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 Die Nokiasierung Finnlands

Die Struktur der finnischen Industrie hat sich innerhalb von 20 Jahren drastisch verändert. Die staatliche Industriepolitik ist der Steuerung durch den Markt gewichen, im Finanzierungsbereich wiederum haben die Banken ihre einstige Vormachtstellung an die Börse eingebüßt. Der Veränderungsprozess in Finnland (Suomi) glich grundsätzlich dem in vielen anderen westlichen Industrieländern, führte aber zu einer wesentlich radikaleren und tiefer greifenden Erneuerung der wirtschaftlichen Strukturen.

In den 80er Jahren herrschten in der finnischen Industrieproduktion die Forst- und Maschinenbauindustrie vor. Die elektrotechnische und elektronische Produktion waren ihnen untergeordnet. Nokia war als Hersteller von Tissuepapieren, Autoreifen und Starkstromkabeln bekannt. Zwar baute Nokia auch Computer und teletechnische Anlagen, aber deren Erfolgsaussichten wurden weithin mit Skepsis betrachtet.

1980-2000

• Im Herbst 2000 betrug die Zahl der börsennotierten Unternehmen 161, davon 109 im amtlichen Handel.

• 1980 standen 50 Unternehmen auf der Liste. Nur ein knappes Dutzend davon ist noch immer unter dem alten Namen und in dem damaligen Geschäftsfeld tätig.

• Rund jedes vierte der notierten Unternehmen wurde nach 1980 gegründet.

An der Börse von Helsinki wurden 1980 rund 2 Mrd. Finnmark (ca. 33 Mio. Euro) umgesetzt, die Marktkapitalisierung der gehandelten Aktien machte weniger als 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Die Finanzierung war Domäne der einheimischen Geschäftsbanken, die Hand in Hand mit den ihnen verbundenen Versicherungsgesellschaften in fast allen Großunternehmen zu den Hauptaktionären gehörten.

Die ökonomische Struktur ähnelte der in Deutschland und auch in Japan. Diese Länder waren stolz auf ihre Systeme, die auf wechselseitigen Beteiligungen, Konsens sowie enger Kooperation zwischen Staat und Unternehmen basierte. Es waren zwar kapitalistische Systeme, aber keine echten Marktwirtschaften. Das System geriet denn auch in eine Krise, als man begann, die Wirtschaft zu liberalisieren. Finnland hatte dabei zwei Vorteile: Die für die Kapitalbildung wichtige, auf dem Kapitaldeckungssystem beruhende Rentenversicherung und der Boomsektor des auslaufenden Jahrhunderts, die Informationstechnologie. Die waren in Finnland bereits dezentralisiert und zum größten Teil in privatwirtschaftlichen Händen.

Von der Banken- zur Börsenmacht

Finnlands Finanzmärkte wurden in den 80er Jahren dem internationalen Wettbewerb geöffnet. Die Inflation ging bis zur Bedeutungslosigkeit zurück, aber die Finnen finanzierten Investitionen weiter mit neuen Krediten, so wie sie es aus jenen Zeiten gewohnt waren, als die Zinsen von der Inflation aufgezehrt wurden. Der Bauboom und die überdimensionierten Investitionen des öffentlichen und privaten Sektors wurden zum großen Teil mit Kapitalaufnahmen im Ausland finanziert, und selbst Aktienkäufe wurden vielfach mit Fremdwährungskrediten bezahlt

Als Anfang der 90er Jahre der Aufschwung abriss und die Rezession durch den globalen Verfall der Immobilienpreise noch vertieft wurde, wurden die akkumulierten Zins- und Devisenrisiken realisiert. Die Börse, deren Bedeutung für Unternehmensfinanzierungen hierzulande fast internationales Niveau erreicht hatte, brach schwer ein. Die Banken gerieten in eine ernsthafte Krise, und der Staat musste ihnen mit gewaltigen Finanzhilfen unter die Arme greifen, und zugleich nahm der Druck zu Fusionen zu.

Zentrales Anliegen der Wirtschaftspolitik in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg war es gewesen, die Exportindustrie mit Hilfe einer hohen Sparquote der Haushalte und mit anderem von den Banken vermittelten Geldern auszuweiten. Der Binnenmarktsektor war hingegen unterentwickelt und konnte Konjunkturschwankungen nicht abfedern. Auch er hatte kräftig investiert und dafür reichlich Kredite im Ausland aufgenommen. Die hohen Finnmark-Abwertungen in den Jahren 1991 und 1992 zogen deshalb eine Konkurswelle nach sich.

Die Krise führte zu einer geglückten Sanierung des öffentlichen Sektors, und in den Unternehmen lernte man die Bedeutung einer gesunden Bilanz begreifen. Ende der 90er Jahre war die Eigenkapitalquote der finnischen Unternehmen im Schnitt auf - auch nach internationalem Maßstab - zufriedenstellende 50 Prozent gestiegen, während sie noch Anfang der 80er Jahre bei 20 Prozent gelegen hatte. Man hatte gelernt, Investitionen nach dem Cashflow und dem Eigenkapital zu bemessen.

Heute sind die Aktienmärkte die zentrale Kapitalquelle. Die Unternehmen sind relativ unabhängig von den Geschäftsbanken geworden, und die Risikoballungen in den Portefeuilles der Banken haben sich verringert. Die volkswirtschaftlichen Erwartungen und Risiken haben sich auf ein neues Feld verlagert - das IT-Business.

Informationstechnologie als Lokomotive und Risiko

Nokia geriet Anfang der 90er Jahren in eine Krise, die zu einer drastischen Umstrukturierung führte, wobei das Unternehmen sich auf einige wenige Geschäfte konzentrierte. Neues Kerngeschäft wurde der Bereich Mobiltelefone, und mit ihm ist es Nokia dann gelungen, zum Weltmarktführer aufzusteigen. Mit wachsenden Gewinnen ist der Kurs der Nokia-Aktie auf das Hundertfache gestiegen.

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Nokia-Aktien haben Finnland eine große Anzahl wohlhabender Haushalte beschert und Milliarden Finnmark für Kultur- und Forschungsstiftungen abgeworfen. Eine Reihe von Firmen hat sich als Zulieferbetriebe für Nokia aus dem Stand zu Großunternehmen gemausert. Nokia und Manager des Unternehmens, die ihre Aktienoptionen in Geld ummünzten, sowie Aktienbesitzer, die ihre Anteile veräußerten, haben kräftig Steuern gezahlt. Zumindest in der westlichen Welt dürfte es nur wenige Fälle geben, in denen ein einzelnes Unternehmen und die Gewinne, die er seinen Anteilhabern gebracht hat, einen so großen Einfluss einer ganzen Volkswirtschaft gehabt hat. Nokia hat den Wohlstand Finnlands innerhalb weniger Jahren wesentlich gemehrt. Dies ist ein bleibender Vorteil, unabhängig davon, ob Nokia auf lange Sicht seine Erfolgsstory fortschreiben kann oder nicht. Auf einem anderen Blatt steht die Frage, ob die Marktkapitalisierung der Nokia-Aktien in den Jahren 1999-2000 wirklich zu Recht höher lag als das BIP Finnlands, das immerhin sechsmal größer war als der Umsatz von Nokia.

Nachdem die größte private Telefongesellschaft Finnlands, die heute unter dem Namen Elisa Communications firmiert, und Sonera, eine Gesellschaft mit staatlicher Aktienmehrheit, an die Börse gegangen waren, betrug der Börsenwert der drei Großen der Telekommunikationsbranche zeitweilig 80 Prozent der Marktkapitalisierung aller börsennotierten Unternehmen Finnlands. Neuemissionen von IT-Unternehmen gingen weg wie warme Semmeln. Beim Kurs-Gewinn-Verhältnis wurden mitunter Werte von 100 erreicht, während Papiere von Unternehmen traditioneller Branchen, die ebenfalls gewachsen waren und gute Profite vorweisen konnten, schon zu Kurs-Gewinn-Verhältnissen von 10 zu haben waren. Die im Herbst 1999 begonnene globale Talfahrt der IT-Aktien verlief in Finnland ohne die Panik, die man in anderen Teilen der Welt erlebte. Den Informations- und Telekommunikationssektor kann man in Finnland bereits zur Grundindustrie rechnen.

Die „Napsterisierung” (das illegale Herunterladen von Musikdateien) könnte dazu führen, dass ein Teil der "New Economy", also des E-Handels, sich auf eine Ebene verlagert, auf der der traditionelle Schutz von Urheber- und Herstellerrechten und des Cashflows irrelevant wird und die Geschäftsrisiken so groß werden, dass im Kreise der Investoren die Wertschätzung für die „alten Industrien” und den traditionellen Handel wieder steigt. Die Gelder der Rentenversicherungen und Pensionsfonds, die den Löwenanteil der Aktieninvestitionen ausmachen, müssen zumindest zum Teil in solideren Werten angelegt werden als in den spekulativen Papieren der Virtualwirtschaft. Fakt ist außerdem, dass ohne produzierende Industrie auch in Zukunft nichts läuft. Und schließlich ist auch Nokia ein Unternehmen der produzierenden Industrie.

Siehe auch:
WTF-O Informationstechnologie revolutioniert die Welt
WTF-O Mehr Millionäre denn je in Finnland
Die Welt im Handy - ZEIT-Gespräch mit Nokia-Chef Jorma Ollila
NZZ: Ende des skandinavischen Telekom-Wunders?
SPIEGEL: Nokia hustet - Finnland wankt