Image size 23 Kb Die Zeit wird zeigen, welche Form Bestand hat

Pekka Jylhä war im Herbst des Jahres 2000 Finnlands gefeiertster bildender Künstler. Anfang September wurde nach Jylhäs Entwürfen ein Denkmal des langjährigen finnischen Präsidenten Urho Kekkonen enthüllt. Das Denkmal bildet eine erfrischende Ausnahme unter den zahlreichen herkömmlichen Granitmonumenten. Es ist ein aus vielen Teilen zusammengesetztes Umweltkunstwerk, das von Kritikern und gewöhnlichen Bürgern mit viel Lob bedacht wurde.

Urho Kekkonen, der 25 Jahre im Amt war, ist für Finnen kein x-beliebiger Präsident. Noch heute, 15 Jahre nach seinem Tod, polarisiert er Meinungen und Gefühle. Dass der junge Bildhauer Jylhä vor vier Jahren aus einem Ausschreibungswettbewerb für das Kekkonen-Denkmal als Sieger hervorging, war folgenreicher, als er selbst ahnen konnte.

„Ich war ein Jahr alt, als Kekkonen Präsident wurde. Ich habe mich nie für Politik interessiert und nicht ganz begriffen, wie viel er für die Finnen bedeutet. Ich habe einfach ein Denkmal über eine Person geschaffen und war glücklich, als ich den Wettbewerb gewann. Erst allmählich wurde mir klar, wie wichtig dieses Denkmal war”, resümiert Jylhä.

Das Umweltkunstwerk steht harmonisch eingebettet im Zentralpark von Helsinki. Es besteht aus einem Stahlbecken, vier auf Säulen ruhenden Bronzehänden und aus einem zweiteiligen Gedenkstein in einem Fels auf der gegenüberliegenden Seite des Parkwegs. Das Wasser in dem augenförmige Becken ist rund ums Jahr in Bewegung. Die Bronzehände erheben ich oberhalb des Beckens in einer segnenden Pose.

„Ich wollte, dass der Betrachter in ein Umfeld mit dramatischen und auch mystischen Qualitäten eintritt, und dass er die Einwirkung verschiedener Elemente deutlich verspürt. Machtsymbole lassen sich nur schwer darstellen, sie manifestieren sich mitunter in sekundären Dingen”, meint Jylhä über sein Kunstwerk.

Geschichtenerzähler

Pekka Jylhä, geb. 1955

Hochschule für Angewandte Kunst, Helsinki (1980-85)
Kunstakademie Helsinki (1984-87)
Royal Art School, Stockholm (1987-88)

Zahleiche Werkschauen und Gruppenausstellungen in Finnland, Schweden, Norwegen, Dänemark, Estland, Frankreich, Italien, USA und Deutschland.

Öffentliche Arbeiten u.a. in Helsinki, Kokkola, Vantaa, Järvenpää und Kuopio.

Jylhä verwendet in seinen Werken ein weites Spektrum von Materialien. Rostfreier Stahl, Bronze, Gold, Beton, Glas, ausgestopfte Tiere, Aquarien samt Fische - die Liste ließe sich beliebig verlängern. Der Lichteinfall spielt bei seinen Arbeiten eine wesentliche Rolle, ein zweites Element, das er oft einbezieht, ist Wasser. Typisch für Jylhä sind oft auch komplizierte technische Lösungen und Maschinen, für die Ingenieurskünste vonnöten sind.

„In jedem Werk steckt auch eine Geschichte. Wenn ich die Geschichte kenne, mache ich daran zu erkunden, mit welchen Materialien ich sie am besten erzählen kann. Das macht die Arbeit erst richtig interessant.

Das Geschichtenerzählen begann für ihn Anfang der 90er Jahre. Pekka Jylhä war neun Jahr alt, als er nach der Schule seine Mutter tot im Schaukelstuhl fand. Der Stuhl wippte noch ein bisschen. Der Verlust seiner unersetzlichen Mutter hinterließ bei dem Jungen Wunden, die erst im Erwachsenenalter allmählich vernarbten. Als Jylhäs erstes Kind, der nun 7-jährige Otso geboren wurde, kehrte die schmerzliche Erinnerung schlagartig zurück. Jylhä schuf über den Tod seiner Mutter eine raumfüllende Skulptur für die Helsinkier Galerie Sculptor.

Sie besteht aus einem hölzernen, bleibeschichteten Schaukelstuhl mit einem Motor, der den Stuhl unmerklich langsam hin und herwippt. In der Ausstellung wurde das Werk durch ein Aquarium mit lebendigen Karpfen ergänzt. Das Aquarium wurde so positioniert, dass man durch das Wasser die uralten Grabsteine des sog. Pestparks neben der Galerie sehen kann. „Diese Botschaft ist gut rübergekommen. Alle Besucher hatten das Gefühl, jemand habe soeben den Raum verlassen.”

Gekritzel ging in Bildersprache über

Pekka Jylhä glaubt, dass die Erfahrung des Todes seiner Mutter ein Grund für seine Künstlerlaufbahn war. Sein Elternhaus stand in Ostbottnien, sein Vater war Kaufmann und wie sich Jylhä erinnert, mehr im Geschäft als zu Haus. Die fünf Kinder der Familie lebten hauptsächlich mit der Mutter.

„Nach dem Tod meiner Mutter habe ich angefangen, sehr undeutlich zu schreiben, ich hatte wohl eine kleine Rechtschreibschwäche. Schließlich ging das Gekritzel in eine Bildersprache über. Ich glaube, dass ich meine eigene Sprache in Bildern gefunden habe, das war wichtig und richtungsweisend.”

Das Elternhaus stand an einem Flussufer, an dem der kleine Pekka alles Mögliche skizzierte. Er verewigte auch die Kunden im Dorfgeschäft seines Vaters, die sich erkenntlich zeigten, manchmal auch erhielt er auch Geld für seine Skizzen. In dem ländlichen Milieu seiner Kindheit tummelten sich natürlich auch viele Tiere: Katzen, Hunde, ein Kaninchengehege und Omas Kühe. Das Leben war stark aufs Praktische ausgerichtet.

Von den Landschaften seiner Kindheit ist vor allem das Element Wasser in Jylhäs Arbeiten eingeflossen, auch Tiere sind oft vertreten. „Ich bekomme ausgestopfte Tiere vom Naturwissenschaftlichen Museum, kein Tier musste für meine Arbeiten sterben. Durch Tiere kann man leicht Botschaften herüberbringen, jeder Mensch hat irgendeine Beziehung zu Tieren. Ihre Anwesenheit verleiht meinen Arbeiten einen gewissen humanen Aspekt, aber andererseits erinnern sie auch an die Brutalität des Menschen in seinen Beziehungen zur Natur.”

Neigung zum einfachen Leben

Jylhä bringt seine Kindheit und die Natur auch in seine Umweltkunstwerke ein, die er schon seit seiner Studienzeit konzipiert hat.

„Pflicht eines Künstlers ist es, an der Gestaltung des Stadtmilieus mitzuwirken und es humaner zu machen. Umweltkunstwerke sind harmonische Kraftquellen im menschlichen Maßstab. Schönheit und Harmonie stehen für mich im Mittelpunkt. Zu Harmonie kann man nur durch Gegensätze und Konflikte finden.”

Die Neigung zu einer ländlichen Umgebung und zu einem einfachen Leben sitzt bei Jylhä tief. Die Anpassung an das Treiben der Kunstakademie Helsinki ist ihm entsprechend schwer gefallen. Heute wohnt die Familie Jylhä in Helsinkis Nachbarstadt Espoo, in der Gartenstadt Tapiola. Er wohnt in einem von dem renommierten finnischen Architekten Aulis Blomstedt entworfenen Reihenhaus, in dem jede Wohnung mit einem geräumigen Atelier verbunden ist.

Jylhä hält sich viel in der Natur auf, wo er z.B. mit seinem ältesten Sohn zeltet. „Ich liebe das einfache Sommerhausleben über alles. Ich möchte meine Vorliebe für das Landleben auch an meine Kinder weitergeben, damit sie nicht allzu sehr verstädtern.”

Langsamer, gründlicher Arbeiter

Für Jylhä ist Kunstschaffen alltägliche Maloche. „Ich beginne mit der Arbeit morgens, wie alle anderen auch, und arbeite dann voll durch. Ansonsten bin ich nicht besonders systematisch, aber bei der Arbeit halte ich mich an bestimmte Schemata. Ich bin ein langsamer und gründlicher Arbeiter. Ich denke lange über ein Projekt nach, bevor ich es in Angriff nehme. Ich skizziere und fertige präzise Miniaturmodelle an, bevor ich mich an die eigentliche Arbeit mache und sie sodann sorgfältig nacharbeite. Nach jeder Phase werden sie im Allgemeinen besser. Oft lege ich eine Arbeit für zum Beispiel einen Monat beiseite. Die Zeit wird sich zeigen, welche Form Bestand hat und welche nicht”, schildert Jylhä seinen Arbeitsprozess.

„Es kann auch passieren, dass eine Arbeit bereits in einer Ausstellung gezeigt wird und ich trotzdem solange daran weiterarbeite, bis ich die endgültige Form gefunden habe. Das passiert mir öfter.”

Auch das passiert öfter: Dass die Kinder Otso (7 Jahre), Marjatta (5 Jahre) und Ilmari (2 Jahre) mit ihrem Vater am Arbeitsplatz tollen. Jylhä spricht gerne über seine Arbeit, auch mit Kindern. „Kinder habe ein ganz unverfälschtes Verhältnis zu den Dingen. Sie haben sich, anders als Erwachsene, noch keine Meinung gebildet, wie Kunst auszusehen habe. Wenn Kinder etwas Interessantes sehen, grübeln sie sogleich darüber nach, was man damit anfangen könnte.”