Mehr Millionäre denn je in Finnland
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Zu den auf Titelblättern prunkenden Schönheitsköniginnen und Fernsehstars hat sich eine Schar von protzigen Promis zugesellt: junge Neureiche. Erben des alten Geldadels scheuen traditionell die Öffentlichkeit. Der Zeitungsmogul Aatos Erkko, Hauptaktionär des Konzerns Sanoma-WSOY, zählte Ende 2000 zu den reichsten Männern Finnlands - und meidet die Öffentlichkeit. Junge Neureiche hingegen präsentieren sich gern in Schickimicki-Kreisen und in der Regenbogenpresse. Es gibt in Finnland heute fast 15 000 mehr Millionäre als vor fünf Jahren.

Die durch die drahtlose Telekommunikation und das Internet reich gewordenen Finnen haben in zehn Jahren Reichtümer angehäuft, für deren Akkumulierung die Repräsentanten des alten Geldes hundert Jahre gebraucht haben. So ist es in einem im November erschienenen Buch nachzulesen, in dem hundert der reichsten Finnen aufgelistet werden. Die Zeitung Helsingin Sanomat schob zur gleichen Zeit eine eigene Milliardärliste nach. Ganz oben prangte der Hauptaktionär der Datensicherheitsfirma F-Secure Risto Siilasmaa mit einem Vermögen von 6 724 Mio. FIM (1 120 Mio. Euro), Aatos Erkko nahm mit 5 190 Mio. FIM (865 Mio. Euro) den zweiten Platz ein. Doch im November war Erkko wieder obenauf. Die auf künftige Gewinnerwartungen, nicht auf Erträge und Substanz basierende F-Secure war tief in den Keller gerutscht. Zum Verdruss vor allem von Kleinanlegern, die es auf eine schnelle Börsenmark abgesehen haben, gibt es eine ganze Reihe von solchen Fällen in Finnland.

Seit Anfang 1999 sind in Finnland Reichtümer in einem Tempo gescheffelt worden, wie man es früher nicht für möglich gehalten hätte. Etliche der Digitalmillionäre gingen auf Nummer Sicher und haben ihren Besitz schon verkauft. Zum Beispiel der Gründer von JOT Automation Veikko Lesonen, 42, der für seine Aktien 820 Mio. FIM (136 Mio. Euro) einstrich. Nach zwei Monaten hatte die Firma rund die Hälfte ihres Börsenwertes verloren - wie etliche andere Spitzentechnologiewerte auch. Risto Siilasmaa, dessen Milliarden ein rein rechnerischer Besitz sind, kapitalisierte im gleichen Frühjahr nur bescheidene 21 Mio. FIM (3,5 Mio.Euro). Lesonen beabsichtigt seine Millionen in eine Stiftung einzubringen, die fallierte Unternehmer und deren Familien unterstützt.

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Ein Kapitel für sich sind die fetten Optionen, die sich das gehobene Nokia-Management neben dem regulären Gehalt genehmigte. So brachte es Jorma Ollila, Generaldirektor von Nokia, 1999 auf ganze 87 408 315 FIM, 1,7 Mio. FIM (0,3 Mio. Euro) bringt er Woche für Woche nach Haus. Sari Baldauf, geschäftsführende Direktorin von Nokia Networks verdient monatlich so viel wie der Generaldirektor der Finnischen Bank im ganzen Jahr - 4,8 Mio. FIM (0,8 Mio. Euro). Zum Vergleich: Formel-1-Ass Mika Häkkinen fährt pro Jahr ein Gehalt von 61 Mio. FIM (10 Mio. Euro) ein. Der Durchschnittsverdienst in Finnland betrug im vergangenen Jahr 12 100 FIM (2000 Euro) im Monat.

Mit Lamborghinis auf die Titelseiten

Die blutjungen Neureichen schwimmen auf der Woge der digitalen Wirtschaft obenauf.
Jaakko Rytsölä, 27, finnischer Internetunternehmer, erfuhr auf nächtlicher Straße im hohen Norden einen schweren finanziellen Aderlass. Nicht, dass Technologiewerte eingebrochen wären. Rytsölä fuhr 70 Kilometer in der Stunde, wo 40 erlaubt sind. Er wurde von der Polizei erwischt. Strafe: 77112 Euro, mehr als 150 000 Mark.

Die Schrecken erregende Zahl war überaus korrekt. Die Höhe des Bußgeldes richtet sich in Finnland nicht nur nach Höhe der Geschwindigdigkeitsüberschreitung, auch das „nordische Prinzip” spielt eine Rolle, sagt ein Sprecher des Innenministeriums: „Je mehr du verdienst, desto mehr zahlst du.” Nur konnten bis vor kurzem Wohlhabende über ihr monatliches Einkommen selbst Auskunft geben und phantasievoll nach unten korrigieren.

Heute wählt sich der Streifenpolizist mit seinem Handy in die offiziellen Steuerlisten des Finanzamtes ein. Rytsölä empfiehlt darum: „Wenn du viel verdienst, solltest du dein Auto nicht mal berühren.” Schließlich könnte eine Geschwindigkeitsüberschreitung die reichsten Finnen mehrere hunderttausend Mark kosten.

DER SPIEGEL Nr.5/2001

Der Kurs der Firma 2000 Jippii Group Oyj (früher Saunalahti Oy), eines Internet-, Telekommunikations- und Inhaltanbieters, hat im Laufe der Jahre kräftig Federn lassen müssen, aber die Hauptaktionäre, die Brüder Jaakko (26) und Antti (24) Rytsölä, leben gleichwohl auf großem Fuß. Die Jungunternehmer brachten es auf die Titelseite einer Boulevardzeitung, als sie beide 2,65 Mio. FIM (0,4 Mio. Euro) für ein Auto hinblätterten, wie man es hier zu Lande noch nicht gesehen hatte: einen Lamborghini Diablo VT Roadster. Kurz darauf legte Jaakko Rytsölä sich obendrein einen roten Ferrari Modena 360 für 1,7 Mio. FIN (0,3 Mio. Euro) teuer - mit Formel-1-Getriebe und 400 PS. Nachdem er mit seinem Ferrari beim Rasen erwischt wurde, wurde Rytsölä mit 300 000 FIM (50 000 Euro) zur höchsten Verkehrsbuße aller Zeiten verdonnert. Und sein Name stand prompt schon wieder in der Zeitung.

Doch wie die Regenbogenpresse enthüllte, hat der Millionär ein Herz aus Gold. Unter riesigen Lettern war nachzulesen, dass Rytsölä 100 000 FIN (16 600 Euro) für eine Herzoperation eines 1 1/2-jährigen estnischen Mädchens spendiert hatte. „Die Kleine muss über den Berg”, versichert der Spender treuherzig.

Über den Nachwuchs des alten Geldadels wird ebenfalls fleißig berichtet. So wird der Milliardär Jussi Salonoja, 24, zum begehrtesten Junggesellen des Landes hochgejazzt. Salonoja besitzt die Eishockeymannschaft Espoo Blues.

Auch die Zahl der weniger prominenten Millionäre nimmt ständig zu: Vor fünf Jahren waren es 3 500, heute sind es schon über 18 000 Millionäre. Die meisten von ihnen sind alles andere als öffentlichkeitshungrigre Wichtigtuer. Ein finnischer Börsenmillionär ist Untersuchungen zufolge ein durchschnittlich 50-jähriger Mann, der im Großraum Helsinki wohnt und Schwedisch als Muttersprache spricht. Die Rytsöläs und Lesonens bilden nur die sichtbare Spitze des Wohlstands. Die alteingesessenen begüterten Familien werden immer reicher. Die Börsenmillionen konzentrieren sich in wenigen Händen. Die reichste Hälfte der Finnen besitzt 70 Prozent aller Aktien. Nur die Zahl der Neider wird nicht kleiner.

Siehe auch:
WTF-O Die Nokiasierung Finnlands