Mumins und menschelnde Hunde
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Finnische Kinder gucken weniger Fernsehen als ihre Altersgenossen in vielen anderen Ländern. Statt dessen lesen finnische Eltern ihren Kindern gerne vor. Bücher sind finnischen Kindern bereits vertraut, bevor sie mit sechs oder sieben Jahren selbst lesen lernen. Finnische Bilderbuchgeschichten wie Tove Janssons Mumins und Mauri Kunnas Hundeserie haben in aller Welt Freunde gefunden.

Gute Kinderbücher sollten so komplex sein, daß sich auch Erwachsene für sie interessieren. Das ausgewogenste Ergebnis ist bei einer Personalunion von Autor und Illustrator erwarten. Das heutige Leben und die kulturelle Überlieferung sind die wichtigsten Quellen, die, gepaart mit anderen Faktoren, in dem Schaffen von Jansson und Kunnas eine gewichtigte Rolle spielen, obwohl sich ihre Bücher stilistisch stark unterscheiden.

Kunnas hat sich mit einem detailverliebten Stil einen Namen gemacht. Die Weihnachtsmotive in seinen Büchern hat er aus finnischen Mythen und Märchen geschöpft. In seinen „Hundehügel”-Büchern demonstrieren Kinder in Hundegestalt, wie man früher in Städten und auf dem Land gelebt hat. Neben dieser Serie gilt das „Kalevala der Hunde”, das das finnische Nationalepos auf die Schippe nimmt, als sein Hauptwerk. Das originale Kalevala wurde in über 50 Sprachen übersetzt, sein auf den Hund gekommenes Pendant hechelt derzeit noch weit abgeschlagen hinterher.

Die Mumins können mit Recht schon als Klassiker gelten. Tove Jansson benutzte in den 30er Jahren als Signatur ihrer antifaschistischen Karikaturen eine Mumin-Figur. Als Märchengestalt debütierte Mumin in dem Buch „Die kleinen Trolle und die Sündflut” (1945). Mumin-Bücher erschienen bereits in den 50er Jahren in 40 Ländern und in mindestens 60 Sprachen.

Sowohl die Mumins als auch Kunnas Hundegestalten, die unverkennbar in einem skandinavischen Milieu zu Hause sind, menscheln um die Wette. Janssons Geschichten sind tiefgründiger als Kunnas possierliche Comics. Die Mumins zeichnen sich durch einen intelligenten Humor, aber auch durch Janssons meisterhafte Darstellung von Furcht und Bedrängnis aus. Märchen, die immer glücklich ausgehen, bedürfen einer gehörigen Portion von Furcht.

Janssons Geschichten kommen immer mit einer Botschaft daher, die sich oft erst zwischen den Zeilen erschließt. So ist in einer Geschichte davon die Rede, daß die Mumins ihr Tal verlassen müssen und daß der Mumin-Troll mitten im Winter aufwacht und sich mit allen Schwierigkeiten der Welt allein konfrontiert sieht, weil die anderen Mumins noch im Winterschlaf liegen. In Mumins-Geschichten wird auch über die Rolle des Künstlers, über die Schwierigkeit, zwischen Wirklichkeit und Phantasie zu unterscheiden, über Lebensangst und -mut reflektiert. „Papa Mumin und das Meer” (1965) ist ein Buch über Enttäuschungen, in dem der Vater - er träumt davon, seine Memoiren zu schreiben - sich eingestehen muß, daß ein Traum im auch besten Fall nur ein Traum ist.

Die Bücher von Jansson und Kunnas kommen bei jung und alt gut an. Die Tiefgründigkeit der Mumins-Geschichten spricht Erwachsene anders an als Kinder. Die künstlerischen, illustrativen Details in Mauri Kunnas Büchern sind eine Augenweide, und die karikaturistischen Verzerrungen vertrauter Motive wachsen sich zu einem Aha-Erlebnis aus.

Tove Jansson pflegt einen auf das Wesentliche reduzierten Stil. Anhand lakonischer Andeutungen kann sich der Leser ein Bild von der Welt der Mumins machen. Dem Text kommt in den Bildgeschichten große Bedeutung zu.

Siehe auch:
WTF-O Zeitloser Charme der Muminwelt
Porträt der Kinderbuchautorin Tove Jansson
 
Weitere Informationen [auf Englisch]:
Tove Jansson • FINFO Mauri Kunnas • FINFO