Image size 11 Kb Ritva Puotila:
Ein Hauch von Seide


Ritva Puotila ist insofern eine außergewöhnliche Künstlerin, als sie im Verlauf unseres mehrstündigen Gesprächs kein Wort über Œuvre oder Kreativität verliert. Sie bevorzugt statt dessen die Begriffe machen und arbeiten. Diese Worte reflektieren ihre disziplinierte und zielbewußte Einstellung zum künstlerischen Prozeß. „Das kommt wohl von der lutherischen Erziehung. Wenn einem eine Arbeit aufgetragen wird, dann wird sie auch erledigt”, erklärt Puotila. Disziplin war den auch in ihrer jahrzehntelangen Karriere als Designerin von Industrieprodukten und Textilien dringend vonnöten.

Künstlerin! Was sonst?

Schon mit 11 Jahren war Ritva Puotila sicher, daß sie eine Künstlerin werden wird. Was für ein Künstler, stand auf einem anderen Blatt. Vielleicht Modedesignerin, denn sie entwarf schon damals ihre Kleider. Die wurden bei einer Schneiderin in Auftrag gegeben, wie es nach dem Krieg in Finnland üblich war. Von Stoffetzen, sie hatte davon einen ganzen Koffer voll, ließ sie sich für ihre Kleiderentwürfe und ihren späteren Beruf inspirieren.

Ihre künftige Künstlerlaufbahn vor Augen nahm Ritva Puotila mit 13 Jahren bei einem privaten Kunstlehrer Unterrichtsstunden und ergänzte ihr Studium in der Zeichenklasse der Oberschule. „Dank meines Kunststudiums lernte ich die finnischen Maler Akseli Gallen-Kallela, Helene Schjerfbeck und andere Künstler kennen und schätzen”, konstatiert sie. Schon als Teenager nahm sie an Kunstwettbewerben teil. „Das gab mir das Gefühl, daß ich eine Künstlerin bin! Ich hielt große Stücke auf meine Kunst. Als ich dann zu studieren begann, mußte ich kleinere Brötchen backen.”

Ritva Puotilas Vater, der aus einer Bauernfamilie stammte, starb im 2. Weltkrieg, als sie noch ein kleines Mädchen war. Sie kann sich trotzdem noch gut daran erinnern, wie der Vater für seine Töchter Pferde zeichnete. Auch die Mutter, Beamtin bei der Bahn, unterstützte Ritvas künstlerische Ambitionen. Sie bestand jedoch darauf, daß die angehende Künstlerin Ritva zuerst einen Beruf erlernte. So belegte Ritva an der Hochschule für Angewandte Kunst den Studiengang Bühnenbildner und wählte damit einen Beruf, der den freien Künsten am nächsten stand, wie sie meinte.

1956 schloß Ritva Puotila ihr Studium als frischgebackene Bühnenbildnerin ab. Doch als Brotberuf wählte sie die „Bühne des Alltags”, worunter sie Arbeitsverfahren und Werkstoffe verstand, u.a. Wolle, Leinen, Seide, Glas, Kacheln und Papier. Sie entwarf Unikate in Form von Kunsttextilien, aber vor allem hochwertige industrielle Produkte für Haushalte und öffentliche Gebäude. „Ich wollte prägnante Hintergründe schaffen, vor denen Menschen zur Geltung kommen.”

Von Wolle zum Papier

Ryen-Teppiche aus Wolle waren die ersten Kunsttextilien, mit denen Ritva Puotila sich im In- und Ausland einen Namen machte. Als knapp 20jährige konnte sie auf der XII. Triennale in Mailand mit ihrem Ryen-Teppich „Zeus” erstmalig eine Goldmedaille einheimsen. Seither hat es an Auszeichnungen aller Art nicht gefehlt. Im Dezember 1996 erhielt sie vom staatlichen Ausschuß für Industriedesign den Suomi-Preis, und 2001 wurde die nunmehr 65-jährige Puotila zur Textilkünstlerin des Jahres gekürt.

Die Möglichkeiten der Ryen-Technik haben Ritva Puotila immer wieder zu Novitäten inspiriert. In den letzten zehn Jahren hat sie der Welt mit dem Werkstoff Papierschnur, in 300 Farbtönen, neuartige Ryen beschert. Papierschnüre wecken bei älteren Menschen Assoziationen an Mangelerscheinungen der Kriegszeit, aber Puotila erweckt die Schnüre zu neuem Leben.

Sie verwandelt Papierschnüre, auch im industriellen Maßstab, zu farblich dezenten Einrichtungstextilien. Sie werden von dem 1987 gegründeten Familienunternehmen Woodnotes Oy hergestellt, für das Ritva Puotila die künstlerische Verantwortung trägt. Zur Produktpalette zählen Teppiche, Platzgedecke, Vorhangsstoffe und Paravents. 90 % der Produkte geht in den Export in über 30 Länder. In den letzten Jahren interessieren sich auch andere Designer in Europa für den Werkstoff Papierschnur, aber Ritva Puotila hat immerhin einen Vorsprung von zehn Jahren.

Manuell oder maschinell

„Ich könnte den ganzen Tag über Kunsttextilien und Designprodukte reden”, lacht Ritva Puotila „Die Anforderungen an industriell gefertigte Erzeugnisse sind wesentlich höher. Allein ihre Menge bedeutet Verantwortung. Zuerst muß das Produkt den Bedürfnissen des Verbrauchers entsprechen und zweitens muß man öfter etwas Neues und Besseres anbieten können. Als Designerin möchte ich etwas bewirken, und zwar so, daß die Schönheit und Natürlichkeit des Menschen zur Geltung kommen.”

„Bei Kunsttextilien kann man seiner Phantasie freieren Lauf lassen, weil der Gebrauchszweck zweitrangig ist. Der einzige Grund für künstlerisches Arbeiten ist der künstlerische Zwang. Meine textilen Unikate entstanden durch Weben, Stricken, Knüpfen, Flechten und Färben. Dabei spielt die Sensibilität der Hände eine große Rolle.”

Alte finnische Bauernkultur

Die Grundlagen des Designs von Ritva Puotila, die im karelischen (Wyborg) geboren wurde, liegt in der reduzierten Ästhetik der alten finnischen Bauernkultur. Kein Wunder, daß das Finnische Nationalmuseum mit seinen reichhaltigen Sammlungen von volkstümlichen und rustikalen Objekten einer der Lieblingsorte der Designerin ist. „Ich habe durchaus Einflüsse aus aller Welt empfangen, aber meine Ästhetik basiert auf unserer unberührten Natur und auf der urwüchsigen einfachen Bauernkultur, in der Handfertigkeit und ästhetische Aspekte zusammengehen. Ich möchte diese Tradition mit Mitteln unserer Zeit weiterführen. Alles hat seine eigene Schönheit.”

Natural beauty of paper yarn