Georg Henrik von Wright:

Image size 7 Kb Das Technosystem gefährdet die Demokratie

 

Der Glaube an die segensreichen Auswirkungen der wissenschaftlich-technologischen Entwicklung ist seit langem unangefochten. Nur wenige haben sie in Frage gestellt. Einer von ihnen ist Georg Henrik von Wright, einer der renommiertesten Intellektuellen Finnlands, der als Philosoph Weltruhm genießt.

Der 1948 in Cambridge - er war gerade 32 Jahre alt - zum Nachfolger Prof. phil. Ludwig Wittgensteins bestellte von Wright interessierte sich schon in frühen Jahren für Fragen, die streng genommen den Rahmen wissenschaftlichen Philosphierens sprengen. Aufgrund der Ereignisse in den letzten zwanzig Jahren nahmen diese Fragen in seinen intellektuellen Diskursen eine immer zentralere Stellung ein. Sein Buch Humanismus als Lebenshaltung wird von zwei Themenstellungen beherrscht: „Die eine bezieht sich auf den Menschen und sein Bestes. Die andere betrifft Wissenschaft und Technik als Faktoren, die die Lebensbedingungen des Menschen verändern.”

Vor Beginn dieses Interviews in seiner Helsinkier Wohnung prüfte von Wright gerade die Druckfahnen seines neuesten Buchs. Eine ihm vertraute Arbeit, denn die Bibliographie des nunmehr 79jährigen Philosophen umfaßt über 500 Veröffentlichungen. Seine exklusiv philosophische Publikationen verfaßte er anfangs auf englisch, teils auch auf deutsch. Auf einer Schreibmaschine, die sein Vater 1919 in den Vereinigten Staaten gekauft hatte, und die noch immer funktioniert. „Ich habe auch eine elektrische Schreibmaschine, aber keinen Computer”, merkt er an.

Das Fehlen eines Computers kann man kaum als Stellungnahme auffassen, obgleich auf seinem Buch „Humanismus als Lebenshaltung” ein vielsagendes Titelbild prangt: Adam und Eva im Schatten des Baums der Erkenntnis und darüber ein Netzwerk von Mikroprozessoren.

Seine Antworten gibt der polyglotte von Wright, er beherrscht vier Sprachen, in einem exakten, klaren Finnisch: „Der allgemeine Entwicklungsoptimismus beruht auf der Annahme, daß die Folgen der Wissenschaft und ihrer Anwendungen, mithin der technologischen Entwicklung, dem Besten des Menschen dienen. Diese Auffassung ist höchst fragwürdig, nach meiner Meinung geradezu falsch.”

Er bestreitet keineswegs, daß die technologische Entwicklung in den westlichen Ländern die Lebensverhältnisse von -zig, ja Hunderten von Millionen Menschen verbessert hat. Als Schattenseite dazu zeigt er Entwicklungstendenzen in den letzten Jahrzehnten auf, die, sollten sie anhalten, auf der „Leinwand der Zukunft” eine erschreckende Vision heraufbeschwören.

Von Wright nimmt konkrete Umweltbelastungen, Klimaveränderungen, die Verbreitungsgefahr atomarer Waffen, Terrorismus usw. durchaus ernst. Ja, er führt sie als Beispiele für Entwicklungstendenzen an, die der Menschheit in Zukunft nichts Gutes versprechen. Er geht jedoch der Sache auf den Grund und berücksichtigt auch die Alternative, daß die segensreichen Seiten der technologischen Entwicklung letztlich obsiegen werden.

Von Wright benutzt den Begriff Alienation, Entfremdung. „Gemäß unserem christlichen Glauben sind wir im Westen fest davon überzeugt, daß der Mensch Herr über die Natur ist. Demnach haben wir auch das Recht, die Natur zu nutzen. Indem wir das tun, erschüttern wir das ursprüngliche Gleichgewicht zwischen dem Menschen und der Natur. Der Mensch entfremdet sich der Natur, er ist kein Teil mehr von ihr.”

Neben der Entfremdung von der Natur droht der Menschheit eine weitere Form der Alienation. Auch sie geht teils mit der technologischen Entwicklung einher. Von Wright schreibt ihr eine weitgehende Autonomie zu, die sich selbst verselbständigt. Dies geschieht so schnell und an so breiten Fronten, daß die Menschen unmöglich Schritt halten können. Es droht eine „Diktatur der Verhältnisse”. Da die organisatorischen Strukturen und speziell die industriellen Organisationen immer umfassender und komplizierter werden, fällt es den Menschen immer schwerer, sie zu verstehen und deren Folgen nachzuvollziehen. „Die Gesellschaft wird immer undurchsichtiger”, folgert von Wright. „Die Leute wissen nicht mehr, wer, wo und wie über Dinge entschieden wird, die wesentlich ihr Leben bestimmen.” Laut von Wright bewegen wir uns zwangsläufig auf ein immer größeres geistiges Chaos zu.

Dieser Verlust an Transparenz, die Anonymisierung der Entscheidungsträger, stellt eine Gefahr für die Demokratie dar. Von Wright benutzt den Begriff Technosystem: „Die übernationalen gigantischen Industrieunternehmen operieren nicht mehr innerhalb von politischen Systemen, sondern sie stehen über ihnen.” Politiker können nicht mehr selbständig ihren Aufgaben nachgehen, sondern treffen ihren Entscheidungen immer mehr gemäß den Interessen des Technosystems. Damit wird der Spielraum der Politiker empfindlich geschmälert. „Nicht die Regierungen, sondern externe Instanzen entscheiden zunehmend über die Geschicke der Menschheit.”

Er konstatiert, daß diese Entwicklung, die man zugespitzt als „technischen Imperialismus” bezeichnen könnte, im schlimmsten Fall zu einer ernsthaften Krise der Demokratie führen kann. Die Demokratie hat bislang hauptsächlich im Rahmen von Nationalstaaten funktioniert. Um deren Zukunft; und der anhaltende Integrationsprozeß bestärkt diesen Trend noch; ist es schlecht best ellt. „Nationalstaaten sind jetzt schon im Aussterben begriffen”, sagt von Wright.

Die Europäische Union wurde aus wirtschaftlichen Erwägungen gegründet. Zum Schutz dieser Interessengruppe bildete sich auch eine starke politische und militärische Macht heraus. Der Spielraum für selbständige Entscheidungen der Mitglieder, der Nationalstaaten, wird immer enger, der Normalbürger schaut immer weniger durch.

Von Wright wird oft übertriebener Pessimismus vorgeworfen. Er findet hingegen, daß Optimismus im schlimmsten Fall platte Gleichgültigkeit ist. Aphoristisch ausgedrückt: Ein Optimist ist meistens ein schlecht informierter Pessimist. „Wer mit dem Stand der Dinge zufrieden ist, schert sich nicht um ihre Schattenseiten, die es ja auch gibt.”

„Ich bin ein provokanter Pessimist und gehe davon aus, daß Politiker und Entscheidungsträger ernsthaft über die Entwicklung und ihre Folgen nachdenken und die Ärmel aufkrempeln sollten, um die Richtung gewisser Trends in andere Bahnen zu lenken. Dann könnte vielleicht das Schlimmste verhindert werden”, findet von Wright und merkt an, daß menschlicher Optimismus im besten Fall ein vitales Element beinhaltet: der Wille, etwas zu unternehmen, das einem wichtigen und guten Zweck dient.

„Was man gelegentlich als intellektuelle Verantwortung bezeichnet, ist die Verantwortung eines jeden anständigen Menschen”, befindet Georg Henrik von Wright.

Ausführliches Interview mit Georg Henrik von Wright [auf Englisch]