Wie Stalin Finnland halbieren wollte
Image size 21 Kb Der sog. Winterkrieg zwischen Finnland und der Sowjetunion liegt nunmehr 60 Jahre zurück. Der Krieg begann Ende November 1939 und endete im März 1940. Die Rote Armee hielt den Feldzug gegen Finnland für einen Spaziergang, stieß aber im winterlichen Gelände auf unerwartet heftigen Widerstand. Der heroische Kampf des kleinen Finnland gegen einen übermächtigen Gegner machte damals in der ganzen westlichen Welt Schlagzeilen.

Nüchterne Zahlen sprechen für sich: Die finnischen Verluste beliefen sich auf 23 000 Gefallene und 45 000 Verwundete. Die sowjetischen Gesamtverluste betrugen rund 600 000 Mann. Insgesamt sah sich Finnland mit einem Heer von rund einer Millionen Soldaten konfrontiert. Finnland mußte sich der Übermacht beugen, ist aber nicht an ihr zerbrochen.

Finnland mußte gemäß dem Moskauer Friedensvertrag 1940 die von der Sowjetunion geforderten Gebiete abtreten. Der Winterkrieg war zu Ende, aber der 2. Weltkrieg ging für Finnland noch ein Jahr weiter und mündete 1944 im Pariser Friedensvertrag, der Finnland abermals schwere Lasten auferlegte. In der letztjährigen Ausgabe von „Willkommen in Finnland” wurden die Gebietsabtretungen in Karelien und Petsamo abgehandelt. Unerläutert blieb, warum die Sowjetunion die Grenze von der Linie Salla-Kuusamo weiter nach Westen verschieben wollte.

„Stalin hatte eindeutige Pläne”, erklärt Kriegshistoriker Oberst Sampo Ahto. „Schon während des Winterkriegs griff die Rote Armee bei Salla an, um sich den Weg zur finnisch-schwedischen Grenze nach Tornio freizukämpfen. Finnland hat sich jedoch so erfolgreich verteidigt, daß die Operation mißglückte - wie auch viele andere russische Pläne im Winterkrieg”.

Image size 25 Kb Eine der bekanntesten Schlachten des Winterkriegs fand im Januar 1940 südlich von Salla bei Temperaturen von fast -40º C statt. Die Finnen zingelten eine Elitetruppe der Roten Armee, die 44. Division, ein und rieben sie fast völlig auf. 17 500 Gegner mußten in der viertägigen Schlacht ihr Leben lassen. Der Versuch, Finnland an der schmalsten Stelle zu halbieren, war gescheitert. Die vernichtende Niederlage ließ im russischen Lager die Legende vom „Weißen Tod” aufkommen: finnische Soldaten in ihren schneeweißen Tarnuniformen.

Sallas strategische Rolle in dem großen Plan

In dem Friedensvertrag beanspruchte die Sowjetunion ein 7 426 km² großes Gebiet in Salla und Kuusamo. Aus dem abgetretenen Gebiet wurden etliche Tausend Bewohner evakuiert. Der Vertrag enthielt einen Artikel, der Finnland verpflichtete, eine Eisenbahnstrecke von Salla nach Kemijärvi zu bauen. Von hier bestand bereits ein Bahnanschluß nach Tornio an der schwedischen Grenze. Der Plan, Finnland zu halbieren, war auch den Finnen bewußt. „Diese Bauarbeiten waren für den zu erwartenden russischen Angriff bestimmt”, sagt Oberst Ahto. „Die Russen suchten den Bahnbau durch ständige Ultima zu beschleunigen. Ihre Bahnverbindung von Murmansk nach Salla stellten sie in kurzer Zeit fertig. Der Bau der über 80 Kilometer langen finnischen Teilstrecke beschäftigte maximal dreitausend Arbeiter. Im Sommer 1941 war die Strecke so gut wie fertig.”

Dokumente in russischen Archiven enthüllen einem Plan von November 1940, demzufolge zwei Divisionen der Roten Armee, die 21. Armee, nach Salla vorstoßen sollte. „Für eine so große Truppe war ein Angriff ohne Bahnverbindung nicht denkbar, ohne sie wäre die Nachschublogistik zu schwierig”, erläutert Ahto Stalins Plan. „Na ja, dann hat sich das Blatt gewendet, und die Deutschen haben von der Bahnstrecke profitiert. So gesehen, hat sich das Bahnprojekt gegen die Russen selbst gekehrt.”

Als im Sommer 1941 Deutschland die Sowjetunion attackierte, wollte sich Finnland an der Seite Deutschlands für den Winterkrieg revanchieren. Verlorene Gebiete wurden zurückerobert. Nach einem langen Stellungskrieg startete die Rote Armee einen Großangriff auf der karelischen Landenge. Im Herbst 1944, Hitlers Niederlage stand bereits fest, konnte Finnland mit der Sowjetunion einen Waffenstillstand vereinbaren. In den Friedensbedingungen verlangte die Sowjetunion von Finnland, die noch in Lappland verbliebenden deutschen Truppen vom finnischen Territorium zu vertreiben. Danach war auch für Finnland der 2. Weltkrieg beendet.

Verlockende Landschaften, aber ohne militärische Bedeutung

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Vor dem Krieg waren die abgetretenen Gebiete - die stattlichen Fjälls Salla, Välitunturi und Rohmoiva samt Seen und Flüssen - ein beliebtes Besuchsziel für Skiläufer, Angler und Wanderer. Salla galt als das schönste Kirchspiel Lapplands. In den 30er Jahren nahm der Tourismus stark zu, und es wurden für diesen Landstrich große Pläne geschmiedet. Als Finnland sich damals um die Olympischen Winterspiele bewarb, galt Salla als der einzige Ort in Finnland, in dem die alpinen Sportarten ausgerichtet werden können.

Der Krieg setzte den touristischen Ambitionen in Salla ein Ende. Mit den ohne Rücksicht auf die Umwelt hingeklotzten Wasserkraftwerken wurden Lachsflüsse verbaut, Wälder fielen Kahlschlägen zum Opfer. Naturbelassene Flecken gibt es nur noch an Hängen von tiefen Schluchten, die für Waldmaschinen nicht passierbar sind. Als Lichtblick soll indessen auch ein 1994 von den Russen gegründetes Naturschutzgebiet in der Region erwähnt werden.

Militärisch hat das Salla-Gebiet keine Bedeutung mehr, weder für Finnland noch für Rußland. „Solche Landflecken verlieren im allgemeinen ihre einstige militärische Bedeutung”, merkt Ahto an. „Nach allem zu schließen bereitet dieser Grenzabschnitt den Russen keine Sorgen, vielleicht weniger als jeder andere an den langen russischen Grenzen. Die Russen haben Truppen im Grenzbereich zurückgezogen. Die Garnison von Salla in Alakurtti wurde ebenfalls verkleinert.”

Pläne für die touristische Erschließung der hinter den russischen Grenzen verbliebenen Fjälls nehmen langsam konkrete Gestalt an. Die Firma Sallan Tunturipalvelut Oy, eine Tochter des Konzerns Holiday Club Finland, hat zu diesem Zweck 1999 eine Kooperationsfirma mit der russischen Stadt Kantalahti gegründet. NCC-Puolimatka International wiederum wird auf russischer Seite den Grenzübergang Salla bauen; das Projekt wird innerhalb des EU-Programms Tacis finanziert. Der Grenzübergang soll am 1.1. 2001 für den internationalen Verkehr eröffnet werden. Wenn die strukturellen Einrichtungen fertiggestellt sind, kann die Erschließung des Gebiets in Angriff genommen werden.