Image size 23 Kb Osmo Vänskä und die Sinfonia Lahti

Tausende von Sinfonieorchestern wetteifern weltweit unter Tausenden von Dirigenten um musikalische Höchstleistungen und volle Konzertsäle. Neue Einspielungen werden in einem früher für unglaublich gehaltenen Tempo auf den Markt geworfen. Dabei spielen u.a. die berühmten Philharmonien der Musikmetropolen Wien, Berlin und New York in einer eigenen Liga. Wie kann sich ein kleines finnisches Stadtorchester in diesem musikalischen Überangebot profilieren? Dieses Kunststück hat die finnische Sinfonia Lahti unter Leitung ihres Chefdirigenten Osmo Vänskä fertiggebracht.

Die städtische Philharmonie - Sinfonia Lahti - besteht seit 1988. Seit zehn Jahren können ihre Einspielungen mit der Musik Jean Sibelius' internationale Preise einheimsen: von der renommierten britischen Zeitschrift The Grammophone (1991 beide Versionen des Violinkonzerts, Solist Leonidas Kavakos und 1996 die Originalversion der 5. Sinfonie sowie En Saga), 1993 den Prix Academie Charles Cros (Der Sturm) und 1997 zwei erste Auszeichnungen des Cannes Classical Award in der Kategorie Orchesteraufnahmen (5. Sinfonie, En Saga, Die Waldnymphe).

Chefdirigent Osmo Vänskä (geb. 1953) ist wie sein Orchester (gegründet 1949) noch jung. Seine internationale Karriere wurde 1982 durch den Sieg in einem internationalen Dirigentenwettbewerb im französischen Besançon von auf den Weg gebracht. Danach hat er bedeutende Orchester in Europa, in den USA, in Australien und Japan unter dem Taktstock gehabt.

Der Weg zum Weltrum ist mit guten Aufnahmen gepflastert

Der als Perfektionist bekannte Osmo Vänskä zeigt sich über eine Unterbrechung der Aufnahmen besorgt, die in der neuen Sibelius-Halle in Lahti eingespielt und 2001 auf den Markt kommen sollen. „Wir hatten eine schwierige Aufnahmesitzung. Das sieht man mir wohl an”. Er sucht nach einer Metapher aus dem Skisport, schließlich hat sich Lahti auch mit Skiwettbewerben einen Namen gemacht. „Augenblicklich steckt die Musik in einer Steigwachsphase: Die Skier haften zwar, gleiten aber nicht. Aber keine Sorge. Dieses Orchester hatte schon immer den Ehrgeiz, Qualität abzuliefern.”

Die Sinfonia Lahti ist unter Ihrer Leitung raketengleich zur internationalen Spitze vorgestoßen. Wie konnte sich ihre Darbietungen von der Masse abheben?

Image size 29 Kb „Heute hängt ein hoher Bekanntheitsgrad immer mit Einspielungen zusammen. Ein Konzert, wo auch immer, ist nur ein örtliches Ereignis. Auch zu Gastspielen werden nur die Orchester eingeladen, deren Aufnahmen man kennt. Wir hatten das Glück, in eine Serie der BIS-Gesellschaft zu geraten, in der das Gesamtwerk von Sibelius aufgenommen werden soll. Dies hat sich der Direktor und Besitzer der Gesellschaft Robert von Bahr zur Lebensaufgabe gemacht. Raritäten, die bei Erstveröffentlichungen vergessen wurden, konnten daher mit viel Aufmerksamkeit rechnen. So bekamen wir einen Fuß in die Tür.”

„Ein bisschen Glück gehört auch dazu. Man muss halt zur rechten Zeit am rechten Ort sein. Die BIS hatte die Produktion der Serie mit dem Sinfonieorchester von Göteborg begonnen. Die Schallplatte wurde so populär, dass sogar die große Deutsche Grammophon Gesellschaft sie in ihr Programm aufnehmen wollte. Sie sind aber inzwischen nicht mehr an der Fortsetzung des Sibelius-Projekts interessiert. Wir hatte schon mehrere vorzügliche Schallplatten fertig aufgenommen”, sagt Vänskä nicht ganz unbescheiden. „Damit hatten wir unser Können hinlänglich unter Beweis gestellt und konnten die Arbeit Anfang der 90er Jahre fortsetzen.”

Sensationelle Funde

Robert von Bahrs konsequentes Unterfangen, auch die letzte Note von Sibelius auf Tonträger zu verewigen, hat zu aufregenden, ja sensationellen Funden geführt. Der Ursprung jeder in Werkkatalogen aufgeführten Komposition wurde zurückverfolgt. Dabei stießen die Forscher u.a. auf die schon vergessene Komposition „Die Waldnymphe”, von der zwei Versionen vorlagen. Eine kleinere mit einem Erzähler und eine größere, deren Existenz bislang unbekannt war. Der Sibelius-Forscher Prof. Fabian Dahlström ging dem Verdacht nach, dass es auch eine größere Version geben müsse und wurde in den Labyrinthen der Universität Helsinki prompt fündig. Vänskä ist noch immer Feuer und Flamme, denn „die größere ist ein dicker Hund.”

Die BIS war von den Auszeichnungen für die Sinfonia Lahti (und natürlich auch von den damit verbundenen gestiegenen Verkäufen) so angetan, dass sie dem Orchester die Aufgabe übertrug, die gesamte Orchestermusik von Sibelius einzuspielen. Entgegen der bisherigen Geschäftspolitik der BIS konnte die Lahti Sinfonia auch schon früher aufgenommene Kompositionen neu einspielen.

Concertgebow, Cleveland, Gewandhaus...

Osmo Vänskä hat nicht nur in Lahti Orchester auf Hochform getrimmt. 1993-1996 war er der Chefdirigent des Sinfonieorchesters von Island und trat mit dem Orchester u.a. in der Carnegie Hall in New York auf. Das Scottish Symphony Orchestra der BBC in Glasgow engagierte ihn 1996 als Chefdirigenten. Mit den schottischen Musikern hat er zuletzt Sinfonien des dänischen Komponisten Carl Nielsen aufgenommen. Vänskäs bekannteste Gastspieletappen der Saison 2000 und 2001 sind das Amsterdamer Concertgebow, Chicago, Cleveland, das Leipziger Gewandhaus und das französische Nationalorchester.

Dass man ihn als Sibelius-Dirigenten abstempeln könnte, macht Osmo Vänskä nichts aus. Er wird schon dafür sorgen, dass er bei Gastspielen auch andere Komponisten im Repertoire hat. Sinfonia Lahti hat auch reichlich zeitgenössische finnische Musik aufgenommen, u.a. Werke von Joonas Kokkonen, Kalevi Ahonen und Uuno Klami.

Sibelius ist trotzdem Vänskäs Markenzeichen geblieben. „In der Praxis dirigiere nur ich Sinfonien von Sibelius in Lahti. Auf Tourneen bleibt wenig Zeit für Proben. Das hat sich nun einmal so eingeschliffen, und niemand will das zurückdrehen.”

Werkgetreue Interpretationen

Unter Vänskäs Leitung hat die Sinfonia Lahti in den Vereinigten Staaten, in Japan, England, Spanien, Deutschland, Frankreich, Schweden, Estland und Russland gastiert - mit Sibelius als Rückgrat des Repertoires, versteht sich. „In Japan gibt eine Sibelius-Gesellschaft, die regelmäßig zwei Zeitschriften veröffentlicht. Dort ist Sibelius eine Attraktion, die Konzertsäle füllt. Die diesbezüglich vielleicht schwierigsten Länder sind noch immer Frankreich und vor allem Deutschland. Deutsche Musik ist - wenn ich das einmal überspitzt sagen darf - strukturell klarer als die von Sibelius, systematischer: Hier verlaufen die Melodien, hier die Harmonien, dort der Rhythmus. Bei Sibelius zirkuliert das gleiche Thema um das Orchester, die Rollen sind nicht so eindeutig verteilt. Das verlangt eine ungemein sensible und präzise Arbeit. Einen schlecht gespielten Beethoven kann man nicht überhören. Bei einem schlecht interpretierten Sibelius kann die Hauptsache unter Bagatellen begraben werden.”

Der Dirigent Osmo Vänskä geht seinen eigenen Weg - oder genauer, dem vom Komponisten vorgezeichneten Weg. „Ich weigere mich, den von der Tradition vorgegebenen Richtlinien zu folgen. Ich halte mich einzig an die Notation des Komponisten, detailgenau. Wenn das Haar schütterer wird, wächst vielleicht das Verständnis und glättet Ecken. Aber in der Musik darf man niemals Abstriche beim Zusammenspiel oder bei der rhythmischen Präzision machen, da darf nichts geglättet werden.”

Vänskä dirigiert Sibelius
HS: Osmo Vänskä joins the ranks of Finland's transatlantic conductors