Image size 14 Kb Betörende Wehmut des finnischen Tangos

Einen finnischen Tango kann nur ein Finne komponieren, vortragen, tanzen und verstehen. Wenn die Tango-Definition eines Musiklexikons auch auf den finnischen Nationalcharakter zutreffen sollte, könnten einem die Tränen kommen: „Die Melodien sind immer in Moll gehalten, und die Texte kreisen um eine unglückliche Liebe. Die finnische Version des Gesellschaftstanzes ist lethargisch schleppend und traumtrunken torkelnd. Die Bewegungen reduzieren sich auf einen schlichten Schwoftrott, der im direkten Körperkontakt mit dem Partner abgespult wird.”

Eine finnische Redensart bestätigt diese tumbe Vorstellung: „Besser ein Mann mit Triefnase als einer, der hohl lacht.” Es stimmt, daß viele Finnen schüchtern sind, daß es ihnen schwerfällt, charmant zu plaudern und amüsant zu scherzen und daß viele berührungsscheu sind. Vielleicht wird deshalb der Tango als ein Ventil empfunden, mit dem man seine Gefühle ausdrücken und die intime Nähe eines anderen verspüren kann. Das war einmal. Internationale Einflüsse, die von allen Seiten in das Leben der Finnen eindringen, haben dieses melancholische Bild nachhaltig aufgelockert. Heute ist es auch in Finnland trendig, offen und cool zu sein, in Cafés und Nachclubs mit Smalltalk zu brillieren. Aber wenn man die Oberfläche ankratzt, kommt nicht selten der alte Tango-Finne zum Vorschein.

Der Tango eroberte Europa Anfang des Jahrhunderts von Argentinien aus. 1913 stand im Zeichen des Tangos, Tänzer in aller Welt wurden regelrecht von einer Tangomanie gepackt. Bei Tango-Diners wurden Tango-Wermuts geschlürft, da wurden Tango-Bonbons geschleckt, Tango-Zigaretten gepafft, und wer etwas auf sich hielt, kam in Tango-Schuhen und Tango-Röcken daher. Doch der Spuk war schneller vorüber als er aufgetaucht war.

Mir wird so traurig zumute...

Die Geschichte des finnischen Tangos stellt sich ganz anders dar. Der fremdartige, exotische Rhythmus vermischte sich allmählich mit dem schwermütigen finnischen Trott, wurde ein Teil der finnischen Lebensart. Der international bekannte Schriftsteller Mika Waltari entdeckte sein Herz für den Tango in seinem Roman „Die große Illusion” (1928). „Der Tango ist fraglos der schönste der Tänze. Er symbolisiert die Exotik unseres Lebens, in seinen gemächlichen, wiegenden Schritten wogt Musik und Leidenschaft.” Der finnische Tango nahm jedoch erst während des 2. Weltkriegs konkrete Formen an. Der Krieg trennte Familien und Liebende. Sehnsucht, Angst und Hoffnung beherrschten den Alltag. Mancher Schlager, der in dieser Zeit entstand, steht noch immer auf der Evergreens-Liste. „Mir wird so traurig zumute, wenn ich an dich denke...” heißt es in einem der unvergänglichen Tangos.

Das eigentliche Finnische des Tangos kann man auch als einen Berührungspunkt verschiedener Kulturen sehen. Phil. Dr. Pirjo Kukkonen hat diesen Aspekt des finnischen Tangos untersucht. Sie entdeckt in ihm entfernte argentinische Anleihen, deutsche Marschrhythmen und die Wehmut russischer Romanzen. „Er ist das Produkt einer kulturellen Fusion, aber voller finnischer Dynamik und Identität. Die Tangolyrik ist urfinnisch. Zu dieser Musik passen nostalgische und melancholische Texte. Sie drücken augenblickliche Freude, Vergessen, Trost und neue Hoffnungen in Metaphern aus, die dem Kreislauf der Natur entlehnt wurden. In den Texten ist zudem eine klare Strategie zu erkennen, den Alltag zu überwinden. Wiederholungen vermitteln ein Gefühl der Geborgenheit. Den Grundrhythmus im 2/4 oder 4/4 Takt kann man als Reflexionen pulsierenden Lebens, als Herzschläge interpretieren.”

Der Tango ging in den 70er Jahren, als die Landflucht am stärksten war, in der internationalen urbanen Popmusik unter. Die Tanzdielen, von denen es fast in jedem Dorf eine gab, wurden dichtgemacht. Doch schon im nächsten Jahrzehnt war der Tango putzmunter wieder da, und neu eröffnete Dielen füllten sich mit Tänzern jeden Alters. Die Finnen hatten es trotz allem nicht geschafft, ohne den Tango zu leben. Seitdem gibt wieder zwei Tangoländer: Argentinien und Finnland.

Fünf Tage und Nächte Tango pur

Die Tango-Besessenheit hat ein weltweit einzigartiges Phänomen hervorgebracht: den Tangomarkt. Er wird alljährlich in der Kleinstadt Seinäjoki in der Provinz Südosterbotten ausgerichtet. 1985, im ersten Jahr seines Bestehens, lockte er 18 000 Besucher an, und im Fernsehen verfolgten ganze 1 600 000 Zuschauer das Spektakel; in den folgenden Jahren wurde die Zwei-Millionen-Marke überschritten. Von Jahr zu Jahr zog der Tangomarkt mehr Publikum nach Seinäjoki, im Sommer 1998 konnten schon 118 000 Besucher verzeichnet werden. Internationale Medien, TV- und Radiostationen und Presse, haben vom Beginn an die finnische Tango-Vernarrtheit weltweit publik gemacht.

Image size 8 Kb Auf dem Tangomarkt wird fünf Tage lang, von abends bis spät nach Mitternacht, Tango zelebriert. Der Tanzmarathon wird in Seinäjoki als ein angemesseneres Volksfest empfunden als Stiere durch die Straßen zu jagen, wie es im spanischen Pamplona Brauch ist. Die Tänzer haben immerhin noch niemanden zu Tode getrampelt. Das dichte Gewoge der Tanzenden hebt nur die Stimmung.

Tangosänger(innen) haben in Seinäjoki jedes Jahr die Chance, zum Tango-König und zur Tango-Königin gekürt zu werden. Der Titel verheißt Reputation und Erfolg auf finnischen Tanzböden. Der Tango-Markt umfaßt überdies eine Reihe von anderen Wettbewerben. Ein weitgereister Besucher konnte nach dem Tango-Markts nur noch konstatieren, daß es auf der Welt nunmehr zwei Tango-Metropolen gibt: Buenos Aires und Seinäjoki.

Der Tango-Taumel macht auch vor finnischen Großstädten nicht mehr halt. So wurde der sommerliche Festivalreigen der Hauptstadt um die viertägige Veranstaltung Stadttango erweitert.

Der erste Stadttango Ende Mai 1999 in Helsinki hatte, hier wurde zugleich der Meisterschaftswettbewerb im Finnischen Tango ausgetragen, einen medienwirksamen Start.

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