Historische Schätze auf dem Meeresgrund

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Dreiviertel der Erdoberfläche wird von Meeren bedeckt. Die buchtenreiche Ostsee ist nur ein Tropfen in den Weltmeeren, aber für Unterwasserarchäologen und Taucher ist sie höchst interessant. Die systematische Kartierung ihrer Schätze mit Hilfe neuer Technologie steht auch in Finnland erst am Anfang. Die Forscher machen sich desto enthusiastischer ans Werk.

Die meisten Ozeane sind mehrere Kilometer tief. Die tiefsten Gräben des Pazifik sind gar zwanzig Kilometer tief. Die Durchschnittstiefe der Ostsee beträgt nur 55 Meter. Sie ist eines der kleinsten und seichtesten, insel- und klippenreichsten Meere.

Solange Meere befahren wurden, solange sind auch Schiffe vom Kurs abgekommen oder im Sturm untergegangen. Ihre Fahrt endete oft auf dem Grund der Ostsee und ihrer Buchten. In Virolahti, am äußersten Winkel des Finnischen Meerbusens, wurden Bodenspanten eines mutmaßlichen Wikingerschiffs gefunden. Was die systematische Erforschung der historischen Funde zutage bringt, wird sich später herausstellen.

Schon der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtete vor fast zweitausend Jahren, daß die Germanen ihre hochgeschätzten Pelze aus einem Land „hinter einem unbekannten Meer” bezogen. Die Ostrouten der Wikinger führten durch den Finnischen Meerbusen bis zum Ladogasee. Um die Herrschaft über die wichtigen Handelsstraßen durch die Ostsee wurden im Laufe der Jahrhunderte grimmige Seeschlachten geschlagen. Die strategische Bedeutung der Region geht auch daraus hervor, daß Rußland noch immer am Stützpunkt Königsberg (Kaliningrad) an der littauischen Küste festhält. Kein Wunder, daß die Gewässer vor der finnischen Küste und im Schärenmeer reiche Schätze für Historiker bergen - sie müssen nur erst aufgefunden und gehoben werden.

Bohrwürmer zernagen, Packeis zermalmt

Die Ostsee ist auch das größte Brackwasserbecken der Welt, dessen Salzgehalt, gemessen an den Weltmeeren, mit 0-15 Promille verschwindend gering ist. Maija Fast, Forscherin des Finnischen Seefahrtsmuseums, preist die Ostsee aus der Sicht eines Unterwasserarchäologen: „Sie ist ein kleines außergewöhnliches Binnenmeer. Dank ihres geringen Salzgehalts leben hier keine Schiffsbohrwürmer [Toredo navalis], die in den Weltmeeren hölzerne Wracks zernagen. Die Holzwracks sind hier gut erhalten. Dies geht trefflich aus einem Kooperationsprojekt hervor, daß wir mit Australien durchziehen. An der Nordseite der Insel Kangaroo ist 1860 ein finnisches Schiff havariert. Das Wrack wurde als schützenswertes Relikt eingestuft. Am Fundort sucht man indessen vergebens nach Schiffsteilen, nur vereinzelte Objekte aus Glas, Porzellan und Metall sind übriggeblieben. Die Bohrwürmer haben das Wrack buchstäblich aufgefressen. In der Ostsee haben wir diese Sorgen nicht.”

Image size 19 Kb Forscherin Maija Fast und das 1901 gebaute Feuerschiff Kemi am Ufer des Finnischen Schiffahrtsmuseums. Das Museum steht auf der kleinen, Helsinki vorgelagerten Insel Hylkysaari.

„Statt gefräßiger Bohrwürmer setzt bei uns der hektische Prozeß der Eisbildung den Wracks zu. Wenn im Frühjahr das Eis zu schmelzen beginnt, bildet sich Packeis. Diese gewaltigen Eismassen können bis zu über zwanzig Meter in die Tiefe reichen, sie zermalmen alles unter sich. Und auch das ständig wogende Meer verwirbelt ständig den Meeresboden. Auch ist es unglücklich, wenn ein Wrack sich direkt unterhalb der Route von großen Schiffen befindet. So liegt das Wrack eines Schiffes, das 1790 während der Seeschlacht von Ruotsinsalmi unterging, an einer Stelle, wo die Wasserstraße einen Bogen macht und die Schiffsschrauben auf Hochtouren laufen. Dies verursacht in den flachen Gewässern heftige Verwirbelungen, die ein Wrack demolieren können”, grämt sich Maija Fast.

Ein neues Echolot entdeckt jedes Wrack

Das Flächenecholot ist ein neues Gerät, das eine systematische marinearchäologische Vermessung des Meeresbodens erlaubt. Früher wurden die Wracks mehr oder wenigen zufällig entdeckt. So sind die Forscher des Zentralamts für Seefahrt bei der Erfassung für Seekarten gelegentlich auf ein Wrack gestoßen, einige waren bereits auf den Karten verzeichnet. Die Armee unternimmt Vermessungen für eigene Zwecke und hat ebenfalls für Forscher interessante Objekte erfaßt. Auch Beobachtungen von Sporttauchern waren sehr hilfreich für die Forscher des Seefahrtsmuseums.

„Das Flächenecholot kann ein dreidimensionales Bild vom Meeresboden generieren. Ein herkömmliches Echolot erstellt nur ein Profil von Meeresboden. Das neue Gerät vermittelt kein Bild etwa in Form einer Fotografie, und ein Laie hat Schwierigkeiten, die Ergebnisse zu deuten. Doch wenn man es in geringen Wassertiefen einsetzt, kann man - bei Kriechtempo - auch die kleinsten Details von Gegenständen ausmachen. Auch in tieferen Gewässern und bei höherem Tempo kann man deutlich Wracks auf dem Boden erkennen. Das neue Echolot regiert auch auf Holz, nicht nur auf Metall. Normalerweise ist das, selbst wenn zehn Taucher den Meeresboden absuchen, ein hoffnungsloses Unterfangen. Mit einem Flächenecholot kann man hingegen auch ein großes Meeresgebiet in kurzer Zeit absuchen. Dies bedeutet in der Praxis, daß der Grund des Finnischen Meerbusens erstmalig vollständig maritimearchäologisch kartiert werden kann”, schwärmt Maija Fast.

In Finnland verfügen Seefahrts- und Militärbehörden über Flächenecholote, nicht aber das Seefahrtsmuseum. Die Situation hat sich insofern gebessert, als nunmehr ein Privatunternehmen Flächenecholote an Forscher und andere Interessierte vermietet. Samt Bedienungsmannschaft, die die Ergebnisse interpretieren kann. Tauchervereine haben das Mietgerät bereits an vielversprechenden Tauchpositionen eingesetzt. Im Sommer 1997 spürten sie damit zwei Wracks auf.

„Wir vom Seefahrtsmuseum warten mit Spannung darauf, daß mit dem neuen Echolot eine der Hansa-Koggen aufgespürt wird. Wir wissen, daß Koggen in finnischen Gewässern havariert sind. Bislang konnten nur zwei Wracks aus dem 16. Jahrhundert lokalisiert werden. Je älter das Wrack, desto interessanter ist es für uns. Erst ab dem 18. Jahrhundert wurden systematisch Schiffsentwürfe angefertigt. Wracks sind die einzigen Dokumente über ältere Schiffsbauverfahren und das damalige Leben an Bord”, weiß Fast.

Die St. Mikael hat es in sich

In den Ozeanen liegen die Wracks mitunter kilometertief, die von finnischen Forschern untersuchten Wracks wurden in nur 10-20 Meter Tiefe aufgespürt. Schon eine Wassertiefe von 30 Meter verlangt einen trainierten Taucher. Noch tiefer liegende, historisch aufschlußreiche Wracks wurden nur zufällig entdeckt. Image size 5 Kb

Dieser Jakobsstab wurde 1986 in einer Seemannstruhe im Wrack der St. Michael gefunden. Der Stab ist ein Vorgänger des Sextanten, mit dem man anhand der Sternenkonstellation die Position eines Schiffes bestimmen konnte.

Eines der interessantesten und bedeutendsten Forscherobjekte liegt in vierzig Meter Tiefe auf Grund vor der finnischen Küste. Das russische Handelsschiff St. Mikael, daß im Herbst 1747 im Schärenmeer bei Nauvo versank, war auf der Fahrt von Amsterdam nach St. Petersburg. Ein Teil der Fracht wurde an Land gespült und ein Jahr nach der Havarie in Turku versteigert. Taucher haben unter Aufsicht des Zentralamts für Museen und Denkmalspflege das Wrack schon fast vierzig Sommer lang untersucht. In dem Schiff wurden u.a. eine für die russische Zarin Elisabeth Petrownaja gefertigter Rokoko-Kalesche, erlesene Gefäße und Wertgegenstände entdeckt. Weitere wertvolle, wenn auch nicht so bekannte Wracks, werden ständig erforscht und untersucht. Wahrscheinlich können in den nächsten Jahren mit dem Flächenecholot gut erhaltene Wracks in 40-50 Meter Tiefe aufgespürt werden, hofft ein Experte.

„Wenn jemand zum Beispiel eine alte Schiffsspante auf dem Meeresboden findet, muß er den Fund unverzüglich der Museumsbehörde melden”, betont die Forscherin. „Die wichtigste Regel ist, das Holzobjekt feucht zu halten. Wenn es austrocknet, zerbröselt und zerfällt es. Die eigentliche Konservierung wird folgendermaßen durchgeführt: Zuerst wird das Holzstück in Süßwasser ausgelaugt, damit das Salz ausgewaschen wird. Danach wird das Wasser, das sich im Holzgewebe eingelagert hat, durch eine Kunststofflösung ersetzt. Bei größeren Objekten kann dieser Prozeß ein paar Jahre dauern. Vor Erfindung der Kunststoffbehandlung waren die Konservatoren ziemlich hilflos. Das stattliche königliche Kriegsschiff Wasa, das in Stockholm zu besichtigen ist, sank aufgrund eines Planungsfehlers bei der Jungfernfahrt. Die Wasa wurde danach zwanzig Jahre lang mit einer Kunststofflösung präpariert, und nun ist sie wieder in ihrer ganzen Pracht präsent. Die Unterwasserarchäologie und ihre Konservierungsverfahren sind halt noch ein junges Wissenschaftsgebiet.

Hilfreiche Sporttaucher

Image size 6 Kb In Finnland gibt es rund 20 000 Sporttaucher, und auch ausländische Taucher sind in finnischen Gewässern willkommen. Die Tauchervereine organisieren für ihre Gäste Tauchtouren. Auch für Tauchexpeditionen nach Wracks werden Genehmigungen erteilt. Gasttaucher sollten indes berücksichtigen, daß finnische Gewässer verglichen mit tropischen kalt sind und die Sicht unter Wasser oftmals getrübt ist. Laut finnischem Gesetz sind über hundert Jahre alte Wracks - das Alter bemißt sich nach dem Zeitpunkt der Havarie - geschützt; ihnen darf man sich nicht ohne behördliche Genehmigung nähern. Besonders viel Schaden hat fahrlässiges Ankern angerichtet. Wenn ein massiver Anker in ein fragiles Wrack einschlägt, sind die Folgen verheerend. Das Zentralamt für Museen und Denkmäler überwacht die Situation gemeinsam mit der Küstenwacht.

„Sporttaucher sind für die Forscher des Seefahrtsmuseums eine enorme Hilfe”, betont Maija Fast. „Alljährlich werden Dutzende von Genehmigungen für die Besichtigung von Wracks erteilt. Sporttaucher messen, fotografieren und machen Videoaufnahmen von Wracks und stellen das Material dem Museum zur Verfügung. Taucher, die sich auf diese Weise gewisse Fertigkeiten angeeignet haben, empfinden ihr Hobby als sinnvoller.”

Tauchziel Champagner-Schoner

Wesentlich jüngeren Datums als die St. Mikael ist das Wrack des Schoners Jönköping. Der hölzerne Zweimaster wurde 1896 in Schweden gebaut und 1916 vor der finnischen Westküste, unweit der finnischen Stadt Rauma, von einem deutschen U-Boot auf Grund gesetzt.

Die Ladung - 5000 Flaschen Champagner und 67 Fässer mit Cognac und Wein - war für die zaristische Armee Rußlands bestimmt. Kein Wunder, daß die auf rund 1 Million US$ geschätzte Fracht alsbald rivalisierende Taucher auf den Plan lockte. Der Inhalt einiger probeweise geborgener Flaschen erwies sich von hoher Qualität, und es war nur noch eine Frage der Zeit und günstigen Wetters, bis der süffige Schatz gehoben werden würde.

Im Juli 1998 war es schließlich soweit: Ein schwedisches Taucherteam rückte mit einem Schwimmkran an und befestigte Stahltrosse um das Schiff, mit denen das Wrack für mehrere Stunden nahe an die Oberfläche gehievt wurde.

Nach der Bergung der ersten Eichenfässer stellte sich indessen Ernüchterung, ja Katzenjammer ein. Sie enthielten eine faulig riechende Brühe aus Wein und Ostseewasser.

Kunstschätze für Katharina die Große

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Vielversprechender scheint ein Fund zu sein, den finnische Taucher Ende Juni 1999, ebenfalls mit Hilfe eines modernen Flächenecholots, aufspürten. Sie stießen in 41 Meter Tiefe auf das Wrack des holländischen Schatzschiffes Vrouw Maria. Der Fundort vor der finnischen Westküste liegt ebenfalls zwischen den Inseln Jurmo und Borstö, wo auch die St. Michel geortet wurde.

Die Vrouw Maria war unterwegs von Amsterdam nach St. Petersburg und lief am 3. Oktober 1771 auf Grund. Sie hatte Kunstschätze an Bord, die Zarin Katharina die Große geordert hatte. Die Taucher fanden ein Wrack voller Holzkisten.

Was alles in den Kisten steckt, wird sich frühestens im Jahr 2000 herausstellen. Das Finnische Seefahrtsmuseum verfügt nicht über die nötigen Mittel, um den unerwarteten Fund umgehend zu untersuchen.

Siehe auch:
WTF-O Vrouw Maria - 230 Jahre im Dornröschenschlaf
Mehr über den Champagner-Schoner
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