Pesäpallo
Finnland am Ball
 
Image size 12 Kb
Der neunfache Goldmedaillengewinner Paavo Nurmi hat am nachhaltigsten die finnische Sportgeschichte beeinflußt? Irrtum. Diese Ehre gebührt Prof. Lauri Pihkala, der Pesäpallo - eine finnische Variante des Baseballs - zum finnischen Nationalsport weiterentwickelte. Die ersten Pesäpallomatchs wurden 1922 ausgetragen, das Spiel ist mithin schon 75 Jahre alt. Die Zahl der organisierten Pesäpallospieler beläuft sich heute auf rund 60 000 - und die Hälfte davon sind Frauen.

Der Ball als Spielzeug hat die Menschen seit jeher fasziniert. Schon im 17. Jahrhundert waren in Europa Ballspiele die am weitesten verbreiteten Sportarten. Es gibt viele Ballspiele, die von Land zu nach Land variieren, und von einem hat Pihkala eine eigene Version kreiert: Pesäpallo - in dem Namen klingt Baseball an - basiert weitgehend auf dem amerikanischen Vorbild.

Auf einer Amerikareise hatte Lauri Pihkala Baseballspiele kritisch unter die Lupe genommen. Und als eigenwilliger Sportsmann vermeinte er, in der Spielstruktur entscheidende Fehler entdeckt zu haben.

Das Spiel entwickelt sich zu träge, weil der Start ziemlich umständlich ist. Den zugeschlagenen Ball zu treffen, ist kompliziert und die Strecke bis zur ersten Base zu lang. Im finnischen Baseball sind Vertikalwürfe erlaubt, und die erste Base ist so nah, daß das Spiel rasch auf Touren kommt.

Man kann den Sport auch als einen Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Gedankenmodelle begreifen. Soziologen vergleichen das Spielfeld des amerikanischen Baseballs mit einer weiten offenen Prärie. In einer Prärie kann es - wie im finnischen Pesäpallo - für einen Schlag keine Hintergrenze geben. Ein zweiter Grundgedanke ist das Duell zwischen Schläger und Läufer, das die Grundspannung der amerikanischen Gesellschaft reflektiert: Einer von den beiden ist immer ein Gewinner, ist der Bessere. Als Idealist und Erzieher wollte Lauri Pihkala ein Mannschaftsspiel schaffen, in dem ein Spieler dem anderen hilft, sich von einer Base zur anderen vorzuarbeiten. Nach den Spielregeln erzielt der Spieler, der ein Runde geschafft hat, für seine Mannschaft einen Punkt. Soweit die Spielidee - auf den Punkt gebracht.

Als Pesäpallo in Finnland eingeführt wurde, gab es schon zahlreiche Sportplätze mit Tribünen. Pihkala legte Wert darauf, daß man Pesäpallo auch auf einem normalen Sportplatz spielen konnte. Der Platz bestimmt die Länge und Breite des Spielfelds, die ungefähr immer gleich ist. Dennoch haben viele Gemeinden in den letzten Jahren attraktive Stadien speziell für Pesäpallo gebaut.

Daß Pesäpallo höchst populär ist - das bezieht sowohl auf die Spiele der Herren- als auch der Damenmannschaften - geht daraus hervor, daß 1997 über 600 000 Zuschauer die Spiele verfolgten. Zum Vergleich: Fußball lockte im gleichen Zeitraum nur 350 000 Fans an. Zu jedem der achtzig im Fernsehen ausgestrahlten Pesäpallo-Matchs schalten sich durchschnittlich 250 000 Zuschauer ein - eine beachtliche Quote in Finnland. Schon die Hälfte der Zehntausende in Pesäpallo-Vereinen organisierten Spieler sind Frauen. Das Spiel eignet ebensogut für beide Geschlechter und kann auch in gemischten Mannschaften gespielt werden. Für Junioren - Mädchen und Jungen - wurden adäquate Felder angelegt und Spielgerät entwickelt.  Image size 10Kb

Bestandteil der finnischen Identität

Finnische Auswanderer haben Pesäpallo auch über Finnland hinaus bekannt gemacht. Die meisten aktiven Spieler gibt es Australien, Deutschland, Schweden, Estland und auf der Insel Hokkaido, wo alle Spieler Japaner sind. Auch finnischgebürtige Amerikaner und Kanadier widmen sich dem Spiel in den Sommermonaten. So konnten in Finnland sogar schon zweimal Pesäpallo-Weltmeisterschaften ausgetragen werden. Der schlagkräftigste Läufer der australischen Mannschaft, ein schwarzer Ureinwohner, stieg bei der Weltmeisterschaft 1997 in Lahti als Publikumsliebling auf. Dennoch ist Finnland Weltmeister geworden.

Die zunehmende Popularität des Pesäpallos wirft ein aufschlußreiches Licht auf den Wertewandel in Finnland. Als in den 60er und 70er Jahren nur internationale Trends bei der Jugend ankamen, sank die Beliebtheit des Pesäpallos auf einen Tiefpunkt. Heute hingegen, wo sich allerorten übernationale Strömungen breitgemacht haben, sind nationale Werte auch wieder im Sport gefragt. Pesäpallo ist ein Bestandteil der finnischen Identität, die sich, wie in allen Mannschaftsballspielen auch, in einem temperamentvollen Lokalpatriotismus manifestiert. In einem geographisch weiten Land kann sich ein kleiner Ort mit einer schlagkräftigen Mannschaft landesweit profilieren. Die finnische Meisterschaft wird, mit knallenden Champagnerkorken, im großen Stil gefeiert.

„Pesäpallo ist ein raffiniert ausgetüfteltes Spiel”, erklärt Markku Pullinen, der Geschäftsführer des Finnischen Pesäpalloverbands. „Das Spiel ist spannend, weil es Verstand, Kraft und Schnelligkeit erfordert. Das Spiel kommt langsam auf Touren und explodiert dann in Turbulenzen. Finnen verstehen, was sich auf dem Feld abspielt. Es hagelt Ratschläge von der Zuschauertribüne, und bei Schnitzern wird kein Pardon gegeben.” Zumindest im Pesäpallo ist Finnland am Ball.

Abgekartetes Spiel

Gerade aufgrund des identitätsstiftenden Charakters des Spiels traf es viele Finnen besonders hart, als im Herbst 1998 ruchbar wurde, daß etliche Spielergebnisse der Pesäpallo-Liga offenbar manipuliert worden waren. Der anfängliche Verdacht erhärtete sich im Laufe monatelanger Untersuchungen, und heute steht fest: 4 Spiele im August 1998 waren abgekartet.

Besorgt um die Reputation des Nationalsports, griff die Leitung des Pesäpalloverbands hart durch: 68 Spieler wurden für längere Zeit, die meisten für die nächsten 10 Spiele, gesperrt.

Link zur Deutschen Pesäpallo Liga