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Stadt aus der Retorte

„Es gibt zweierlei Arten von Städten: historisch gewachsene Handelsplätze und per Dekret gegründete und geplante Retortenstädte. Helsinki gehört eindeutig zu der letzteren Kategorie wie zum Beispiel auch St. Petersburg, Ankara und Brasilia”, befindet Matti Klinge, Professor an der Universität Helsinki. „Die Gründung Helsinki geht auf einen Plan des damaligen schwedischen Königs Gustav Wasa zurück. Und als man dann vor 200 Jahren daranging, die Festung Suomenlinna (früher Viapori) zu bauen, war das eine nationale Investition. Als Finnland ein Großfürstentum des Russischen Reiches wurde, lag die Ernennung Helsinkis zur Hauptstadt abermals im Interesse des Herrschers. Die Eisenbahn, mit deren Bau in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts begonnen wurde, war als fächerartiges Netz angelegt, in dem Helsinki eine zentrale Stellung einnahm. Auch dieser Beschluß wurde von oben aufoktroyiert.”

Der für seine aktive Handelspolitik bekannte schwedische König Gustav Vasa gründete 1550 die Stadt Helsinki (früher Helsingfors) als Gegenpol zum deutschen Städtebund Hanse, der den Süden des Finnischen Meerbusens beherrschte. Die Stadt lag zunächst an der Mündung des Flusses Vantaa, aber Königin Christina ließ die Stadt 1640 an ihren heutigen Platz nach Vironniemi auslagern. Nach dem verlorenen Krieg mußte Schweden Finnland 1809 an Rußland abtreten, Helsinki wurde die Hauptstadt des neuen Großherzogtums Finnland. Metropole des unabhängigen Finnland ist Helsinki seit 1917. Im Jahr 2000 wird die Stadt mithin 450 Jahre alt.

„Die Gründung der Retortenstadt Helsinki mißlang anfangs. Erst spätere Lösungen führten zu dem erwünschten Ergebnis. Der Bau von Suomenlinna war eine so gewaltige Kraftanstrengung, daß auch die Bourgeoisie nach Helsinki übersiedeln mußte, um die Bedürfnisse der Festungsbauer zu befriedigen. Der staatliche Einfluß auf die Stadt war seit jeher beträchtlich”, konstatiert Prof. Klinge. „Helsinki war lange Zeit eine Garnisons-, Universitäts- und Verwaltungsstadt. Industrie und Handel schlugen sich erst nach dem Bau der Eisenbahn im Stadtbild nieder. In Helsinki residieren noch immer die wichtigsten Institutionen des Landes: das Parlament, die Regierung, das Präsidentenpalais, der militärische Generalstab, die bedeutendste Universität, die Bank von Finnland... Hier konzentrieren sich die politischen und ökonomischen Entscheidungsprozesse. Das ist zum Beispiel in den USA, in Deutschland und Holland anders. Dies ist für Helsinki und Finnland ein eindeutiger Vorteil. In einem kleinen Land sollten die Kräfte konzentriert werden, das hat man hier nach etlichen Dezentralisierungsexperimenten begriffen.”

„Die Geschichte ist in Helsinki allerorten präsent. Per Dekret von oben wurden in Helsinki gerade ausladende Straßen angelegt, breiter als beispielsweise in Stockholm. Viele alte Städte wurden ziemlich willkürlich bebaut, die Straßen schlängeln sich zwischen Häusern, die aus verschiedenen Zeiten stammen. Die raumgreifende Planung verdanken wir der russischen Herkunft, dort gibt es Weitläufigkeit und Steppen im Überfluß. Entscheidend war indes der Wille des Zaren”, weiß Prof. Klinge. „Auf sein Geheiß wurden schnurgerade Straßen angelegt. Der Senatsplatz ist das beste Beispiel dafür.”

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„Hier gab es früher eine Kirche, einen Friedhof, Geschäfte, Schulen, ein Rathaus, Moore und Anhöhen. Als der Zar den Befehl zum Bau eines großen Platzes gab, wurden die Anhöhen eingeebnet, die Moore verfüllt und die Häuser abgerissen. Die Leute hat man nicht lange nach ihrer Meinung gefragt. Die Anwohner hätten niemals freiwillig dieser Lösung zugestimmt.”

Heute ist der Senatsplatz mit umgebenden Gebäuden der Stolz Helsinkis. Er bildet eine imposante Gesamtheit im Empirestil, die seinesgleichen sucht.