K a r e l i a n i s m u s
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Akseli Gallen-Kallelas Wildnis-Atelier Kalela im mittelfinnischen Ruovesi repräsentiert Karelianismus in Reinkultur. Das Gebäude wurde 1895 fertiggestellt und fungiert heute als Museum.

Von den finnischen Provinzen kennt man außerhalb Finnlands vor allem Lappland und Karelien. Die Gesänge des finnischen Nationalepos Kalevala, das nunmehr 150 Jahre alt wird, wurden von Elias Lönnrot in Karelien zusammengetragen. Das Kalevala bereitete den Boden für das finnische Nationalbewußtsein vor, das später zur Unabhängigkeit des Landes führte, und regte dazu an, die Wurzeln des Finnischtums im Osten zu suchen. Im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts bildete sich eine Karelien idealisierende Bewegung heraus, der Karelianismus, der in der Literatur, Musik, Architektur und in den bildenden Künste viele Anhänger hatte.

Man kann auch von einem politischen Karelianismus reden, der sich in der Idee eines Großfinnlands manifestierte. Zu diesem Zwecke wurde ethnographisches Material über finnisch-ugrische Sprachen gesammelt, die bis hinter dem Ural verbreitet waren. Die territorialen Wunschphantasien erstrecken sich auf die Heimstätten des karelischen Stamms bis weit nach Ostkarelien, die Halbinsel Kola und bis an die Gestade des Weißen Meers. Zu Beginn des Jahrhunderts stellten nationalistische Idealisten ein paar Jahre lang Freiwilligen-Truppen zusammen, die ihre ostkarelischen Stammesgenossen unterstützen sollten. Das Vorhaben stieß indessen nicht auf viel Gegenliebe in Ostkarelien, und die Aktivisten mußten von ihrem unrealistischen Projekt ablassen.

Der Karelianismus fiel mit der goldenen Ära der Kunst in Finnland zusammen, die durch den Stil der Nationalromantik geprägt wurde. Die Motive waren dem Kalevala entliehen, das wesentlich zur Stärkung des Nationalbewußtseins beitrug. Die Künstler schwärmten nach Karelien aus, wo sie sich neue Inspirationen erhofften. Kunstvolle Textilien und Schmuckstücke mit alten karelischen Motiven sind seit jenen Zeiten Teil der finnischen Identität.

Image size 10 Kb Jean Sibelius traf auf seinen Reisen in Karelien bärtige Dichterbarden und bekannte, daß diese Erfahrungen in sein gesamtes Œuvre eingeflossen sind. Seine Kullervo-Sinfonie (1892), die ebenfalls von den Helden des Kalevala handelt, kann als Beginn der finnischnationalen Tonkunst gelten. Sibelius komponierte weitere karelianistisch inspirierte Werke, u.a. die Karelia-Suite für Sinfonieorchester. Auch zahlreiche andere, vor allem in Finnland bekannte Komponisten haben karelische Motive vertont. Die Thematik fasziniert noch immer. Das neue Haus der finnischen Nationaloper wurde 1993 mit Aulis Sallinens Kalevala-Oper Kullervo eröffnet.

Von den karelianistisch geprägten bildenden Künstlern ist Akseli Gallen Kallela international der bekannteste. Er gewann 1891 den Illustrationswettbewerb für das Kalevala. Das von ihm bebilderte Epos ist eine nationale Institution, deren Gestalten alle Finnen schon in der Schule kennenlernen.

Image size 22 Kb Der „Fluch Kullervos” ist eines der bekanntesten Gemälde, das Akseli Gallen-Kallela (1865-1931) nach karelischen Motiven schuf.

Alte karelische Blockhäuser mit Klöppelspitzen-Dekor spiegelten den Geist des Karelianismus in der finnischen Architektur wider, die zugleich nachhaltig vom Jugendstil beeinflußt wurde. Bedeutende öffentliche Gebäude dieser Zeit werden im Helsinki-Teil dieser Nummer abgehandelt.

Das Nationalepos Kalevala wurde in 30 Sprachen übertragen. Karelien und das Karelischtum haben zig finnische Schriftsteller inspiriert. Als postkarelianistisch können die karelischen Schauspiele aus den 50er Jahren von Kyllikki Mäntylä gelten, die zum Standardrepertoire finnischer Theater gehören. Karelianismus in Reinkultur repräsentiert Eino Leino, einer der größten finnischen Dichter, der viele Themen der karelischen lyrischen Tradition aufgegriffen hat.

SKS: Karelianismus
Das Gallen-Kallela-Museum [auf englisch]