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Sirkka Hämäläinen:
Der Euro bedroht nicht die nationale Identität

Wenn sie hinterm Mikrofon, im Kreuzfeuer der Blitzlichter, über die Welt des Geldes referiert, wirkt Sirkka Hämäläinen cool, sachlich, kompetent und - wie manch einer finden mag - auch ein bißchen furchteinflößend. Da sitzt sie nun in einem massiven Ledersessel im Kabinett eines honorigen Herrenklubs, schmunzelnd und zu einem Scherz aufgelegt. Sirkka Hämäläinen, Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt, bestimmt an zentraler Stelle über die Geschicke des neuen Euro mit.

Dr. oec. Sirkka Hämäläinen, 59 Jahre, ist ein knallharter Profi des Bankwesens: Direktorin der Bank von Finnland 1982-91, Direktoriumsmitglied seit 1991, Präsidentin seit 1995. Im Sommer 1998 nahm sie als erstes Direktoriumsmitglied der EZB ihre Arbeit auf. Sie ist für die Marktoperationen und Entwicklungsplanung der neuen Organisation zuständig. Die zentralen Entscheidungen trifft der 17köpfige Europäische Rat, dem die Präsidenten der beteiligten Notenbanken und das sechsköpfige EZB-Direktorium angehören. Jeder von ihnen hat eine Stimme, die Beschlüsse werden mit einfacher Stimmenmehrheit gefaßt. Der Rat tritt jede zweite Woche in Frankfurt zusammen.

Die Übergangszeit zur Währungsunion beginnt stufenweise ab 1.1.1999. Bis dahin werden feste Wechselkurse zwischen den nationalen Währungen und dem Euro festgelegt, und der Börsenhandel wird in Euro abgewickelt. Euro-Banknoten und -münzen werden am 1.1.2002 in Umlauf gebracht, und im Juli des gleichen Jahres wird der Euro die nationalen Währungen als Zahlungsmittel vollends ablösen.

Die EZB ist die gemeinsame Zentralbank der 11 Mitgliedsländer der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (WWU): Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Holland, Belgien, Luxemburg, Österreich, Portugal, Irland und Finnland. Die WWU-Mitglieder Großbritannien, Dänemark und Schweden bleiben einstweilen außen vor.

Spektrum der Nationalitäten

Die EZB-Hauptverwaltung in Frankfurt beschäftigte im Herbst 1998 rund fünfhundert Mitarbeiter, und es kommen ständig neue aus verschiedenen Ländern und Kulturen hinzu. „In diesem Spektrum von Nationalitäten lernen die Mitarbeiter voneinander”, beschreibt Sirkka Hämäläinen das Arbeitsklima der neuen Bank.

Unterschiedliche Traditionen und Praktiken unter einen Hut zu bringen, verlangt allen Beteiligten Kompromisse ab. „Große Länder tendieren dazu, die existierenden Strukturen beizubehalten. Kleine Länder sind realistischer und eher bereit sich anzupassen”, weiß Sirkka Hämäläinen. „Grundsätzlich steht bei den Vorarbeiten einerseits die Harmonisierung, andererseits die Kontinuität Vordergrund. Man will keinem Land zu große oder zu rasche Veränderungen zumuten. Man ist bestrebt, zumindest in der Übergangsphase Kontinuität zu wahren. Die Harmonisierung ist naturgemäß ein Endziel, und die Märkte werden ebenfalls harmonisiert werden.” Bis zu welchem Umfang der Kapitalverkehr und die Wirtschaft auf einen Nenner gebracht werden können, wird sich herausstellen, wenn deren Auswirkungen auch im täglichen Leben greifen.

Der Euro ist kein Kleingeld. Sirkka Hämäläinen schätzt, daß er im Laufe der Zeit mit dem US-Dollar gleichziehen könnte. Schließlich erreicht die EU als Wirtschaftsraum durchaus die Größenordnung der Vereinigten Staaten. Doch erst das Vertrauen, das dem Euro entgegengebracht wird, wird zeigen, wie er sich auf den internationalen Märkten etablieren wird. Der Dollar war über lange Zeit die wichtigste internationale Reservewährung, aber diese Stellung wird er mutmaßlich einbüßen.

Geldstabilität über alles

Wichtigste Aufgabe der EZB ist es laut dem Maastricht-Vertrag, die Geldstabilität zu gewährleisten. Es wurden wiederholt Befürchtungen geäußert, daß die neue Bank mit ihrer Geldwert stabilisierenden Zinspolitik das keimende Wirtschaftswachstum in Europa ausbremsen könnte. Hämäläinen weist diese Zweifel zurück.

„Nein. Die Sorge, der Euro könne mittels finanzpolitischer Mittel zu stark werden, ist unbegründet. Eine andere Sache ist, daß sich viele unterschiedliche Faktoren und Erwartungen auf die Währungskurse auswirken. Kurzfristige Kursschwankungen und Inflation haben nichts miteinander zu tun. Auf lange Sicht muß berücksichtigt werden, daß die Inflation auch durch die Preisentwicklung ausländischer Produkte angeheizt werden kann, und die muß deshalb beobachtet werden. Die Inflation ist im Prinzip ein langfristiges monetäres Phänomen, eine Folge der Finanzpolitik. Kurzfristig wirkt sie sich auf vielerlei Dinge aus: auf die allgemeine Wirtschaftspolitik wie die Finanzpolitik und Tarifabschlüsse. Wenn die allgemeine Wirtschaftspolitik stark von den Kriterien der Preisstabilität abweicht, gerät die Finanzpolitik in eine Schräglage.”

Es wird auch befürchtet, daß die großen WWU-Länder die kleineren - wie Finnland - gängeln könnten. - Sirkka Hämäläinens Augen blitzen auf, sie klopft mit den Knöcheln auf den Tisch.

„Nein, und nochmals nein. Kleinere Länder sollten vor allem Kompetenz und Sachkenntnis einbringen. Dann können sie durchaus mitreden. Ich wiederhole: Der Präsident der Bank von Finnland hat im Europäischen Rat nur eine Stimme wie der Präsident der deutschen Notenbank auch. Es ist schwer einzusehen, warum die kleineren Länder diesbezüglich andere Interessen haben sollten als die größeren. Effektiv funktionierende Märkte und Systeme sowie ein stabiler Geldwert sind für alle von Vorteil.”

Die Finnen haben sich schnell mit der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion angefreundet. Ende 1997 waren die Gegner der WWU noch in der Mehrzahl. Laut einer Umfrage im Herbst 1998 stieg die Zahl der Befürworter auf 53 und die der Gegner schrumpfte auf 31 Prozent.

Wechselkursrisiken entfallen

Im Jahr 1999 wird der Durchschnittsbürger in den WWU-Ländern die eingetretenen Veränderungen kaum bemerken. Die nationale Währung wird, parallel zum Euro, bis 2002 beibehalten. Der Unterschied besteht vor allem darin, daß die Währungskurse absolut und endgültig an den Euro angebunden werden. Damit entfallen die Kursrisiken, und es ergeben sich neue Möglichkeiten, auf die sich große Unternehmen bereits sorgfältig vorbereitet haben. Privatleute werden langsamer auf die neue Situation reagieren, aber ebenfalls lernen, davon zu profitieren.

„Dann kann ein Finne oder ein Holländer bei einer deutschen Bank ein Konto eröffnen oder einen Kredit aufnehmen - oder wo auch immer”, führt Hämäläinen als Beispiel an. „Durch Wegfall des Wechselkursrisikos entsteht eine ganz andere Wettbewerbssituation. Der Kunde kann nun die Vorteile und Dienstleistungen der Banken im ganzen Euro-Raum zuverlässig vergleichen. Voraussichtlich wird der Wegfall der Währungsgrenzen zuerst große Konsumgüter betreffen wie Autos. Preisunterschiede zwischen den Mitgliedsländern werden garantiert eingeebnet. Die damit verbundene Harmonisierung der Besteuerung ist dann Aufgabe der Finanzministerien, nicht der Europäischen Zentralbank.”

Die emotionale Bindung an die nationale Währung spielte auch in Finnland eine gewichtige Rolle. Die Finnmark wurde mit bebender Stimme beschworen, als wäre es die Nationalflagge, die es mit Krallen und Klauen zu retten gälte. Sirkka Hämäläinen nickt, lächelt und kramt aus ihrer Jacke einen Schatz hervor, der an einer goldenen Kette baumelt.

„Dies habe ich von meinen Kollegen bekommen, als ich die Bank von Finnland verließ. Es ist die erste in Finnland geschlagene Goldmünze aus dem Jahr 1860. Sie ist sehr wertvoll und hat für mich hohen Erinnerungswert. Damals war Finnland noch ein Teil des Russischen Reiches, und die eigene Währung war dazu angetan, die nationale Identität zu stärken. Zu dieser Zeit erhielten wir alle die nationalen Institutionen, die unsere Unabhängigkeit ermöglichten. Dieses Geldstück hat einen hohen Symbolwert. Trotzdem glaube ich nicht, daß das finnische Nationalbewußsein von der Finnmark oder dem Euro abhängt. Die finnische Identität hat 600 Jahre zuerst unter schwedischer Herrschaft und danach mehr als hundert Jahre als Teil Rußlands überlebt, sie wird auch das integrierte Europa überdauern.”

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