Image size 28 Kb Urschrei
aus Oulu

Die Szene mutet militärisch an. Dreißig stämmige Kerle marschieren auf die Bühne. Alle in altmodischen schwarzen Anzügen, in weißen Hemden und mit Gummikrawatten. Ungerührt und mit grimmiger Miene nehmen sie ihren Platz in der Chorformation ein.

Auch harthörige Zuhörer fahren zusammen, wenn die Männer ihren Mund aufmachen. Keine Spur von Gesang, das ist ein Geschrei. Lauthals und aggressiv, aber auch rhythmisch diszipliniert. Kein Wunder, der Chor nennt sich kurz und bündig Mieskuoro Huutajat - Männerchor Schreihälse.

Von Evergreens bis zu Kinderliedern

Was den „Liedern” an melodischem Schmelz abgeht, machen die Chorknaben durch einen energiestrotzenden Vortragsstil wieder wett. Die dargebotenen Stücke - teils vaterländisches finnisches Liedergut, teils Volkslieder anderer Länder - lassen sich nur am Titel identifizieren. Ein eklektisches Repertoire. Zuweilen stimmt der Chor Evergreens der klassischen Musik oder auch mal ein Kinderlied an. Es kann auch passieren, daß sie in die UNO-Erklärung der Menschenrechte in die Welt hinausschreien.

So weit, so laut. Bis zum wohl bekanntesten finnischen Gesangsverein haben es die Schreihälse gebracht mit ihren urigen Darbietungen. Die Liste ihrer internationalen Auftrittsorte ist beeindruckend: Pariser Museum für moderne Kunst, Festspiele in Salzburg, Leichtathletik-EM, eine Tagung der EU-Handels- und Industrieminister oder als Aufwärmchor für die Gruppe Pet Shop Boys.

„Ich muß schon sagen, daß ich positiv überrascht bin, wie punktgenau die Botschaft des Chors herübergekommen ist - obgleich der Chor nicht mal mit eindeutigen Botschaften aufwarten kann”, jauchzt Chorleiter Petri Sirviö.

Arktische Hysterie

Die Schreihälse erblickten vor zehn Jahren in der nordfinnischen Stadt Oulu das Licht der Welt. Eine Gruppe junger Männer sann damals in einer Kneipe über die finnische Chortradition nach und erwog die Möglichkeit, einen ganz neuartigen Chor zu gründen. Petri Sirviö setzte den Gedanken in die Tat um.

Der Männerchor Schreihälse trat 1987 erstmals in seiner Heimatstadt am finnischen Unabhängigkeitstag auf. Der Chor löste auf Anhieb ein gewaltiges Echo in den finnischen Medien aus. Journalisten überboten sich, den Schreihälsen einen „Urschrei aus Oulu” oder „arktische Hysterie” zu bescheinigen. Der Medienrummel bescherte den Männerchor alsbald erste Engagements außerhalb Oulus.

Europaweites Kultobjekt

Als sich der größte Rummel um den Chor gelegt hatte, war es schon zu spät: Die Schreihälse hatten sich längst zu einem europaweiten Kultobjekt gemausert. Im vergangenen Jahrzehnt suchte der Chor öfter ausländische als inländische Auftrittsorte heim.

Der Männerchor Schreihälse unternimmt jedes Jahr zwei ausgedehnte Tourneen durch Europa. Mehr Gastspiele sind nicht möglich, weil Chorleiter Sirviö der einzige Vollzeit-Schreihals ist. Die anderen Mitglieder sind gewöhnliche Finnen: Familienväter, Studenten, Rockmusiker und Ärzte. Zehn von ihnen waren von Anfang an mit dabei.

„Wenn der Chor neue Mitglieder aufnimmt, kann man die Neulinge in drei Gruppen einteilen. Ein Drittel gibt sofort auf, ein macht Drittel zwei, drei Jahre mit, und das letzte Drittel bleibt lebenslänglich”, weiß Petri Sirviö.

„Die wichtigsten Eigenschaften eines Neumitglieds sind Stimmgewalt und ein richtiger Impetus. Auf lange Sicht ist der Impetus am wichtigsten. Ich habe inzwischen soviel schreipädagogische Erfahrungen, daß ich fast jeden zum Schreien bringen kann.”

Markerschütternde Männerhorde

Image size 12 Kb

Petri Sirviö und seine Kneipenkumpane in Oulu konnte konnten seinerzeit nicht ahnen, wie tragbar sich ihre Idee sich erweisen würde. Obgleich der Männerchor Schreihälse im Lauf der Jahre erwachsener, disziplinierter und professioneller geworden ist, funktioniert der Gesangversein noch immer nach dem gleichen Muster.

„Neue Gesangtexte suche ich noch immer wie früher aus: Sie müssen einen Bezug haben zu einer geplanten Tournee oder zu einem anderen konkreten Ereignis.”

Mit anderen Worten: Wenn eine Österreich-Tournee ansteht, dann komponiert und arrangiert Petri Sirviö für den Chor Österreich-typisches Schreimaterial. „Als wir seinerzeit im Konzerthaus Wien aufgetreten sind, haben wir das Stück „An der Donau” einstudiert, eine Kollage aus drei berühmten Wiener Walzern und den Namen mehrerer Donaustädte. In diesem Kontext erhält das Stück eine ganz neuartige Bedeutung”, befindet Sirviö.

„Im allgemeinen beschaffe ich für den Chor Stücke mit einem bestimmten Inhalt. Das Stück muß einen Inhalt haben, der durch das Schreien verfremdet wird. So ist es für Nationalhymnen typisch, daß die Stimmungslage der Sänger oft mit dem Textinhalt kollidiert. Stimulierend wirken auch überraschende Entdeckungen, zum Beispiel die Grausamkeiten in vielen Kinderliedern oder das läppische Pathos von Kampfliedern.

Daß an den Worten Sirviös etwas dran ist, kann man bei Auftritten der Schreihälse erleben. Der Humor und die Ironie sind unüberhörbar, aber auch eine gewisse Würde und Respekt gegenüber der sprachlichen und musikalischen Tradition.

De facto vereinigt der Männerchor Schreihälse alle Paradoxe seiner Heimatstadt. Oulu ist eine polarnächtig verschlafene Industriestadt, die es irgendwie geschafft hat, zu einem Zentrum der Informationstechnologie aufzusteigen. Der Männerchor Schreihälse wiederum ist eine markerschütternde testosterontriefende Männerhorde, deren Gesang durchaus auch kultivierte und avantgardistische Züge aufweist.

O-Ton Petri Sirviö: „Man hat uns gelegentlich ein minimalistisches Artikulationsvermögen bescheinigt, aber manchmal muß auch maximalistisch auftrumpfen können.”

Huutajat - Konzerte und Auftritte
Mieskuoro Huutajat - schreiender Männerchor