Finnisches Design
Mythos und Schimäre?
 

Wird das finnische Design seinem guten Ruf gerecht oder ist es ein Mythos, eine Schimäre?

Zweckmäßigkeit und Ästhetik waren seit den 30er Jahren die Leitsterne, denen finnische Designer gefolgt sind. In ihren Vorstellungen und Händen haben Metalle, Textilfasern, Leder, Ton und Glas Form angenommen. In Form von Möbeln, Kleidung, Geschirr, Maschinen, Werkzeugen und anderen Geräten.

Die traditionelle Materialkenntnis und -behandlung wurde dabei hochgehalten - oder auch fallengelassen, wenn sie dem Innovationsdrang im Wege stand. Nur an der soliden handwerklichen Ausführung wurden keine Abstriche gemacht. So haben es zahlreiche Designer mit neuen Werkstoffen zu Spitzenleistungen gebracht.

Die bekanntesten finnischen Designer sind, bereits seit Jahrzehnten, Aino und Alvar Aalto, Tapio Wirkkala und Timo Sarpaneva. Neben ihnen haben zahlreiche andere Designer, zumindest mit ihren Produkten, Aufsehen erregt, auch wenn man sich an ihre Namen schlecht erinnern kann.

Vor allem der Werkstoff Glas hat es finnischen Designern angetan und ihnen zu Weltgeltung verholfen. Finnische Glaswaren wurden als „materialreduziert” und „raffiniert” gerühmt. Seit den 50er Jahren wurden sie mit italienischem Glas verglichen, dessen Traditionen immerhin bis ins Mittelalter zurückreichen.

Unsere Glasherstellung ist viel jüngeren Datums: Die erste finnische Glashütte wurde vor dreihundert Jahren gegründet, und Nuutajärvi-Notsjö, die älteste, durchgehend im Betrieb befindliche Glashütte ist 204 Jahre alt.

Internationale Ausstellungen haben finnische Glaswaren und Designer weltbekannt - und dadurch auch in Finnland selbst populär gemacht. Insbesondere die Triennalen der 50er Jahre in Mailand, bei denen finnische Designer hervorragend abschnitten, haben das durch die Wirren des 2. Weltkriegs und die anschließenden Kriegsreparationen gebeutelte Selbstwertgefühl der Finnen gestärkt. Die mit Gold- und Silbermedaillen und Grand Prix ausgezeichneten Designer wurden in Finnland fast wie Olympiasieger gefeiert.

Glas wird in Finnland traditionell aus klarer und grüner Glasmasse hergestellt, doch in den 50er Jahren wurde in den Labors der Glashütten mit neuen Farbtönen und Formen experimentiert. Die 60er und auch der Anfang der 70er Jahre waren eine Zeit des Aufbruchs: Junge Formgestalter entwickelten neue Oberflächendekors, und die Glashütten überboten sich mit der Lancierung immer neuer Glaskollektionen.

Graviertes, geschliffenes und Filigranglas sind international begehrt, und folglich haben sich finnische Designer auch in diesen Techniken versucht. Ihr Anteil an der gesamten Glasproduktion, die vor allem aus geblasenem und Preßglas besteht, blieb indes bescheiden.

Die Ölkrise 1973 traf die energieintensive Glasindustrie mit voller Wucht. Sie zwang zur Kostensenkung, zu vereinfachten Formen und verminderten Farben. Der Höhenflug des Glaspreises ließ den Export und den Inlandsabsatz gleichermaßen absacken. Die großen Glasfabriken rationalisierten ihre Produktion, nur rentable Geschäftssparten überlebten. Andererseits brachte dieser Kahlschlag auch ein neues Phänomen hervor: Versierte Glasmeister und -bläser gründeten am Straßenrand eigene kleine Manufakturen, die sich zu kleinen Touristenattraktionen auswuchsen. Hier kann man bei einer Tasse Kaffee den Glasherstellungsprozeß verfolgen und anschließend Glaswaren als Souvenir erstehen.

Ästhetik steht neben Langlebigkeit und Zweckmäßigkeit auch bei Entwürfen für Gebrauchsgegenstände hoch im Kurs. In Massenproduktion hergestelltes Gebrauchsglas und in kleinen Serien gefertigtes Kunstglas gehen Hand in Hand. Die gleichen Designer, die preiswerte Glaswaren für den Alltagsgebrauch entwerfen, treten auch als Formgestalter von Unikaten hervor. Sie haben mit unkonventionellen Experimenten den Werkstoff Glas zu einem legitimen und ernstzunehmenden skulpturalen Material aufgewertet.

Alle finnischen Glasdesigner arbeiten eng mit Glasbläsern zusammen, etliche verstehen sich selbst auf diese Fertigkeit. In großen Glasfabriken überlassen die Designer das Blasen von Unikaten allerdings den Glasmeistern. Seit den 60er Jahren verbreitete sich aus den USA der Studio-Begriff nach Europa und schließlich nach Finnland. In kleinen Glasmanufakturen blasen die Designer selbstentworfene Kreationen.

Siehe auch:
WTF-O Industriedesign - Trumpf im Wettbewerb
Finnisches Design erobert wieder das internationale Parkett