Große Schriftsteller eines kleinen Landes

Das zur finnisch-ugrischen Sprachfamilie zählende Finnisch wird nur von rund fünf Millionen Menschen gesprochen - und jenseits der Landesgrenzen als eine höchst exotische Sprache empfunden. Desto eifriger wird sie in Finnland benutzt: Der Prozentsatz der Schreib- und Lesekundigen und der Verbreitung des gedruckten Wortes ist weltweit einer der höchsten. Daß man in Finnland seine Schriftsteller zu schätzen weiß, geht u.a. aus dem Titel Nationaldichter hervor, der Aleksis Kivi verliehen wurde. International bekannter sind allerdings der Nobelpreisträger Frans Emil Sillanpää und Mika Waltari, der Verfasser von „Sinuhe, der Ägypter”.

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F.E. Sillanpää (1888-1964) war in der Zeit zwischen den Weltkriegen Finnlands renommiertester und im Ausland bekanntester Prosaist. Seine Hauptwerke sind der Roman „Das fromme Elend”, der über die stürmischen Jahre zwischen dem finnischen Bürgerkrieg und der erlangten Unabhängigkeit des Landes (1917) berichtet, und die lyrische Lebensbeschreibung eines jungen Mädchens „Silja, die Magd”. Der letztere Roman war für die Verleihung des Nobelpreises 1939 ausschlaggebend. Sillanpääs Hauptwerke liegen in zahlreichen Übersetzungen vor, u.a. auf deutsch, englisch und französisch.

Sein erster Roman, „Sonne des Lebens” (1916), erregte durch einfühlsame Naturbeschreibungen und gewagte sexuelle Metaphern Aufsehen. Sillanpää wollte ursprünglich Arzt werden. Der Roman wurde lange Zeit als sommerliche Liebesgeschichte goutiert. Bei genauerem Hinsehen ist er jedoch eine Entwicklungsgeschichte eines Studenten, der sein Selbstwertgefühl durch Liebesaffären aufzupäppeln sucht.

Schon in seinem Debütroman klangen die Hauptthemen seines Œuvres an: die Schwierigkeit, seinen Selbstrespekt zu bewahren, Identifikationsprobleme, die Unbegreiflichkeit der Sexualität und des Todes. Sillanpääs Figuren sind sich nicht recht über ihre Bedürfnisse im klaren. Sie hinterfragen nicht ihre Motive und geraten in Situationen, über die sie sich später nur noch wundern können. Konfrontiert mit inneren Konflikte und der Wirklichkeit flüchten sie in die Phantasie.

Image size 5 Kb Mika Waltari (1908-1979) ist nicht nur der bekannteste finnische Schriftsteller, sein Lebenswerk ist auch am facettenreichsten. Doch seine Produktivität, die sich in Romanen, Theaterstücken, Krimis, Anekdoten, Märchen, Reisebüchern, Bildergeschichten und, während des 2. Weltkriegs, in propagandistischen Pamphleten niederschlug, hat indessen das Niveau seiner Werke nicht beeinträchtigt. Sein Schaffen hat sich als zukunftsweisend erwiesen, und sein intuitiver historischer Realitätssinn hat Wissenschaftler ein übers andere Mal verblüfft.

Waltari, der Philosophie, Ästhetik und Literaturwissenschaft studierte, begann seine Karriere mit der Veröffentlichung des Büchleins „Vor Gott auf der Flucht” (1925). Der Durchbruch gelang ihm mit dem melancholischen Roman „Die große Illusion” (1928), der das Lebensgefühl der zwanziger Jahre einfing. Seither galt er als typischer urbaner Romancier, während der in der Provinz Häme beheimatete Sillanpää Inspirationen aus dem Landleben schöpfte.

Waltaris internationalen Ruhm begründete das Triangeldrama „Der Fremde” (1937), das in einem abgelegenen verfallenen Landhaus spielt. Das Buch wurde in 17 Sprachen übersetzt. Dieser Erfolg ermunterte Waltari, verstärkt für ein internationales Publikum zu schreiben.

1945 verfaßte er den Roman „Sinuhe, der Ägypter”, eine Schilderung des Lebens eines ägyptischen Arztes 1230-1335 v.Chr. Das Buch kann man indessen auch als eine Beschreibung der Enttäuschungen und des Werteverfalls der finnischen Mittelklasse nach dem verlorenen Krieg lesen.

Die lebendige und komplexe Beschreibung der Akteure hebt „Sinuhe” aus der Masse der historischen Romane heraus und machte das Buch zu einem Welterfolg. Es ist der einzige finnische Roman, der in Frankreich und in den USA auf die Bestsellerliste gelangte. In Amerika wurde er überdies verfilmt (Regie Michael Curtiz, 1954).

Wie Sillanpää schrieb auch Waltari über komplexe Themen. Waltari behandelte Umbruchszeiten der Weltgeschichte, das Dilemma des Humanismus unter den Sachzwängen materieller Werte, den ewigen Konflikt zwischen Gut und Böse und Menschenschicksale im Würgegriff der Ideologien.

Biography of Frans Eemil Sillanpää
Bibliography of Mika Waltari