Informationstechnologie revolutioniert die Welt

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Die sich rasant fortentwickelnde Technik befördert Informationen in Echtzeit rund um die Welt. Sie hat Fenster aufgestoßen, die die politischen Machthaber nicht mehr zu schließen vermögen. In den entwickelten Industriestaaten ist es bereits alltäglich, Geschäfte am heimischen Computer im Cyberspace abzuwickeln.

Tele-Medizin ist schon Realität geworden, ebenfalls Fernunterricht im Internet. Der Finne Pekka Tarjanne hatte als Generalsekretär der Internationalen Telekommunikationsunion (ITU) einen Logenplatz inne, von dem er auf die bahnbrechendsten technischen Innovationen einwirken konnte. „Neue Anwendungen werden ständig entwickelt. In ein paar Jahren wird nicht mehr die Dichte des Mobiltelefonnetzes gemessen, sondern etwas ganz anderes. Bald wird man auch nicht mehr vom Internet sprechen, sondern von den vielfältigen Techniken und Services, die aus ihm hervorgegangen sind. Wir haben erst einen Bruchteil der Revolution gesehen, die die Kommunikationstechnik mit sich bringt”, sagt Pekka Tarjanne. Der Mann weiß, wovon er spricht.

Die Internationale Telekommunikationsunion wurde 1865 als eine zwischenstaatliche Organisation gegründet. Seit 1947 ist sie den Vereinten Nationen (UNO) unterstellt und in Genf ansässig. Eine Besonderheit der ITU innerhalb der UNO ist, daß sie nicht nur ein übergreifendes Organ zwischen den Regierungen ihrer 188 Mitgliedsstaaten ist, sondern daß ihr auch über 500 Unternehmen und andere Institutionen als Mitglieder angehören - in Finnland z.B. Nokia und Sonera (frühere Telekom). Durch die Zusammenarbeit zwischen Regierungen, bedeutenden Geräteherstellern und Dienstleistern (Internet, Satellitensysteme und Software-Firmen) ist die Organisation weltweit präsent.

Von den Aufgabenfeldern der ITU stellt Pekka Tarjanne drei als besonders wichtig heraus. Das erste ist die Standardisierung der weltweiten Datennetze und -dienstleistungen. Tausende von verschiedenartigen Datenservices, z.B. die Vernetzung von Computern, müssen so aufeinander abgestimmt werden, daß sie miteinander kommunizieren können. Eine frühere Zielvorgabe, von überall rund um die Welt telefonieren zu können, ist längst Wirklichkeit geworden.

Das zweite Feld ist die effektive Nutzung von internationalen Funkfrequenzen. Die ITU vergibt Frequenzen für den Fernmeldeverkehr, für den Flugverkehr, für die Radioastronomie und selbst für das Radioamateurwesen. Hierzu zählt auch die Vergabe von Satellitenumlaufbahnen für geostationäre Satelliten an Staaten und Unternehmen. Das dritte Hauptfeld der ITU ist die Entwicklungskooperation, insbesondere kommunikationstechnische Starthilfe für ärmere Länder. Aufs Ganze gesehen hat sich die Kluft auf diesem Gebiet zwischen den reichen und armen Ländern in den letzten 15 Jahren verringert.

China ist der größte Telekommunikationsmarkt

„Die Entwicklung in Lateinamerika war besonders positiv”, lobt Generalsekretär Tarjanne. „Auch in Südostasien wurden zufriedenstellende Fortschritte gemacht. China ist derzeit der größte Telekommunikationsmarkt. Die Chinesen haben schon seit geraumer Zeit jährlich über 36 Mrd. DM in die Weiterentwicklung ihrer Datennetze investiert. Das bedeutet mehr als 20 Mio. neue Netzanschlüsse jährlich. Im Jahr 2000 verfügt China wahrscheinlich über mehr Telefonanschlüsse als die Vereinigten Staaten.”

„Die größten Probleme türmen sich in Afrika, besonders in Gebieten südlich der Sahara. Dort gibt es Länder, in denen die Telefondichte heute niedriger ist als vor 15 Jahren. Während in einem Teil der Welt reale Informationsgesellschaften aufgebaut werden, sind in anderen nicht einmal Telefone verfügbar, und dadurch vertieft sich die Kluft zwischen den armen und wohlhabenden Ländern.” Doch Pekka Tarjanne ist Optimist: „Die 1998 von der ITU in Südafrika ausgerichtete Konferenz Africa Telecom 98 - Gastgeber war Präsident Nelson Mandela - war die größte afrikanische Telekommunikationsveranstaltung aller Zeiten. Sie war höchst vielversprechend. In Afrika beginnt man zu verstehen, daß wirtschaftliches, zivilisatorisches und soziales Wachstum und Stabilität ohne Organisierung des Informationsbereichs nicht zu haben ist. Zum Glück sind Telekommunikationsnetze auch in ärmeren Ländern rentable Investitionen. Es mangelt auch nicht an interessierten Unternehmern, die Regierungen müssen nur die Voraussetzungen dafür schaffen.”

Kommunikation über die Grenzen

Früher gab es Länder, die sich systematisch nach außen abgeschottet haben. Das ist heute wohl kaum mehr möglich?

„Das haben diese Länder selbst gemerkt, und die meisten von ihnen haben es geschafft, sich klug anzupassen. Nordkorea galt als eines der am stärksten isolierten Länder der Welt. Ich habe das Land als Gast von Kim II. Sung besucht, kurz bevor er starb. Wir haben ausgiebig miteinander gesprochen”, erinnert sich Tarjanne. „Er gab offen zu, daß es möglich sein muß, im Laufe der Zeit auch über die Landesgrenzen hinweg miteinander zu sprechen und zu kommunizieren. Ich glaube, daß auch die Nordkoreaner die richtige Einstellung zum Wandel finden werden. Eine Rückkehr zu einer hermetisch geschlossenen Gesellschaft ist nicht mehr möglich. Aber wenn man auf die Geschichte zurückschaut und die politische Situation berücksichtigt, begreift man, daß dies alles nicht an einem Tag realisiert werden kann.”

„Es heißt, daß die Berliner Mauer so oder so gefallen wäre, ohne grenzüberschreitende Informationen nur etwas später. Der Kollaps der Sowjetunion hat zweifellos dazu beigetragen. Der Golf-Krieg war die erste Krise, die - typisch für die Mediengesellschaft - weltweit live übertragen wurde.” Tarjanne könnte noch viele weitere Beispiele aufzählen.

Die Entwicklung - d.h. die aktuelle Zeitgeschichte - ist zunehmend schwieriger zu verstehen, wenn man sie nicht in Beziehung zu der Informationsvermittlung durch die neue Technologie sehen kann. Wenn die allgegenwärtige Informationsstruktur sich ändert, verändert sie unweigerlich auch die Welt um uns.

„Selbstverständlich wird nach wie vor auch die traditionelle Rundfunk- und Fernsehtechnik benötigt, obgleich es sich bei ihr um eine Einweg-Kommunikation handelt. In einer echten Informationsgesellschaft ist Interaktion Trumpf. Die Leute werden nicht mehr vom Sofa aus Fernsehen gucken, wenn ihnen eine Kombination aus Telefon, Fernseher und Computer zur Verfügung steht. Dann kann man nach Wunsch mit Freunden plauschen, studieren, Nachrichten verfolgen, Geschäfte tätigen - oder exzellente französische Weine bestellen... Für aktive Zeitgenossen eröffnen sich grenzenlose Möglichkeiten.”

„Die neue digitale Technik, die die alte analoge verdrängen wird, ist ein enormer Fortschritt. Aus einem einzigen Funkfrequenzband kann viel mehr herausholen. Sie ermöglicht den Empfang von fast unzähligen TV-Kanälen. Revolutionierend daran ist, daß ein und dieselbe Technik den Telefon- und Datenverkehr, das traditionelle Rundfunk- und Fernsehwesen und die auf Bits basierende Telekommunikation bewältigen kann. Wir haben es mit einer technischen Konvergenz zu tun.

Danach wird man Unternehmen nicht mehr eindeutig in Fernseh-, Rundfunk-, Telefon und Telekommunikationsgesellschaften, in Computerhersteller und Software-Firmen einteilen können. Die Grenzen verwischen sich, und es entsteht ein neuartiger Cluster, den man in Ermangelung eines besseren Begriffs als Multimedia-Industrie bezeichnen könnte.” Pekka Tarjanne zeichnet mit gekonnten Pinselstrichen eine Zukunftsversion. Was technisch möglich ist, wird auch in die Praxis umgesetzt.

Internationaler Finne

Dr. rer. tech. Pekka Tarjanne, 61 Jahre, ist Professor für theoretische Physik an den Universitäten Oulu und Helsinki, Verkehrsminister, Abgeordneter und Vorsitzender der Liberalen Volkspartei sowie Generaldirektor des Post- und Fernmeldewesens gewesen. Seine Karriere als Wissenschaftler, Politiker und ranghoher Beamter hat ihn gleichsam für das Amt des Generalsekretärs der ITU prädestiniert, das sich auch aus anderen Gründen für den Finnen anbot. So konnte Tarjanne die Bedenken ausräumen, daß die supranationalen Medien samt amerikanischen Seifenopern die Kultur und die Sprache eines kleinen Landes wie Finnland ernsthaft bedrohen.

Tarjannes neunjährige Tätigkeit in Genf läuft Ende dieses Jahres aus. Er kann nicht für eine dritte Amtszeit als Generalsekretär wiedergewählt werden: „Aber für meine Erfahrungen und Kenntnisse auf diesem Gebiet wird sich wohl noch eine Verwendung finden.”

Siehe auch:
WTF-O Die Nokiasierung Finnlands