ihm die Arbeit auf dem Hof in Fleisch und Blut übergegangen. „Die Landwirtschaft gehört nun mal zu uns, und sie muß weitergeführt werden”, befindet er. Er ist sichtlich entschlossen, das Erbe seiner Väter zu bewahren.

Als 12jähriger begann Osmo Rauhala zu malen. Seine ersten Farben waren Möbelfarben, mit denen sein Vater seine selbst verfertigten Möbel verschönte. In der Werkstatt des Vaters fand er auch andere Bedarfsgüter für seinen künftigen zweiten Beruf. „Meine ersten Leinwände waren Getreidesäcke”, erinnert er sich. Sein künstlerischesTalent blieb nicht lange verborgen: Schon als 16jähriger wurde er von dem Kunstverein der nächstgelegenen Stadt als Mitglied akzeptiert.

In etlichen Zeitungsartikeln entsinnt sich Rauhala an die Zwergschule in seinem Heimatdorf. Sie hatte drei Klassen und einen Lehrer, so daß eine Klasse immer zeichnen mußte, während die anderen unterrichtet wurden. „Ich hatte stapelweise Zeichnungen. Egal, zu welchem Thema, aber ein Tier war immer dabei”.

Osmo Rauhala war sieben Jahre alt, als der finnische Literatur-Nobelist Frans Emil Sillanpää 1994 starb. Der Schriftsteller hatte zeit seines Lebens auf der gegenüberliegenden Seite des Sees gewohnt, an dem das Rauhala-Gehöft liegt. In der Begründung anläßlich der Nobelpreisverleihung an Sillanpää hieß es: „Mit tiefem Verständnis und distinguiertem Stilempfinden hat er die Wechselwirkungen zwischen dem Land leben seiner Heimat und der Natur beschrieben.”

Ganz ähnlich klingen Rezessionen über Rauhalas Gemälde: „Rauhalas Duktus, Bilder und Zeichen miteinander zu kombinieren, beschwören die fragilen Beziehungen herauf, die zwischen dem Reich der Natur und der von Menschen geschaffenen rationalen Welt bestehen.”

Unser Gespräch dreht sich um das gleiche Thema, als wir in der großen Stube des Bauernhauses sitzen, deren Einrichtung sich seit Kindheitstagen kaum verändert hat. „Nur hier kann ich meinen Kontakt zur Natur, wie ich sie verstehe, aufrechterhalten”, erklärt der Maler Rauhala.

Osmo Rauhala romantisiert und polemisiert nicht, wenn er über die Natur spricht. Er zieht es vor, die Natur selbst sprechen zu lassen, ihr zuzuhören und sie zu verstehen. Dies setzt eine hochsensible Antenne für die „Sprache der Natur” voraus. Die meisten von uns nehmen im Lärmmüll unser er urbanen Umwelt diese sensiblen Signale überhaupt nicht mehr wahr. Damit ist uns der Zugang zu einer Wirklichkeit abhanden gekommen, von der wir wissen, daß sie existiert, die wir aber mit unseren Begriffen und Sprache nicht erfassen können.

Rauhala erläutert diese Beziehung anhand von Erfahrungen. Er erzählt von Rastplätzen der Hirten im Wald, an denen sich ein unerklärliches Wohlbehagen einstellt. Von einer uralten Quelle, auf die er gestoßen ist, als sie gerade versiegte. Das mag sich mystisch anhören, gründet aber letztlich auf uraltem Wissen.

Rauhala vermag auch streng analytisch einen Sachverhalt zu formulieren, mit wissenschaftlichen Mitteln und Kriterien. Er hat sich; via Belletristik und wissenschaftliche Literatur schon früh mit Philosophie beschäftigt. Drei akademische Abschlüsse kann er aufweisen.

Bei soviel Begabtheit und Bildung kann es nicht verwundern, daß Rauhala auch ein beredter Essayist ist. Ein analytischer Approach, insbesondere bei der Interpretation eigener Arbeiten, ist in Kunstzirkeln, in denen „ungehemmte Eruptionen der Emotionen” hoch im Kurs stehen, verpönt.

Doch davon läßt Rauhala sich nicht beirren: „Mein ganzes Leben bestand aus Querverweisen zwischen Natur, Wissenschaft und Kunst, bis sie schließlich zusammenzuwachsen begannen.”

Zwischen unterschiedlichen Approachs bleibt eine Grenzzone, die für Rauhala eine Herausforderung darstellt: „Nach meinem Selbstverständnis male ich mich selbst und meine Umwelt”, schreibt er zu Beginn eines Essays, den er mit den Sätzen beendet: „Das Interessanteste ist die Erforschung des Niemandslandes... Hier kann sich etwas Neues herausbilden, das sich eigenständig macht”.

Im Niemandsland kann man Informationen über die Grenzen finden, die die Natur der menschlichen Existenz setzt.

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