Passagierfähren
auf der Ostsee
 
Image size 32 Kb

Das Meer bot Finnland über Jahrhunderte Zugang zu Europa und der Welt. Das hat sich in einer veritablen Seefahrts- und Schiffsbautradition niedergeschlagen. Der Åländer Gustav Erikson gebot in den 30er Jahren sogar über die größte Segelschiffflotte der Welt. Heute durchpflügen riesige Passagier- und Autofähren - vielseitige Einkaufsbasare und Vergnügungszentren in einem - das einzigartige Schärenmeer. Die Fähren der finnischen Redereien Silja Line und Viking Line, die jährlich Millionen von Fahrgästen befördern, sind die unangefochtenen Herrscher auf diesen Routen.

Ostsee-Reeder verdienen mehr Geld mit Fracht

Wo es vor einem Jahr noch lange Gesichter gab, als die Rettung des Tax-Free-Verkaufs innerhalb der Europäischen Union in letzter Minute gescheitert war, herrscht jetzt wieder Optimismus und Zukunftsglaube. Nachdem der steuerfreie Verkauf von Alkohol, Tabak und anderen Waren am 1.Juli 1999 innerhalb der EU verboten wurde, haben die Fährreedereien gelernt, auch ohne dieses Zubrot auszukommen. Statt skandinavischen und deutschen Tax-Free-Kurzurlaubern sind nun Frachtkunden die wichtigste Klientel. Entsprechend werden die Flotten nach den neuen Gesichtspunkten umstrukturiert: In den vergangenen Jahren wurde auf der Ostsee keine einzige klassische Passagierfähre mehr in Dienst gestellt. Vielmehr sind es heute Frachtschiffe mit Fahrgasteinrichtungen.

Berliner Zeitung am 3.7.2000

Die finnischen Ålandinseln, eine autonome Provinz im Südwesten des Landes, spielen eine entscheidende Rolle im Passagierfährverkehr. Der Provinz wurde innerhalb der Europäischen Union ein Sonderstatus zuerkannt. Ein Abstecher zu den Ålandinseln auf der Route Finnland-Schweden ermöglicht Tax-free-Verkäufe an Bord, die ansonsten innerhalb des EU-Gebiets nicht mehr erlaubt sind. Die Rentabilität des äußerst regen Schiffsverkehrs im Schärenmeer und auf dem Finnischen Meerbusen beruht zum größten Teil auf den steuerfreien Einkäufen an Bord. Der Fährverkehr zwischen Finnland und Schweden, der diesen Vorteil nicht mehr zu bieten hat, ist stark zurückgegangen. Die kurze Route zwischen der estnischen Hauptstadt Tallinn und Helsinki wird so oft befahren, daß man sie oft mit dem Straßenbahnverkehr verglichen hat.

Chance für Autofähren

Der Autofährverkehr bot 1959 eine Chance, die der Gründer der Viking Line Gunnar Eklund erkannte und wahrnahm. Der rigorose Strukturwandel in Finnland nach dem 2. Weltkrieg brachte es mit sich, daß die ländlichen Bezirke ihre Einwohner nicht mehr ernähren konnten und in den Ballungszentren die Arbeit ausging. Hunderttausende von Finnen setzen die Arbeitsuche in Schweden fort. Nur das Meer trennte die Auswanderer von ihrer Heimat und ihren Verwandten, und darin sah Eklund seine Chance. Er erwarb ein altes Schiff, das u.a. als Lazarettschiff bei Invasion in der Normandie gedient hatte. Er ließ ein Autodeck etliche Kabinen einbauen. Eingesetzt wurde die neue Autopassagierfähre erstmals auf der Route zwischen dem finnischen Naantali und dem schwedischen Kapellskär. Die meisten Passagiere übernachteten indessen auf Deckliegen, für sie war die Hauptsache, samt ihrem Auto ans Ziel zu gelangen. Der Service an Bord war bescheiden, doch die Idee der Rederei erwies sich als rentabel.

Image size 19 Kb Heute nach vierzig Jahren hat sich die Situation nachhaltig verändert. Die simplen Autofähren haben sich zu gigantischen Fahrgastkreuzern ausgewachsen, die die Etagenhäuser im Hafen überragen. Harri Wikström, Generalmanager der „Mariella” von Viking Line merkt an, daß sein eigenes Schiff 1985 während eines kräftigen wirtschaftlichen Aufschwungs gebaut wurde. „Damals konnten wir ein enormes Wachstum verzeichnen, nur an Passagieren, die den vollen Preis zahlten, mangelte es. Die Mariella war bei ihrer Fertigstellung die größte Autofähre der Welt, und das Niveau der Kabinen und Restaurants war rapide gestiegen. Auch die Reisemotive hatten sich geändert. Insbesondere im Winter waren die meisten der Passagiere auf der Helsinki-Stockholm-Route Pendler, die sich nur ein paar Stunden in Stockholm aufhielten, um hier einzukaufen oder kulturelle Einrichtungen kennenzulernen.”

Die andere große Reederei, die Silja Line, stieg alsbald mit eigenen Fähren in den Passagierverkehr ein. Auch sie ist nun schon 40 Jahre im Geschäft. Der Passagierfährbetrieb hat sich in dieser Region zu einer Institution gemausert. An der finnischen Küste sind Helsinki und Turku die wichtigsten Häfen, zwischendurch wird ein Abstecher nach Mariehamn auf den Ålandinseln eingelegt, und in Schweden ist Stockholm der Hafen Nummer eins. Auf der Route Helsinki-Stockholm legen die Fähren nur auf der Rückfahrt frühmorgens in Mariehamn an, kaum ein Passagier verläßt hier das Schiff oder steigt zu. Das Passagieraufkommen der Viking und Silja Line beträgt auf diesen Routen insgesamt 8 Millionen Personen. Andere Reedereien, die andere Routen bedienen, müssen sich mit niedrigeren Passagierzahlen begnügen.

Zwischen Helsinki und Tallinn befördert die Reederei Tallink die meisten Passagiere, über 2,3 Millionen pro Jahr. Auch auf dieser Route sind die Silja und Viking Line mit über 1,3 Mio. Passagieren dabei. Die Tallinn-Reisen werden gemeinhin als Bierfahrten eingestuft, weil viele Fahrgäste auf der Rückfahrt das gesetzlich erlaubte Maximum an billigen Bierdosenkartons anschleppen. Der Verkehr legte kräftig zu, als sich Estland von der Sowjetunion abgenabelt hatte. 1991 betrug die Gesamtpassagierzahl 100 000, 1993 wurden die Millionenmarke überschritten, und heute ist sie auf 5,7 Mio. Personen hochgeschnellt - mehr als Finnland Einwohner hat. Manche machen die Einkaufstour offenbar über zwanzig Mal, sonst lassen sich diese Zahlen nicht erklären.

Verlockende Szenerie und Dienstleistungen

Neue Schnellfähren von Rostock nach Finnland und Schweden

Die Vorbereitungen für eine neue Ostseefährlinie zwischen Rostock, dem finnischen Hanko und Södertalje bei Stockholm laufen auf Hochtouren. Im Mai 2001 soll die Route befahren werden.

Die hochmodernen Fähren mit einer Geschwindigkeit von 29 Knoten sollen die schnellste Verbindung zwischen Rostock und dem südlichen Finnland sowie der Region Stockholm in 21 beziehungsweise 17 Stunden realisieren. Bei einer Gesamtlänge von 204 Metern mit zehn Decks können 680 Passagiere, Güter auf 1900 Lademetern und etwa 100 Pkw transportiert werden.

Gebaut werden die Schnellfähren bei der Howaldtswerke Deutsche Werft AG (HDW) in Kiel. Die beiden ersten Schiffe werden Ende Frühjahr 2001 ausgeliefert, die Fertigstellung der beiden Nachfolger ist bis zum Herbst vorgesehen. Die RoPax-Fähren - der Begriff steht für kombinierte Fracht- und Passagierfähren - sollen dann im Rostocker Überseehafen anlegen.

Bjarne Solstrand, Kreuzfahrt- Manager der „Silja Serenade”, erzählt auf der Fahrt von Helsinki nach Stockholm, daß mit den Jahreszeiten auch die Kundschaft wechselt. „Im Sommer sind Geschäftsleute rar, aber im Winter werden auf den Schiffen beliebte Konferenzen durchgeführt. Im Sommer tummelt sich eine bunte internationale Schar an Bord: viele Japaner, Amerikaner und Leute aus europäischen Ländern. Das Schärenmeer mit seiner malerischen Szenerie lockt, und natürlich auch der Service an Bord. Unübersehbar sind auch die vielen finnischen Familien im Sommer, und im Herbst werden zahlreiche Gruppenreisen u.a. für Senioren durchgeführt. Man kann sogar ein Schiff für eine 20stündige Kreuzfahrt auf offener See chartern.”

Noch in 70er Jahren bestand ein signifikanter Unterschied zwischen den weißbordigen Schiffen von Silja und den roten von Viking, was Image und Kundschaft anbetrifft. Vikings Zielgruppen waren eindeutig die Jugend und das „gewöhnliche Volk”, während Silja es auf ältere und „seriösere” Passagiere abgesehen hatte. Der harte Wettbewerb hat inzwischen diese Unterschiede eingeebnet. Um rund ums Jahr einen hohen Auslastungsgrad zu erzielen, bieten nun Schiffe beider Reedereien Dienstleistungen und Kabinen für einen dicken und einen kleinen Geldbeutel an. So kann man an Bord in einem noblen Gourmet-Restaurant speisen - oder sich einen Hamburger kaufen. Geboten wird Live-Musik für jeden Geschmack und für Kinder ein eigenes Programm und Spielplätze. Am Abend bietet sich eine fetzige Disco oder ein dezenterer Nachtclub an. Die Bordshops bieten neben steuerfreien Tabakwaren und Spirituosen verschiedenartigste Produkte an, von Kleidung bis zu elektronischem Gerät.

Bezogen auf Finnlands Einwohnerzahl sind der rege Fährverkehr und die Kreuzfahrten im Schärenmeer und auf der Ostsee ein beeindruckendes Phänomen. Für die Reedereien sind sie ein glänzendes Geschäft, das nur durch ein Verbot des Tax-free-Handels ruiniert werden kann.

Siehe auch:
WTF-O Schiffe erzählen die Turku-Chronik
SonntagsZeitung: Meerdimensional