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Popmusik für alle Altersklassen
Kerkko Koskinen sieht nicht gerade wie ein schnieker Popstar aus. Da sitzt er in einem trendigen Café in Helsinki, still und unspektakulär, und sein Outfit ist alles andere als modisch.

Trotz seines unscheinbaren Äußeren ist Kerkko Koskinen heute einer der erfolgreichsten Popkünstler Finnland. Er ist der Leiter, Pianist und Komponist der Gruppe Ultra Bra.

Ultra Bra-Konzerte sind landesweit für gefüllte Clubs gut, und das Album Kroketti, mit dem die Gruppe den Durchbruch schaffte, ziert schon ein Jahr lang die Liste der zehn bestverkauften Platten. Die Popularität der Gruppe läßt sich indessen weniger in Zahlen ausdrücken, ausschlaggebend ist ihre breite Akzeptanz. Es hat den Anschein, daß fast alle Finnen, ungeachtet ihres Alters, Wohnsitzes und Berufs, auf Koskinens Ultraschall abgefahren sind.

Klar, daß die Studenten, die die Band als erste entdeckten und echt geil fanden, noch immer unbeirrbare Ultra-Bra-Fans sind. Doch auch gewöhnliche Finnen gesetzteren Alters fanden Gefallen an ihren romantischen Hits, die sie am Radio mitsummen. Selbst ältere Semester finden an adretten Jungen mit den guten Manieren nichts auszusetzen. Sogar im Kindergarten werden Ultra Bra-Songs geträllert.

„Der Erfolg und die Publizität sind schmeichelhaft und im besten Fall auch ein Lustgewinn”, sagt Koskinen still und guckt in seine Kaffeetasse. „Das hat mein Leben trotzdem kaum verändert. Ich bin so schüchtern, daß ich mit dem Erfolg überhaupt nichts anfangen kann.”

Als Kerkko Koskinen vor ein paar Jahren Ultra Bra gründete, hielt mancher die Band eher für einen Insiderwitz. Wo andere junge Musiker sich zu vierköpfigen Rockgruppen zusammenschlossen oder einsiedlerisch auf Computern an Musikprogrammen feilten, stellte Koskinen ein altmodisches Revue-Ensemble auf die Beine: drei Sängerinnen, zwei Sänger und ein achtköpfiges Hintergrundorchester mit einem kompletten Bläsersatz.

Auch die musikalische Ausrichtung von Ultra Bra rief Kopfschütteln hervor. Die Musik enthielt Jazz- und Soul-Elemente, aber auch Anklänge an die Protestlieder der 70er Jahre. Und noch bizarrer wurde empfunden, daß Koskinen offen bekannte, kitschige Eurovisionsschlager köstlich zu finden. Mehr noch: Er bezog deren Duktus in seine Songs ein.

Am seltsamsten muteten die Liedertexte von Ultra Bra an: Einige waren politisch ausgerichtet, andere waren lyrische Texte über Beziehungskisten junger Menschen und das Leben in der Stadt. Nicht zu vergessen absurde Abstecher, in denen über Pferde und Fische geträllert wurde. Wenn diese Texte dann von drei entzückenden Mädchen und zwei ranken Jünglingen mit ernster Mimik vorgetragen wurden, stellten sich bei vielen Zuhörern zwiespältige Gefühle ein.

Das 1997 erschienene Album Kroketti schlug eine direktere Gangart an. Die humoristischen und originellen Grundzüge waren noch immer unüberhörbar, aber anstelle der einstigen hintersinnigen Ironie hatte sich zeitlose Romantik eingenistet. Die Tür zum Mega-Erfolg stand sperrangelweit offen.

„In unseren Konzerten tummeln sich immer hauptsächlich junge Zuhörer, die an unserer zupackenden, rock-inspirierten Linie Gefallen finden. Junge Städter entdecken in unserer Musik auch Ironie, andere wiederum alle möglichen vermeintlich ideologischen Strukturen. Ältere Leute stehen wahrscheinlich eher auf harmonischen Melodien und eleganten Arrangements.

Kerkko Koskinen gesteht, daß der Erfolg auch Streß und Erwartungsdruck mit sich gebracht hat. Manche Fans finden, daß Ultra Bra nun dazu übergehen sollte, auf englisch zu singen und eine internationale Karriere anzusteuern. Doch das ist einstweilen noch nicht geplant. Der Charme der Band beruht nicht zuletzt darauf, daß sie eine durch und durch finnische Gruppe ist.

In Laufe der Jahre ist Ultra Bra immer professioneller geworden. Ihr Dreh- und Angelpunkt ist noch immer Koskinen, der die Kompositionen schreibt und die musikalische Richtung vorgibt. Kerkkos Frau, Anni Sinemäki, ist eine der vier Texter der Band.

„Anni arbeitet zum Glück ganztägig und tritt nicht in der Band auf. Das mindert den Streß erheblich. Anni schreibt in aller Ruhe ihre Texte, und ich vertone sie. Ärger gibt es nur dann, wenn sie fertige Kompositionen texten soll. Sie ist hoffnungslos unmusikalisch”, sagt Koskinen mit einem nachsichtigen Lächeln.

„Das Beste an allem ist, daß ich leben kann, wie es mir gefällt. Ich sitze zu Hause, höre Platten und komponiere. Zwischendurch geh ich in ein Café. Ein Künstlerleben, wenn man so will. Trotzdem kann ich sagen, daß mein Leben nicht besonders kulturell oder künstlerisch ist. Ich bin so kleinbürgerlich, daß ich mir im Fernsehen sogar Gameshows angucke.