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Hannu Väisänen:
Erst im Alter kommt man ans Ziel

 

„Ich weiß nicht, ob die Betonung des Individualismus bei der kreativen Arbeit wichtig ist - oder ob sie gar eine Grundbedingung für sie ist. Das ist eine moralisch-ethische Frage, und ich finde es gut, daß professionelle Künstler sie sich hin und wieder stellen”, meint Hannu Väisänen.

Hannu Väisänen trägt an der Last, die westlichen Künstler nach der Hochrenaissance aufgebürdet wurde. Ihr zufolge ist ein Künstler eine exemplarische Heldengestalt, die in der Einsamkeit des Ateliers einzigartige, der eigenen Fantasie entsprungene Bilder hervorbringt. Der Mythos vom heroischen Künstler verstärkt das Gefühl der berufsbedingten Isoliertheit, und das kollektive Gedächtnis der Menschheit als Inspirationsquelle tritt in den Hintergrund.

Als wir über die Arbeit des Künstlers reden, kommt der Maler wiederholt auf den Begriff „Gefühl der Isoliertheit” zurück. Dieses Gefühl und die völlige Einsamkeit bei der Arbeit belasten ihn offensichtlich sehr. Die trügerische Hoffnung der Kindheit, daß Bildermalen auch eine Form der Kommunikation sei, ist endgültig zerronnen.

Diese Illusion geht auf eine Erfahrung zurück, die der Schüler Hannu während der ersten Woche in der ersten Klasse der Volksschule machte. Da schlug er seiner vergötterten Klassenlehrerin vor, von ihr ein Porträt zu malen. Und setzte den hehren Vorsatz prompt in die Tat um.

„Damals hat sich in mir vermutlich der Eindruck verfestigt, daß Bilder malen eine Form der Kommunikation oder der Kontaktaufnahme sei. Als ich dann professionell als Maler arbeitete, mußte ich feststellen, daß das Bildermalen bedeutete, Jahr für Jahr einsam in seinem Atelier zu werkeln. Das ist ein mühsames, einsames Geschäft, ich habe dies dramatisch am eigenen Leib erfahren”, erinnert sich Hannu Väisänen.

Pure Begabung reicht nicht

„Laut Platon ist es eines der tragischsten Probleme des Menschen, daß er sich verzweifelt in einer Scheinwelt einzurichten sucht. Ich glaube zu begreifen, was er damit meint. Ich arbeite nicht unter dem Eindruck von Inspirationen, sondern grabe für meine Arbeiten sozusagen Material aus dem allgemeinen genetischen Gedächtnis aus. Das kann man vielleicht als virtuelle Tuchfühlung bezeichnen, denn direkte Kontakte gibt es bei meiner Arbeit nicht.”

Hannu Väisänen gilt als ein arbeitsfreudiger und disziplinierter Künstler. Er steht nicht nur dem Begriff Inspiration, sondern auch der Begabung skeptisch gegenüber.

„Das Feld der bildenden Künste ist so breit gefächert, daß man allen Grund hat, es gründlich zu beackern. Pure Begabung reicht nicht aus. Um sie zu beflügeln, muß man erst entsprechende Fertigkeiten erlernen, und das geht nur durch Arbeit und nochmals Arbeit. Die Zusammenarbeit zwischen Auge und Händen erfordert viel Training. Das tägliche Anpacken der konkreten Arbeit, auch wenn sie noch so trivial ist, ist eine Art von Sensibilitätstraining. Andere bezeichnen das als Konzentration, ich nenne ich es Anwesenheit. Bei mir würde sich dieses Gefühl der Anwesenheit nicht einstellen bei dem Gedanken, daß ich jetzt was Neues schaffen soll. Ich stelle bewußt einen Kontakt her und suche Gesellschaft, um mich zu beraten.”

„Für alle Künstler stellt sich die kritische Frage, wann eine Arbeit abgeschlossen ist. Man muß mit ihr intensiv kommunizieren und dafür sorgen, daß sie eine zentrale Stellung einnimmt. Aber ich finde, daß dabei ein Entwicklungsspielraum gelassen werden muß. Ein Potential, daß lebendig und noch im Fluß ist.”

Über den Kasernenzaun hinauswachsen

Hannu Väisänen ist in der nordfinnischen Küstenstadt Oulu geboren, wo er als eines von fünf Kindern in einer Kaserne aufwuchs. Die Mutter starb, als er fünf Jahre alt war, und sein Vater, ein Unteroffizier, hat danach dreimal neu geheiratet. „Die Kindheit in einer Kaserne ist ein nachhaltiges psychisches Erbe, das ich in meinen Arbeiten bewußt ausspare. Denn es war eine bedrückende und armselige Kindheit. Sogar ein Kind fragt sich da, ob das alles ist, was das Leben zu bieten hat. Ich erinnere mich, daß ich mich als Kind gefragt habe, ob ich jemals über den Kasernenzaun hinauswachsen werde.”

Der Vater hatte sich für den Jungen alles andere als eine Künstlerlaufbahn gewünscht. Vater und Sohn lagen mehrere Jahre im „Stellungskrieg”, bis sie sich auf einen Kompromiß einigen konnten. Hannu durfte als 16jähriger eine Kunstschule in einer anderen Stadt besuchen, und Vater Väisänen hoffte, daß ihm dort die Flausen ausgetrieben würden. Die Hoffnung trog, denn Hannu siedelte von dort zur Kunstakademie nach Helsinki über.

Vater Väisänen hat vor seinem Tod noch die erste Kunstausstellung seines Sohnes sehen können. „Er interessierte sich sehr dafür, was für einen Humbug ich zustande gebracht hatte und erkundigte sich bei den Lehrern der Akademie, ob sie für mich armen Wicht irgendwelche berufliche Chancen sehen. Er hätte das auch so sehen können, daß ich mit meinem Fleiß zeigen wollte, daß ich es schaffe.”

Malen oder Musik?

Irgendwann ist es Hannu klargeworden, daß er gerne sang. Und er begann allen Ernstes, an der Akademie Gesang zu studieren, er war sogar bereit, die Malerei ganz aufzugeben. Auch der Gesanglehrer war der Meinung, daß er die Malerei an den Nagel hängen und sich endgültig der Musik verschreiben sollte.

„Die Malerei völlig aufzugeben, wäre mir sehr schwer gefallen, und an eine solche radikale Kehrwendung wagte ich nicht zu denken. Zwischen Malen und Singen gibt es keine Übergangsform. Ich glaube, daß mir damals unterbewußt die Erkenntnis kam, daß Singen mehr Anwesenheit von gemeinsamen Erfahrungen - ohne das Gefühl der Isolation - mit sich bringt als Bilder malen.”

„Ich bin jedoch dankbar, daß die Musik mir unter die Haut gegangen ist. Musik ist sozusagen ein alltägliches Element für mich. Ich beginne den Tag mit Bach hören, und am nachmittag singe ich. Hin und wieder kann ich die kontrapunktischen Facetten in Choralpreludien 'heraushören', und ich versuche beim Malen, den gleichen kontrapunktischen Effekt zu erzielen.”

Hannu Väisänen verfolgt genau, was sich auf der Musikszene abspielt. Vielleicht zu intensiv, wie er meint, denn er besucht mehr Konzerte als Kunstausstellungen.

Paris war entscheidend

Der Maler wohnt seit 1989 in Paris. Die Stadt kannte er aus vorausgegangenen monatelangen Studienaufenthalten. Ein Mekka der Kunst erwartete er hier nicht vorzufinden. Er hat Finnland nicht mit knallenden Türen den Rücken zugekehrt, seine Beziehungen zu seinem Heimatland sind nach wie vor gut. In Helsinki hat er einen eigenen Galeristen, und hier leben auch seine besten Freunde.

„Das Leben kam mir damals erschreckend vorgezeichnet und auch ein bißchen bedrohend vor - all die wohlfeilen Sprüche, wie man leben sollte -, und deshalb wollte ich von Helsinki weg. Das war die Situation, und ich war weit entfernt von einer Odyssee, weil ich ja die ganze Zeit in Ithaka war. Ein entscheidender Grund dafür war auch meine Arbeit. In Finnland werden bildende Künstler gern als Grafiker, Maler und Bildhauer abgestempelt. Wenn man einmal als Grafiker eingestuft wird, dann ist man das bis ins Grab. Ich galt als Grafiker und hätte nie ernsthaft zu malen begonnen, wenn ich in Finnland geblieben wäre. Das wird mir im nachhinein immer klarer. Paris schien mir eine verlockende Wüste zu sein, aber auch ein Ort, an dem man ohne Erwartungsdruck arbeiten kann. Da habe ich es riskiert, nochmal bei Null anzufangen.”

Erst in der Gesellenphase

Hannu Väisänen, 48, glaubt felsenfest daran, daß die besten Jahre seiner Laufbahn noch vor ihm liegen. Er zitiert den japanischen Künstler Utamaro, der behauptet, daß ein Künstler erst dann etwas zustande bringt, wenn er 73 Jahre auf dem Buckel hat. Die konkrete ununterbrochene Schaffensphase erstreckt sich auf einen kurzen Zeitraum. Utamaros Reifezeit begann erst mit 73 Jahren, und sie dauerte zehn Jahre.

„Zum Glück habe ich diesen Beruf gewählt, als Sänger hätte ich zu früh aufhören müssen. Ich habe eindeutig das Gefühl, daß ich noch in der Gesellenphase stecke. Utamaros Gedanke ist sehr tröstlich. Ich muß eben bis ins hohe Alter durchhalten und weitermalen. Ich nehme an, daß sich meine heutigen Probleme bis dahin entwirren. Es gibt noch enorm viele wichtige ungeklärte Dinge. Viel muß noch getan werden, damit Dinge, die mir zur Zeit mysteriös vorkommen, sich klären. Wie meine schismatische Individualität und das Gefühl der Isoliertheit. Dafür muß man halt älter werden, und das empfinde ich als segensreich.”

Hannu Väisänen - Recreating the Kalevala