Image size 11 Kb Gigantischer Gashahn

Finnland hat als einziges EU-Land eine gemeinsame Grenze mit Rußland. In Rußland lagern ein Drittel der Gasvorkommen der Welt: 48 100 Mrd. Kubikmeter. Würde man das Wasser der Ostsee durch Gas austauschen, nicht einmal die Hälfte dieser Menge würde in das Ostseebecken passen.

Ein riesiges umweltfreundliches Energiereservoir wartet auf seine Erschließung und auf den Transport zu den energiehungrigen europäischen Märkten. Die direkteste Route von den nördlichen Gasvorkommen nach Europa führt durch Finnland. Der finnische Konzern Fortum Oyj (früher Neste Oy) verfügt über das Know-how und die Technologie für den Bau großer Pipelines. Im Frühjahr 1997 gründeten die russische Gasprom und Fortum das Gemeinschaftsunternehmen North TransGas, das diverse Optionen für eine durch Finnland verlaufende Gasleitung erarbeiten soll. Der neue gigantische Gashahn soll im Jahr 2005 aufgedreht werden.

Gas ist umweltschonend

„Die Europäische Union ist ein Nettoimporteur von Energie, sie verbraucht mehr Energie als sie produziert”, erklärt Matti Saarinen, Pressechef von Fortum. „Die Energiepolitik ist allerorten ein heißes Thema. Mit Kernkraft wird z.B. in Frankreich, und auch in Finnland, viel Elektrizität erzeugt. In etlichen Ländern ist diese Lösung jedoch politisch heikel. Verfeuerung von Kohle verschmutzt am stärksten die Luft, die Umweltverträge von Rio setzen dieser Form von Energieerzeugung Grenzen. Wasserkraftwerke sind in vieler Hinsicht eine saubere Lösung, können aber in Finnland nicht weiter ausgebaut werden. Solar- und Windenergie können die Versorgung mit Grundenergie nicht sicherstellen. In dieser Situation ist das Interesse an Gaskraftwerken ständig gestiegen. Gas ist reichlich verfügbar und eine umweltverträgliche Alternative zur Kohle. Um ein Beispiel zu nennen: Wenn ein Kohlekraftwerk, das tausend Megawatt erzeugt, durch ein Gaskraftwerk ersetzt würde, könnten die Kohlendioxidemissionen so stark reduziert werden, als ob die Hälfte des Verkehrs in Finnland schlagartig eingefroren würde.”

Über nahezu ein Drittel der Erdgasreserven der Welt verfügt der russische Gasprom-Konzern. Die Vorkommen liegen in einem riesigen Gebiet nordöstlich von Finnland, das Nordsibirien, das Nördliche Eismeer und die Barentssee umfaßt. Mitteleuropa liegt wiederum südwestlich von Finnland. Die Frage ist, wie man Angebot und Nachfrage unter einen Hut bringen kann. Geographie und Mathematik sprechen eine so klare Sprache, daß sich eine neue umfassende Energielösung abzeichnet. Der Beschluß für den Bau einer Gaspipeline wird nach Erstellung einer Expertise Ende 1998 gefaßt. Die Kosten für den Bau der Rohrleitung von Rußland nach Finnland und weiter nach Schweden oder über den Grund der Ostsee werden auf rund 5-6 Mrd. Dollar geschätzt. Zielvorgabe ist, daß das Gas im Jahr 2005 von Rußland nach Europa gepumpt werden kann.

Gaslieferungen von Rußland nach Westen sind an sich nichts Neues. Der Schwerpunkt der Lieferungen hat sich jetzt allerdings vom politisch instabilen Kaukasus nach Norden verlagert. Schon zu Zeiten der Sowjetunion wurden Pipelines bis nach Westdeutschland verlegt. „Heute verlaufen die Pipelines durch eine sog. Graue Zone - durch den Kollaps der Sowjetunion neu entstandenen Staaten, die keiner internationalen Handelsorganisation angehören. In diesen Ländern gibt es mannigfaltige wirtschaftliche, finanzielle, technische und umweltspezifische Probleme. Die existierenden Pipelines funktionieren nicht immer zuverlässig. Und selbst wenn sie funktionieren, dann reicht ihre Kapazität oftmals nicht für die wachsende Nachfrage aus. So kann es vorkommen, daß der nach Deutschland führenden Pipeline unterwegs Gas für eigene Zwecke entnommen wird, ohne dafür zu bezahlen. Daher ist es nur zu verständlich, daß die Russen eine alternative Leitung durch ihr Land verlegen wollen, die sie bis zur EU-Grenze kontrollieren können. Und diese Grenze ist Finnland”, erläutert Matti Saarinen anhand einer Karte.

Wie sicher sind russische Gaslieferungen?

Obgleich die globalpolitischen Konstellationen sich verändert haben, leben die Vorurteile weiter. Kann das westliche Europa es sich bei der Energieproduktion leisten, auf die russische Karte setzen? Und was, wenn sich die Situation ändert und die abrupt Lieferungen eingefroren werden?

„Diese Möglichkeit ist schon deshalb höchst unwahrscheinlich, weil Rußland dann für sein Gas kein Geld erhält. Natürlich bleibt es in der EU unvergessen, daß die Sowjetunion seinerzeit den Kapitalismus ausrotten wollte. Trotzdem strömte auch während des Kalten Krieges Erdgas von Rußland nach Westdeutschland. Das mag im Nachhinein absurd erscheinen. Selbst als auf Moskauer Straßen Panzer rollten und das Parlament beschossen wurde, wurde der Gasfluß nicht unterbrochen. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Umkrempelung des Systems haben sich auf die Gaslieferungen überhaupt nicht ausgewirkt. Technische Störungen wurden umgehend behoben. Es ging um ein so großes Geschäft, daß es unter keinen Umständen leiden durfte. Bei mangelndem Gasnachschub gehen in Europa die Lichter nicht aus. Für diesen Fall gibt es große Reservelager und andere Alternativen”, beruhigt Saarinen die Zweifler.

„Nein, die Europäische Union würde sich für Rußlands Erdgasvorkommen nicht so sehr interessieren, wenn sie an Rußlands Lieferfähigkeit und Lieferwillen zweifelte. Die EU-Kommision hat das Projekt TEN (Trans European Networks) angestoßen. Es handelt sich um ein offizielles Infrastrukturprojekt, das auch andere wichtige Verkehrsadern wie das europäische Verkehrsnetz einbezieht. Dieses Projekt genießt Priorität. Gemeinsamer Vorteil bedeutet auch hier, daß eine Transitroute nicht unterbrochen werden darf.”

Die EU ist aus gutem Grund an der Weiterentwicklung der vormaligen sozialistischen Länder Osteuropas interessiert. Energieprojekte brauchen einen Vergleich mit anderen Vorhaben nicht zu scheuen. „Die Union hat Milliarden für verschiedenartige Entwicklungsprojekte verbraten in der Hoffnung, daß eine strukturelle wirtschaftliche Stabilität auch politische Kontinuität mit sich bringt. Ihre hochbezahlten Berater reisen von Land zu Land und verhandeln z.B. darüber, wie man eine Panzerfabrik in ein Unternehmen umstrukturiert, das wettbewerbsfähige Kühlschränke für den Weltmarkt produziert. Solche Prozesse verschlingen viel Zeit. Da ist es viel einfacher, ein nachfragesicheres Produkt zu verkaufen: Energie. Energieprojekte lassen sich relativ schnell realisieren, und Energie ist immer ein gefragtes Produkt”, ergänzt Saarinen.

Bis zu 40 Mrd. Kubikmeter Gas via Finnland nach Europa

Die weitgreifenden Zukunftspläne von Gasprom sind auch für Fortum von großer Bedeutung. Pressechef Saarinen listet mühelos aus dem Gedächtnis Zahlen auf, denn Interessenten an europäischen Energielösungen geben sich bei Fortum die Klinke in die Hand. „Finnland verbrauchte 1996 3,5 Mrd. Kubikmeter Gas, was gut ein halbes Prozent der Produktion von Gasprom ausmacht. Die neue Großrohrleitung würde Lieferungen von 30-40 Mrd. Kubikmetern via Finnland ermöglichen. Der Erdgasverbrauch nimmt auch in Finnland kräftig zu. Schweden verbraucht nur wenig Erdgas, weil es keine Pipelineverbindung zwischen Finnland und Schweden gibt - es existiert lediglich eine kurze Leitung von Dänemark, die die Industrie an der Westküste mit Energie versorgt. Dänemark verfügt über eigene Gasvorkommen, die aber schätzungsweise nur für rund zehn Jahre reichen. Der Bau eines skandinavischen Erdgasnetzes böte eine willkommene Energieoption. Doch die Hauptmärkte sind in Mitteleuropa.

Mit Erdgas wird heute durchschnittlich 20 Prozent des EU-Energiebedarfs bestritten. Angestrebt wird die doppelte Menge. Eine Nordische Energiebrücke, die Tag für Tag konkretere Gestalt annimmt, ist auch eine Zukunftsvision des Fortum-Konzerns. Um die Ausmaße des Projekts zu beschreiben, reichen die ausgebreiteten Arme eines Petrijüngers nicht aus, der Angellatein zum Besten gibt. Obendrein kann das Latein schon in einigen Jahren handfeste Realität werden. Geschäfte dieser Größenordnung kann man sich kaum entgehen lassen.

Siehe auch:
WTF-O Sibirische Rallye