Renaissance des Holzbaus
Image size 12 Kb Die finnische Holzbaubranche hat sich nach Jahrzehnten der Stagnation wieder aufgerappelt und sich an die Spitze der Entwicklung gesetzt. Fertig oder im Bau sind etliche international beachtete Holzbauprojekte: moderne erbaute Stadtmilieus, das weltweit erste Konzerthaus aus Holz, die größte Holzbrücke der Welt und zahlreiche kleinere Objekte.

Schwer zu glauben, daß im dichtbewaldesten Land Europas der Holzbau für mehrere Jahrzehnte praktisch daniederlag. Das grüne Gold der Wälder wurde lieber zu Zellstoff und Papier gemahlen als zu Bohlen zersägt. Die Hersteller konkurrierender Baumaterialien setzten ihre Interessen durch, und bald war die Verwendung von Holz im und am Bau durch rigide Bauvorschriften fast gänzlich verboten, sieht man von flachen Eigenheimen ab.

Mitte der 80er Jahre erwachte die Branche aus ihrem Dornröschenschlaf und gründete zur Wahrung ihrer Interessen Puuinfo (Finnish Timber Council). Die Aktivitäten von Puuinfo haben dazu geführt, daß Holz als Baumaterial heute wieder gefragt und koscher ist. Bis zu der Holzbau-Renaissance war es allerdings ein langer, mühsamer Weg.

„Das Fachkönnen der Holzbauer hatte arg gelitten, und es mußte in Hochschulen und in Berufsfachschulen aufpoliert werden. Ebenso wichtig war die Forschungs- und Entwicklungsarbeit, die sich vor allem auf Konstruktionssysteme konzentrierte”, erläutert Pertti Hämäläinen, Geschäftsführer von Puuinfo.

Ein Holzhaus ist erdbebenfest

„Finnland ist vor allem ein Forstvirtuose, wir verstehen viel vom Wald und der darauf aufbauenden Primärindustrie. Da wir nun die Entwicklung des Holzbaus vorantreiben wollen, haben wir uns gerne von einschlägigen Könnern in aller Welt belehren lassen. In Amerika versteht man sich auf den Konstruktionsbau, in Mitteleuropa auf Inneneinrichtungen, und wir kennen uns mit der Außenverkleidung aus. Wenn diese Faktoren addiert werden, entsteht ein einwandfreier Holzbau, der außerdem wettbewerbsfähig ist.”, konstatiert Hämäläinen.

Das amerikanische Holzkonstruktionssystem wurde modifiziert und für finnische Verhältnisse weiterentwickelt. Das System hat sich als eine höchst wettbewerbsfähige Methode erwiesen, hochwertige Holzhäuser zu bauen. Sie eignet sich sowohl für den Bau von Reihen- und Etagenhäusern.

„Das System ist insofern vorzüglich, als man mit zwei Pfostendimensionen ein vollständiges vielgestaltiges Stadtmilieu errichten kann. Wir streben an, Holz zu einem führenden Baumaterial in Europa zu machen, und zwar durch Verwendung eines offenen Holzkonstruktionssystems”.

Hämäläinen hält finnische Holzetagenhäuser auch für eine Lösung in erdbebengefährdeten Regionen. „Ein Holzhaus ist widerstandsfähig. Wenn die Erde bebt, fängt das Haus die Stöße flexibel auf, bricht aber nicht zusammen..”

Ökologische Vorteile

Neben seinen ökonomischen Vorteilen sprechen auch ökologische Gründe für das Baumaterial Holz, das im Bausektor ständig an Boden gewinnt.

Holz ist eine sich erneuernde Naturressource. Bei ihrer Veredlung wird nur wenig Energie benötigt, und es werden so gut wie keine Emissionen freigesetzt. Holzabfälle können leicht und gefahrlos entsorgt werden.

Der wichtigste umweltfreundliche Faktor des Holzes ist indessen, daß es als Kohlenstoffalle fungiert und den Treibhauseffekt ausbremst. Der wachsende Baum setzt Sauerstoff frei und bindet die Menge Kohlenstoff, die der Hälfte seines Gewichts entspricht. Der in einem Holzhaus gebundene Kohlenstoff entweicht nicht, solange das Haus steht. Je mehr Holz verbaut wird, desto nachhaltiger wird die Aufwärmung der Atmosphäre vermindert.

Moderne Holzstadt mit traditionellem Flair

An der Flanke der Universität Oulu entsteht zur Zeit ein gesamtheitliches modernes Holzhausmilieu. Initiiert wurde das Projekt von einem Forschungsteam namens Puustudio, das wiederum von Prof. Jouni Koiso-Kanttila, Professor für Architektur an der Universität Oulu geleitet wird.

Image size 12 Kb Das nach dem offenen Holzkonstruktionssystem gebaute Stadtmilieu umfaßt insgesamt rund 50 zwei- und dreistöckige Häuser, die bis 2002 fertiggestellt werden sollen. Die ersten Bewohner konnten um die Jahrtausendwende einziehen.

Die Holzstadt von Oulu repräsentiert zweifellos moderne Holzarchitektur. Dennoch wurden für die Milieuplanung Elemente aus alten finnischen Holzstädten einbezogen. „Es wurde angestrebt, die Atmosphäre und das Flair alter Holzstädte auf die moderne Holzstadt zu übertragen. Die Straßen sind eindeutig schmaler ausgelegt als in Bebauungsplänen für heutige Vorstädte, die Straßenzüge wurden als eine geschlossene und schützende Gesamtheit konzipiert, alle Hilfseinrichtungen wurden in separaten Hofgebäuden ausgelagert, große Parkplätze sind nicht vorgesehen.”, listet Koiso-Kanttila auf.

Die Häuserfassaden erhalten selbstredend eine Holzverkleidung, die, richtig angebracht und gewartet, Jahrhunderte überdauert.

Die Holzstadt von Oulu hat auch anderwärts in Finnland Beachtung gefunden. Im Herbst 1999 wurde in fünf anderen finnischen Städten ein entsprechendes Projekt angeschoben.

Klangfarben des Holzes

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Die Sibelius-Halle, das Konzert- und Kongreßgebäude von Lahti, hat schon vor ihrer Vollendung weltweit Aufsehen erregt. Für die zahlreichen Besuchergruppen, die sich auf der Baustelle drängeln, mußte eigens ein Führer eingestellt werden.

Die Sibelius-Halle ist in vielerlei Hinsicht sehenswert: Sie ist das einzige gänzlich aus Holz erbaute Konzertgebäude der Welt und zugleich Finnland größtes öffentliches Holzgebäude. Seine Schalltechnik wurde von dem amerikanischen Akustik-Guru Russel Johnson ausgetüftelt, und das Gebäude hat alle Chancen, zum akustisch besten Konzerthaus Finnlands zu avancieren. In die Sibelius-Halle wird die Philharmonie Lahti einziehen, die unter ihrem Chefdirigenten Osmo Vänskä hohes internationales Renommee genießt. Die Sibelius-Halle wurde im November 2000 eingeweiht.

Entworfen wurde das Gebäude von den jungen Architekten Hannu Tikka und Kimmo Lintula, deren Entwurf den Ausschreibungswettbewerb gewann. „Das war eine große Herausforderung. Das Haus wurde nach Maßgabe des Baumaterials Holz konzipiert, und für den Bau wurden einheimische Baumarten wie Fichte, Kiefer, Birke und Espe verwendet. Und zwar Tausende von Kubikmetern”, erklärt Hannu Tikka.

Wettbewerbsfähige Holzbrücke

Image size 16 Kb Die weltgrößte Holzbrücke wurde im September 1999 dem Verkehr übergeben. Die Spannbreite der Brücke beträgt 42 Meter, doppelt soviel wie bei üblichen Holzbrücken. Die Honkahimmeli getaufte Brücke bei Mäntyharju ist 182 Meter lang, und die Deckfläche beträgt 2 400 Quadratmeter.

Mäntyharju steht bei Sommerurlaubern hoch im Kurs, die hier ein Sommerhäuschen unterhalten und die aus Imagegründen die alte Stahlbetonbrücke gegen eine Holzbrücke austauschen wollten.

„Die Brücke, für die natürlich auch bedeutende Mengen an Stahl und Beton verbaut wurden, darf ohne weiteres als Holzbrücke gelten, weil die tragende Konstruktion aus Holz ist”, beteuert Aarne Jutila, Professor des brückentechnischen Labors der Technischen Universität Helsinki.

„Holz ist auch beim Brückenbau ein durchaus wettbewerbsfähiges Material. Wir sind von einem Lebensalter von 100 Jahren ausgegangen - wie bei anderen Brückenbaumaterialien”, sagt Jutila.

Siehe auch:
WTF-O Eine Halle als brillanter Klangkörper
Ein ganzer Stadtteil aus Holz