Image size 15 Kb Trutzburg des Handels: Alte Börse in Helsinki

Alle internationalen Indikatoren deuten auf Wachstum und Stabilität der finnischen Wirtschaft hin. Die Inflation tendiert gegen Null, und die Zinsentwicklung ist unter Kontrolle. Nur die kriechend rückläufige, noch immer hohe Zahl der Erwerbslosen bleibt ein Problem. Finnland hat sich für die erste Gruppe qualifiziert, wenn in Westeuropa der Euro eingeführt wird. Dank einer disziplinierten Haushaltsführung wurde Finnland schon als Musterschüler der Europäischen Union bezeichnet. In diesem Umfeld fiel es der Wertpapierbörse in Helsinki leicht, neue Investoren anzulocken - die Börse boomt schon seit Jahren. Ende 1997 fusionierten die Wertpapierbörse und die Derivatenbörse SOM OY zu einem größeren Marktplatz, der flexibler auf Fluktationen auf den Märkten reagieren kann.

Die Wertpapierbörse Helsinki wurde 1912 gegründet. Von der einstigen Börse ist nur die äußere Hülle übriggeblieben: das vor Lars Sonck entworfene Gebäude, eine Trutzburg im Stil der finnischen Nationalromantik samt Burghof, Restaurants und Klubs. Der große Börsensaal hat seine zentrale Stellung eingebüßt, die Makler sitzen in ihren Büros vor Computermonitoren.

Selbst Geld ist im herkömmlichen Sinne kein Geld mehr. Als die USA 1971 den Dollarkurs vom Wert ihrer Goldreserven abkoppelten, folgten andere Länder auf dem Fuß. Seitdem ist Geld mehr als ein Surrogat für ein Edelmetall. Auch Aktien als kunstvoll illustrierte Wertpapiere haben ausgedient. Aktien und Geld regieren noch immer die Welt - nur: heute hausen sie in Computern.

Der elegante Börsensaal in Helsinki samt ehrwürdigen Pulten und Parkettboden steht heute leer. In diesem Jahrzehnt flitzen Daten und Zahlen blitzschnell um den Globus und tauchen auf Bildschirmen am anderen Ende der Welt auf, wo Makler ihre Entscheidungen treffen. Dennoch ist die Wertpapierbörse Helsinki nicht obsolet geworden. Im Gegenteil, das Interesse internationaler Anleger an ihr hat ständig zugenommen. Die Börse hat eigene Stärken, die auf interessanten lokalen Anlageobjekten beruhen.

Helsinki ist für ausländische Investoren attraktiv

Rund 45 Prozent des Umsatzes an der Börse Helsinki entfällt auf ausländische Anleger. Ihr Anteil ist, von einigen vorübergehenden Knicken abgesehen, seit 1992 stetig gestiegen. Damals kam die Rezession aus der Talsohle heraus. Die Helsinkier Börse ist ein wahrhaft internationaler Handelsplatz: Zehn der 23 zugelassenen Makler sind Ausländer, die 50 Prozent des Gesamtvolumens umsetzen. Eine traditionelle Börse ist für Anleger und Unternehmen risikoarm im Vergleich zu Börsen in den Datennetzen, deren Geschäfte schwer zu kontrollieren sind.

„Die heutigen globalen Märkte schlagen sich auch in der Kursentwicklung in Helsinki nieder”, weiß Pressechefin Maija Särömaa. „Bei uns wird, wie auch an anderen europäischen Börsenplätzen, aufmerksam das Beispiel New York beobachtet. Wenn sich dort was regt, bekommen wir sofort die Auswirkungen zu spüren. Die meisten der ausländischen Anleger sind nordamerikanische große Institutionen. Wie groß die Bedeutung der ausländischen Anleger ist, geht daraus hervor, daß an durchschnittlichen Tagen rund die Hälfte der Aufträge aus dem Ausland kommen.”

„Börsenanalysten reden von Fundamenten, wirtschaftlichen Grundelementen, die die Aktienmärkte beeinflussen. Die sind bei uns in Finnland tragfähig”, kommentiert Maija Särömaa, und die Geschäftsentwicklung der Helsinkier Börse gibt ihr recht. „Die Voraussetzungen für eine kontinuierliche gedeihliche Entwicklung sind vorhanden. Doch es gibt viele Dinge, auf die wir keinen Einfluß haben, die sich aber auf unseren Geschäftsgang auswirken.”

Kleine Börsen haben eigene Stärken

„Von der Zusammenlegung der skandinavischen Börsen wurde in den letzten Jahren oft geredet, aber derzeit ist das Thema nicht aktuell. Eine Kooperation in Form einer Vernetzung in Skandinavien, in Europa und darüber hinaus ist auf lange Sicht für Finnland eine vorteilhaftere Alternative als die Verschmelzung von Börsenorganisationen.” Säromaa betont, daß eine Börse nicht nur ein Computerterminal ist, an dem Aktien gehandelt werden. „Zu unserem Geschäftsbetrieb gehört viel Verwaltung, Kontrolle und Datentransfer. Die Kenntnis der notierten lokalen Unternehmen mehrt unter anderem den Anlegerschutz und schafft für Anleger Mehrwert auf den Service. Deshalb werden kleinere Einheiten wie die Helsinkier Wertpapierbörse benötigt. Das Gedankenspiel einer gigantischen Europäischen Börse wäre mit der heutigen Computertechnik durchaus realisierbar, aber eine solche Börse könnte niemals jede ihrer Tochterbörsen kontrollieren. In einem solchen Börsensystem hätte das kleine Finnland keine Chance, sich zu profilieren und würde glatt untergehen. Dies würde sich insbesondere in schlechten Zeiten bemerkbar machen, in denen Unternehmen im abgelegenen Finnland übergangen würden.”

Ein Beispiel für die Weiterentwicklung des internationalen Services der Börse ist das Telebroking. Darüber hinaus gibt es eine Anlageservcedirektive der EU, die 1996 in der finnischen Gesetzgebung implementiert wurde. Wer innerhalb der Union als Börsenmakler zugelassen wurde, kann an jeder x-beliebigen Börse in Europa makeln. Ein neues Verfahren erleichtert und vereinfacht die Prozedur.

Die Helsinkier Börse ist in zweierlei Hinsicht bedeutsam. Zum einen kann sie Investoren einen gewissen Anlageschutz gewähren. Andererseits brauchen Unternehmen einen Derivatenmarkt, wenn sie ihr Eigenkapital aufstocken möchten. Es gibt in Finnland nicht so viele Großunternehmen, die auf den gigantischen Hauptmärkten auf hinreichend Interesse stoßen, wenn sie ihre Kapitalbasis erweitern möchten. Für viele finnische Unternehmen ist mithin eine regionale Börse unentbehrlich.

Mit vereinten Kräften schlagkräftiger auf den Märkten

Durch Fusion der Helsinkier Wertpapierbörse mit der Derivatenbörse SOM Oy entstand die neue Gesellschaft HEX Oy, die im Dezember 1997 im Handelsregister eingetragen wurde. Hex Oy ist eine schlagkräftige und serviceorientierte Organisation mit rund 90 Mitarbeitern. Als Geschäftsführer wurde Juhani Erma und als sein Stellvertreter und operativer Direktor Asko Schrey ernannt. Die Verschmelzung fördert überdies die internationale Kooperation und bietet finnischen Investoren bessere Möglichkeiten zur Risikostreuung.

Die Vereinigung der Kräfte war aus vielerlei Gründen angebracht: die sich stürmisch entwickelnde Datentechnik, die Harmonisierung der europäischen Verordnungen und das Wachstum internationaler Investitionen im Zuge der Währungsunion. Der Handel über die Grenzen der EWR-Länder profitiert vom Wegfall des Kurswechselrisikos.

Auf die Herausforderungen des sich verändernden Geschäftsumfelds hat man in Europa auf die gleiche Weise reagiert wie in Finnland. So wurde in Deutschland, in der Schweiz, in den Niederlanden und in Dänemark eine neue Strategie realisiert, indem man einschlägige Organisationen zu größeren Komplexen zusammenschloß.

Die trutzige Würde der alten Börse in Helsinki täuscht: Hier ist man durchaus auf der Höhe der Zeit. Beim Betreten des Börsenhofes umfängt den Besucher eine geldgeschwängerte Atmosphäre. Von John Maynard Keynes stammt das Wort, daß der Börsenhandel unerträglich langweilig wäre, wenn er nicht von einem Quentchen Spielleidenschaft getragen würde.

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