Wettbewerbs-Apostel in Brüssel
Image size 17 Kb Eines der wichtigsten Ressorts der EU-Kommission erhielt der Finne Erkki Liikanen, 49. Er bemüht sich um eine präzise Beschreibung seines Geschäftsbereichs, als ob sein Aufgabenbereich in der Öffentlichkeit nicht hinreichend deutlich dargestellt wurde. „Mein Ressort umfaßt zwei Generaldirektionen: Unternehmen und Informationsgesellschaft. Damit wurden alle wesentlichen Aufgaben, die mit der Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union zu tun haben, auf einen Kommissar konzentriert.”

Erkki Liikanen könnte man als einen talentierten und zielstrebigen Senkrechtstarter charakterisieren. Er engagierte sich schon in der Schule politisch und wurde 1971 im Alter von gerade 21 Jahren ins Parlament gewählt. Zehn Jahre später brachte er es zum Generalsekretär der Sozialdemokratischen Partei. Finanzminister war er von 1987-90, danach siedelte er als Botschafter Finnlands bei der Europäischen Gemeinschaft nach Brüssel über. Als Finnland der EU beitrat, wurde Liikanen 1995 Mitglied der Europäischen Kommission, zuständig für Haushalt, Personal und Verwaltung, Übersetzungsdienst und Datenverarbeitung. Als einer von vier Kommissaren, die aus der vorhergehenden Kommission übernommen wurden, leitet er 1999 sein neues Ressort in der Kommission von Romano Prodi. Eine steile Karriere für einen Politiker, der nicht einmal 50 Lenze zählt.

Als er noch Finanzminister war, konnte man Erkki Liikanen gelegentlich im Kaffeezelt auf dem Marktplatz von Helsinki antreffen, das nur einen kurzen Spaziergang vom Ministerium entfernt ist. Der gesprächige, leutselige Politiker brauchte nie allein an seinem Tisch sitzen. Die Leute erkannten und kannten ihren Minister. Heute kann er sich wieder wie Hinz und Kunz in Helsinki bewegen, ohne sonderlich aufzufallen. Die zig Jahre in Brüssel haben seinen Bekanntheitsgrad hierzulande geschmälert. Liikanen ist als Finne in hohen EU-Positionen oder gar als zweifacher Kommissar ein ausgesprochener Ausnahmefall.

Standards und Normen für die EU-Gesetzgebung

Wenn Erkki Liikanen über seine neuen Aufgaben spricht, ist allenthalben von Wettbewerbsfähigkeit die Rede. „Zu meinem Geschäftsbereich gehört die Gesetzgebung für die Informationsgesellschaft. Mit ihr soll der Wettbewerb gefördert und das Preisniveau gesenkt werden. Uns steht ein Forschungsetat von rund einer Milliarde Euro im Jahr für diesen Zweck zur Verfügung. Im Unternehmensbereich zählen die Binnenmärkte zu meinem Ressort: Mittels Gesetzgebung sollen gemeinsame Standards und Normen bekräftigt werden, was für Unternehmen von großer Bedeutung ist. Zu meiner Arbeit gehören überdies die allgemeinen Voraussetzungen für unternehmerisches Handeln und Innovationen. Wir streben klare Regeln und einen funktionierenden Wettbewerb an.”

Das Aufgabengebiet des Kommissars ist zweischichtig: Er soll die Funktionalität der Binnenmärkte gewährleisten und sich zugleich für die Interessen der Unternehmen einzusetzen. „Beides gehört zu meiner Arbeit. Die Interessen europäischer Unternehmen müssen gegenüber anderen Weltregionen verteidigt und ihre globale Wettbewerbsfähigkeit gestärkt werden. Hinsichtlich der Neumitglieder behalte ich vor allem im Auge, wie das Wirtschaftsleben, die Unternehmenstätigkeit und die Telekommunikation der Beitrittskandidaten mit der allgemeinen Entwicklung Schritt hält. Das Erweiterungsprojekt verfolge ich auch als Kommissionsmitglied. Die Tagungen der Kommission sind selbstredend ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit, hier werden gemeinsame Anliegen vorangebracht.”

Zu Liikanens Problemen gehören auch Lebensmittelfragen, die in den letzten Monaten immer wieder Schlagzeilen gemacht haben. „Auf diesem Gebiet scheinen die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten ein permanentes Fragezeichen bekommen zu haben. Der europäische Verbraucher ist zur Zeit höchst sensibel. Die Leute wollen wissen, was Lebensmittel alles enthalten. Es werden nun einfache, klarere und offenere Richtlinien erarbeitet, die hoffentlich schon im Jahr 2000 in Kraft treten.”

Der Richtliniendschungel wird gelichtet Image size 14 Kb

Unternehmer klagen oft über den Richtliniendschungel der Union, in dem man sich oft nur mit größter Mühe zurechtfinden kann. Dazu Kommissar Liikanen: „Der für die Binnenmärkte zuständige Kollege und ich haben uns gemeinsam mit diesen Problemen befaßt. Wir streben an, das Arbeitsrecht zu vereinfachen und die Belastungen für Unternehmen zu verringen. Auf diesem Gebiet wird sich etwas tun.”

In Brüssel wimmelt es von Lobbyisten, die die EU-Gesetzgebung zu beeinflussen suchen. Doch ein Kommissar hat einfach nicht genügend Zeit, um alle Interessenvertreter anzuhören. „Ich halte mich lieber an Leute, die direkt für die Geschäftsleitung ihres Unternehmens verantwortlich sind.” konstatiert Liikanen. „Die Kontaktpflege mit der Geschäftswelt, mithin mit allen Unternehmen in 15 Ländern, ist ein so großes Aufgabenfeld, daß man sich dabei zwangsläufig auf das Wesentliche beschränken muß.”

Wirtschaftsnachrichten in letzter Zeit kündeten allenthalben von großen Firmenfusionen. Auch Finnland hat in den letzten Jahren etliche Verschmelzungen von Banken und anderen Unternehmen erlebt. Erkki Liikanen hält diese Entwicklung angesichts der globalisierten Märkte nicht nur für logisch, sondern auch für sinnvoll. „Man muß nur dafür Sorge tragen, daß der Wettbewerb nicht beeinträchtig wird und dem Verbraucher Alternativen bleiben. Wiewohl es auch künftig Fusionen geben wird, müssen auch die Voraussetzungen für die Neugründung kleiner Unternehmen unterstützt werden. Es müssen die Wachstumsvoraussetzungen für Unternehmungen aller Größen gewährleistet werden.”

Die Erfahrungen, die der Kommissar aufgrund seiner finnischen Staatsangehörigkeit gemacht hat, sind durch die Bank positiv. Die finnische EU-Ratspräsidentschaft und die mit ihr verbundenen bedeutenden Konferenzen haben das Profil des Landes weiterhin geschärft. Erkki Liikanen bringt das Thema in seinen Arbeitsräumen in Brüssel auf den Punkt: „Finnland genießt hier einen guten Ruf. Finnen reden nicht lange drum herum, sie konzentrieren sich auf das Wesentliche.”

Erkki Liikanen - Mitglied der Europäischen Kommission