Feine Fasern aus modernden Mooren Image size 16 Kb

Vor vier Jahren grübelte Kaisa Ovaska-Ahonen über ein Stück Torf nach, das sie in der Hand hielt. Mit Erfolg: Aus Torffasern müßte ein industrielles Produkt herzustellen sein. Der Gedanke wurde längst in die Wirklichkeit umgesetzt, aber die vier Jahre bis zu seiner Realisierung waren laut Kaisa „eine furchtbare Fron”.

Anfangs suchte Kaisa nach einer filzbaren Faser, die sich mit Wolle kombinieren ließe. Die Faser des in Mooren wachsenden luftig-weißen Scheidewollgrases Eriphorum vaginatum war auch schon vorher verarbeitet worden, jedoch noch nie in industrieller Größenordnung. Damit begann für Kaisa eine turbulente Zeit: Sie kurvte mit dem Auto von einem finnischen Moor zu andern, ständig auf der Suche nach Gartentorf-Abbaubetrieben. Sie suchte, ertüftelte und entwickelte Maschinen, mit denen die Fasern separiert werden können, und antichambrierte bei Filzfabriken für die Herstellung einer kleinen Probepartie.

„Auf dieses Theater würde ich mich nicht noch einmal einlassen”, seufzt Kaisa, „das erste Jahr war fürchterlich. Ich hatte kein Geld, und meine Einkünfte habe ich sofort wieder in die Herstellung neuer Erzeugnisse gesteckt. In Textilkreisen galt ich glatt als übergeschnappt.”

Es stand von Anfang an fest, daß Kleinkram für sie nicht in Frage kam: Es mußte gleich eine industrielle Fertigung samt Export sein. Heute stellt ihre Firma Kultaturve Oy die Fasern her, und ein Netz von 36 Kooperationspartnern spinnt, webt und veredelt die Fasern. Die Produktion wird in Finnland, und soweit die Vorräte reichen, auch im Ausland abgesetzt. Die neue Faser hat bis hin zu namhaften französischen und italienischen Modehäusern viel Anklang gefunden.

Nutzloses Nebenprodukt mit Pfiff

Image size 19 Kb Für die Scheidewollfaser spricht viel: „Sie ist antistatisch, leicht, sauber, sehr saugfähig und vor allem warm”, listet Kaisa auf.

Die Faser ist sehr luftig, und das Material ist erheblich wärmer als Schafwolle. Die Scheidewollfasern werden aus Gartentorf separiert, der 700 bis 1000 Jahre in den Tiefen der Moore gemodert hat und als solcher ein fertiger Rohstoff ist - ohne jegliche chemische Behandlung. Der Faserrohstoff ist praktisch ein industrielles Nebenprodukt, für den es früher keine Verwendung gab.

„Wir haben es nicht darauf angelegt, daraus ein speziell 'grünes Produkt' zu machen, wenngleich der Öko-Boom uns sehr zustatten gekommen ist. Das Marketing wendet sich an alle Verarbeiter, und zu unserer Kundschaft zählen höchst unterschiedliche Personen. Ein Massenprodukt wird es indessen nie werden, weil Torffaser nicht gerade billig ist”, merkt Kaisa Ovaska-Ahonen an.

Wenn auch nicht speziell grün, ein naturnaher Lebensstil ist bei den daraus herstellten Produkten unübersehbar: in der Konfektionskleidung, in der Dekoration des Kultaturve-Geschäfts in Helsinki und auf den Broschüren und Visitenkarten aus braunem Recyclingpapier.

Scheidewollfasern werden im Verhältnis 1:1 mit Wolle gemischt. Das daraus gesponnene Garn wird gefärbt, die Faser jedoch nie. Kultaturve verkauft die Fasern als Stoff, Filz, Garn und als fertige Kleidung. Kaisa beschäftigt zwei Designer, die für verschiedene Märkte verschiedenartige Modelle entwerfen, die wiederum auf Grundmodellen basieren.

Die Familie mußte zurückstecken

Image size 8 Kb Kaisa Ovaska-Ahonen ist Geschäftsführerin von Kultaturve und zugleich Mutter einer sechsköpfigen Familie. Der jüngste der vier Söhne, jetzt zweijährig, wurde in der heißesten Phase der Firmengründung geboren: „Ich habe mir ein Auto angeschafft, in dem ich den Kleinen stillen konnte”, lacht Kaisa. „Das erforderte natürlich viel Organisation und ein gutes Kindermädchen.” Kaisas Ehemann kümmert sich um seine eigene Firma, hilft aber zu Haus, so gut er kann.

Dieser hochaufgeschossen schlanken Frau traut man durchaus die Nerven zu, ihre Pläne zu verwirklichen. Und jetzt hat sie wieder eine ihrer Visionen: „Kultaturve wird sich zu einem großen Unternehmen auswachsen. Wir drängen mit Macht auf ausländische Märkte vor, unsere Produkte haben grenzenlose Möglichkeiten.”

Das glaubt man ihr aufs Wort.

Mehr über Kultaturve Oy [auf englisch]
Finnische Torfindustrie und Torftextilherstellung