Zum Sieger geboren



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Anmausen: Mika Häkkinen gestern und heute

Für Finnen ist es schwierig, wenn nicht unmöglich, Mika Häkkinens Erfolge nüchtern einzuschätzen. Als der Formel-1-Pilot 1998 zwei Siege einfuhr - in Melbourne und São Paulo - grassierte in Finnland das Mika-Fieber, das mit dem Sieg im japanischen Suzuka und dem Weltmeistertitel seine Klimax erreichte. Die Medien sind auf die Erfolge des 30jährigen Rennfahrers abgefahren und haben jedes Detail seiner Lebensstationen ausgebreitet. In mehreren finnischen Gemeinden werden schon Finanzierungsmodelle für den Bau einer Formel-1-Anlage durchgerechnet.

Unbestritten ist, daß Mika Häkkinen zugleich den finnischen Rekord an Weltpublizität einfuhr. Als der neunfache Olympiasieger Paavo Nurmi, der vielen als bester Sportler aller Zeiten gilt, einen Weltrekord nach dem anderen brach, konnte niemand im Wohnzimmer am Fernsehen seine Bravourstücke verfolgen. Heute können wir dank eingebauter Kamera den zweiten fliegenden Finnen in seinem Silberpfeil erleben, wie er mit aufheulendem Motor in die nächste Kurve geht.

Mika Häkkinens Kampf um die Weltmeisterschaft haben mindestens fünf Milliarden Augenpaare im Fernsehen verfolgt. Die Formel-1-Wettbewerbe 1997 brachten es auf durchschnittlich 300 Millionen Zuschauer, 1998 waren es zweifellos erheblich mehr. Von den 16 Wettbewerben gewann Häkkinen acht. Entsprechend oft tauchte Häkkinens Name in Sport- und Nachrichtensendungen auf. Auch die internationale Presse berichtete spaltenlang über den Rennfahrer.

In Finnland gibt es vier überregionale Fernsehkanäle und an die fünfzig Hörfunksender. Jedes Programm über Häkkinen - keiner hat sie gezählt - war ein quotenträchtiger Publikumserfolg. Im Gefolge des Mika-Booms konnte sich selbst der Moderator des TV-Kanals, der die Formel-1-Rechte erworben hatte, einen Fanclub zulegen. Ein Mädchen verfolgte die Rennen mit einem Pappbild des Moderators unter dem Arm: Es würde Mika Glück bringen.

In Finnland erscheinen, bezogen auf die Einwohnerzahl, außerordentlich viele Zeitungen und Zeitschriften. Fast jede von ihnen berichtete detailliert über den Werdegang des Weltmeisters. Es hagelte Stellungnahmen: vom Staatspräsidenten, zahlreichen Ministern, dem finnischen EU-Kommissar, Schriftstellern, Schlagersängern, Schauspielern, Markthändlern und natürlich von jedermann, der irgendwann mit Häkkinen in Berührung gekommen war. Alle bekundeten einhellig, daß der Weltmeister ein sympathischer, bescheidener Mensch sei. Auch Mika Häkkinen selbst befindet, daß er ein „ganz gewöhnlicher Kerl” ist, obgleich er von McLaren ein Honorar von gut 25 Mill. DM einstreichen konnte.

Vom Ikea-Klappbett zum Geheimnis namens Sisu

Die Weltmeisterschaft wurde erst im letzten Teilwettbewerb entschieden. Wenn der zweifache Weltmeister Michael Schumacher, der nur vier Punkte im Rückstand lag, im japanischen Suzuka obsiegt und Häkkinen keine Punkte erzielt hätte, wäre Schumi abermals Weltmeister geworden. Wäre. Schumacher ging leer aus, weil seinem Auto ein Reifen geplatzt war. McLaren ist ein englischer Rennstall, Häkkinens Mercedes ein deutsches und Schumachers Ferrari ein italienisches Auto. Kein Wunder, daß die Formel-1-Rennen in Finnland, Großbritannien, Deutschland und Italien mit besonderem Interesse verfolgt wurden.

Häkkinen hat während seiner langen Laufbahn selten Gefühle gezeigt, aber nach der WM-Entscheidung berichteten etliche englische Zeitungen, daß der 'Eismann aufgetaut' ist. Die Times befand gar, daß der finnische Spitzenfahrer „geboren wurde, um die Weltmeisterschaft zu gewinnen”. Die Daily Mail merkte an, daß „Mika Häkkinen nicht gerade der charismatischste Sportchampion, aber ein Beweis dafür ist, daß die Guten am Ende siegen”. Die Independent staunte nicht schlecht, daß „der gemeinhin emotionslose Mika Häkkinen lächelte, tanzte und gestikulierte!”

Die Deutschen wünschten einerseits Schumi viel Glück - und setzten andererseits einen Silberpfeil-Sieg. Die deutsche Presse - 'Die Formel 1 führt jemand an, der so heißt wie ein Klappbett von Ikea' (SPIEGEL) - ließ nun den Sieger hochleben. Die Welt titelte: „Häkkinen und ein Geheimnis namens Sisu”, der Berliner Tagesspiegel charakterisierte Häkkinen als „unterkühlt, wie Finnen im allgemeinen, der aber in seiner Siegesfreude ein ganz anderer Mensch ist”. Als Schumi als erster Mika zu seinem Sieg beglückwünschte, bewies er laut Bild „wirkliche Größe”.

Ferraris Mißgeschick war in Italien eine Hiobsbotschaft. Gazetto dello Sport barmte, wie trotz teuerster Spitzentechnologie die Weltmeisterschaft entschieden werden konnte von „einem alltäglich anmutenden Vorfall - gleich einem Motor, der vor der Verkehrsampel absäuft”. Tuttusport hingegen zeigte sich von dem finnischen Champion beeindruckt. „Häkkinen ist die neue Nummer eins und hat seinen Rang verdient. Während der gesamten Saison hat er weniger Fehler gemacht als Schumi.” In Maranello, dem Firmensitz Ferraris, war im Park eine riesige Leinwand aufgespannt, auf der man die Stationen des italienischen Boliden verfolgen konnte. Einer der Zuschauer im Park erklärte unter Tränen: „Ferrari ist wie die Titanic, Schumacher wie DiCaprio, und der Untergang war ebenso spektakulär.”

Vom Karting-Kid zum Nachfolger von Keke Rosberg

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Mika Häkkinen saß schon als 5jähriger hinterm Steuer. Da sich der Junge als ein außerordentliches fahrerisches Talent erwies, unternahmen die Eltern alles, um es zu fördern. In den Jahren1974-86 gewann Mika fünfmal die Finnische Karting-Meisterschaft. Er stieg nach und nach in höhere Klassen auf und gewann 1990 die Britische Meisterschaft in der F3-Klasse. Im folgenden Jahr fuhr er sein erstes Formel-1-Rennen für den Lotus Stall. 1993 wechselte er zu Mac-Laren über, wo er alsbald aufsehenerregende Plazierungen einfuhr. Den ersten Sieg konnte er jedoch erst im Oktober 1997 landen.

Mika Häkkinen wurde am 28.9.1968 geboren, in einer Vorstadt von Vantaa, unweit des Flughafens Helsinki. Er absolvierte die Berufsfachschule, die er 1986 als Klempner abschloß. Motorsport war indessen schon damals seine Leidenschaft. Heute wohnt Häkkinen wie viele andere Prominente im Steuerparadies Monaco. Im Sommer 1998 heiratete er die Finnin Erja Honkonen im alten Dom von Porvoo. MacLarens Stallchef Ron Dennis hält Erja, die Mika auf seinen Wettkampreisen getreulich folgt, für ein vollwertiges Mitglied des Teams. Häkkinens Manager ist Keke Rosberg, der 1982 als erster Finne die Formel-1-Meisterschaft errang.

Seinen heroischsten Sieg erkämpfte Mika Häkkinen indessen im November 1995 im australischen Adelaide. Eine Reifenpanne schleuderte sein Auto gegen eine Leitplanke, und er wurde lebensgefährlich verletzt. Glück im Unglück war, daß nur 40 Meter von der Unfallstelle ein Arzt zur Stelle war. Ohne dessen schnelles Eingreifen, es ging um buchstäblich Sekunden, wäre dies Mikas letztes Rennen gewesen. Mika erholte sich jedoch verblüffend rasch von seinen Verletzungen und trat schon im November 1996 in Melbourne wieder an. Was vielen als ein medizinisches Wunder galt, war vor allem ein Beweis für seinen eisernen Willen und Durchhaltevermögen - das sprichwörtliche finnische Sisu. „Meine Chancen haben sich verbessert, weil die Formel-1 mich nicht unterkriegen konnte”, sagte Häkkinen im Sommer 1998 in einem Interview. „Die Weltmeisterschaft ist das Höchste, aber es gibt im Leben auch andere wichtige Dinge.”

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