„Gefragteste Sopranistin der Welt und finnische Venus”
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Der Erfolg eines Unternehmens oder Sportlers lässt sich direkt an Resultaten ablesen, aber eine Rangordnung für Künstler zu ermitteln ist schon wesentlich schwieriger und deshalb besonderes interessant. Bedeutende Opern- und Konzerthäuser sowie Musikfestivals führen eine aktualisierte Rangliste, auf der mit Sicherheit auch der Name Karita Mattila, 41, prangt. Die finnische Sopranistin ist in jeder Hinsicht ein Weltstar.

„Der Rang eines Sängers bemisst sich nach Auftrittsorten und Rollen. Ich habe seit geraumer Zeit Hauptrollen auf großen Musikbühnen gehabt - in London, Paris, New York, Salzburg... Die Liste ließe sich verlängern, doch mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass ich es nun weit genug gebracht habe”, sagt Mattila ohne falsche Bescheidenheit. „Selbst wenn ich versuche, nicht daran zu denken, werde ich durch Unterlagen meines Agenten und die je nach Ranglistenposition wechselnden Honorare darauf gestoßen.”

Karita Mattilas Karriere weist viele Triumphe auf, aber der Zenit liegt noch vor ihr. „Ich fange erst an, das Fass aufzumachen, dass ich noch nicht anrühren wollte, obwohl ich es schon hätte öffnen können. Das haben ich mir von Freunden sagen lassen, und das hat mir wohl auch selbst geschwant. Die Weiterentwicklung der Stimme ermöglicht es, das Repertoire zu erweitern. Über große Richard-Strauss-Rollen habe ich bereits Verträge abgeschlossen: für 2002 Arabella im Pariser Châtelet und für 2003 Salome im Pariser Bastille-Theater. Es stehen auch viele große Verdi-Rollen an, und bei Wagner gehe ich noch selektiv vor”, merkt die Diva an. „Von einigen Rollen möchte ich langsam verabschieden. Es kommt immer auf das eigene Ermessen an. Wenn ich Lohengrin singe, mache ich klar, dass ich nicht gleichzeitig die Pamina in der Zauberflöte geben will.”

Wettbewerbe ebneten die Laufbahn

Karita Mattila ging 1981 im Gesangswettbewerb von Lappeenranta und 1983 beim BBC-Wettbewerb in Cardiff als Siegerin hervor. Dies waren die Startpunkte ihrer internationalen Karriere. Sie debütierte 1990 in der New Yorker Metropolitan als Donna Elvira in Don Giovanni und sicherte sich damit eine hervorragende Position innerhalb der jungen Sängergeneration. Der Weg zu Starruhm war geebnet.

Auftritte in den Musikmetropolen wurden für sie zur täglichen Routine. Die Liste der großen Rollen ist lang, und die Kritiker priesen sie in höchsten Tönen. Beispielsweise die als kühl bekannten Briten, die Karita Mattila als Tschaikowskis Pique Dame im vergangenen Jahr im Covent Garden bejubelten. Die Sunday Times lobte: „Die frühere Primadonna hat sich zu einer echten Operndiva gemausert, sie ist die gefragteste Sopranistin der Welt.” Der Observer hieb in dieselbe Kerbe: „Karita treibt selbst ausgewachsenen Männern Tränen in die Augen, sie ist einfach die großartigste singende Schauspielerin der Welt.” The Guardian geriet ganz und gar aus dem Häuschen: „Karita Mattila ist eine finnische Venus, schöner als Greta Garbo. Sie spielt wie Vanessa Redgrave, und lässt Liz Hurley in ihrem Kostüm langweilig erscheinen.” Die führende Tageszeitung Daily Telegraph schlagzeilte kurz und bündig: „Eine göttliche Schauspielerin und noch bessere Sängerin!”

Die originelle und temperamentvolle Sängerin gestand der finnischen Zeitung Helsingin Sanomat, dass sie bereit sei, den Schleiertanz der Salome auch nackt zu absolvieren, falls der Regisseur dies verlangt: „Ich schäme mich meines Körpers nicht.” Im gleichen Interview erklärte sie, dass heutige Opern nach einem Sängertyp verlangen, der vom Aussehen her seine Rolle glaubwürdig ausfüllt.

Die Bandbreite von Mattilas Stimme reicht von Operarien bis zum Schlager. Im Bild das Finnische Rundfunksinfonie-Orchester unter Leitung von Jukka Pekka Saraste.
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Inzwischen hat sie mit den ganz Großen der Dirigentenzunft zusammengearbeitet: Claudio Abbado, Colin Davis, Walerij Gergijew, Bernard Haitink, James Levine, Wolfgang Sawallisch und natürlich mit dem finnischen Dirigentenstar Esa-Pekka Salonen. Philips, Sony, DG und Ondine bieten Tonträger mit der Mattila an. Karita hört sich kaum ihre alten Aufnahmen an: „Sie sind furchtbar. Nicht eine einzige erreicht die Messlatte, die ich heute anlege. Aber sie gehören halt zum künstlerischen Werdegang.” Auf vier neueren Aufnahmen aus dem Jahr 2001 bei Erato/Warner sind Janáceks Oper Jenufa sowie Arien und Szenen aus Opern von Puccini, Verdi, Tschaikowski, Strauss und Wagner zu hören. Im Herbst 2001 legte sie außerdem - mit dem Sinfonieorchester Birmingham unter Leitung von Sakari Oramo - Lieder von Jean Sibelius und Edward Grieg vor.

Die Welterfolge finnischer Sänger und Kapellmeister verblüfft immer wieder und sucht seinesgleichen. „Das ist ein Mysterium, das bislang niemand erklären konnte. Liegt es am Nationalcharakter, an der Einstellung zur Arbeit? Die Entscheidung darüber überlasse ich Klügeren”, lacht Karita. „Was mich betrifft, so verdanke ich viel meiner Lehrerin Liisa Linko-Malmio an der Sibelius-Akademie und dem Umstand, dass in der Opernklasse dem Schauspielunterricht für Sänger viel mehr Beachtung geschenkt wurde als anderswo. Hier wurden bühnenreife Schauspieler ausgebildet. Ich bin auch dankbar dafür, dass ich mich rechtzeitig im Ausland weiterbilden und dort Anregungen sammeln konnte.”

„Unterhaltungsmusik ist ein Teil von mir”

Image size 13 Kb Der Opernstar verschmäht auch keine Unterhaltungs- und leichte Musik. Ein treffendes Beispiel dafür ist ein Festkonzert zu ihrem 40. Geburtstag, in dem sie vor einem 12 000-köpfigen Publikum in Helsinki sowohl Opernarien als auch Schlager zum Besten gab. „Ein reines Unterhaltungs- oder ein bunt gemischtes Festkonzert zu bestreiten, strapaziert die Stimme. Doch Unterhaltungsmusik erweitert die interpretatorische Kapazität, weil hier ein Klassiksänger mit einer ungewohnten Materie konfrontiert wird. Das ist faszinierend und auch lehrreich. Außerdem habe ich das Singen von leichter Musik seit meiner Kindheit im Blut, und ich möchte meine Fertigkeiten auch auf diesem Gebiet bewahren. Das ist ein Teil von mir.”

Die überzeugendsten Meriten konnte Karita Mattila jedoch auf Opernbühnen einheimsen. Die New York Times kürte sie nach ihrer Fidelio-Rolle in der Metropolitan zur besten Sängerin des Jahres 2001. Wenn Publikum und Kritiker der wohlgeformten Starsopranistin zu Füßen liegen, könnte sich dann nicht die Versuchung einstellen, einfach auf dem Wellenkamm der Popularität weiterzusurfen? Die Antwort ist ein volltönendes helles Lachen: „Von diesem Wellenkamm kann man auch leicht herunterpurzeln, wenn man unentwegt weitersurft. Mein Ausgangspunkt ist ein unersättlicher professioneller Ehrgeiz. Meine größte Gabe ist eine flexible Stimme, die sich an unterschiedliche Repertoires anpasst. Nur: für einen lyrischen Sopran bin ich als Vierzigjährige langsam schon zu alt. Dazu fällt mir Ileana Cotrubasia ein, die schon früh aufstecken musste. Wenn die Gesundheit mitspielt, habe ich noch viel Zeit.”

Der Terminkalender der gefragten Künstlerin ist Jahre im Voraus ausgebucht. Im Januar 2002 tritt sie auf den Kanarischen Inseln auf, im Februar in Berlin, im April in Paris, im Juni in Florenz, und in der Herbstsaison ist sie in Operrollen in New York und in San Francisco zu hören.

Warten auf Mattilas Norma

Image size 12 Kb Maria Callas, die in der Mailänder Scala erste Proben ihres Talents abgab, brachte es erst als 30-Jährige nach ihrem Auftritt in der Hauptrolle von Bellinis Norma auf der Opernbühne von Chicago zu Weltruhm. Später haben sich zahlreiche Sopranistinnen speziell auf diese Rolle kapriziert. Wann wird Marita Mattila ihre erste Norma singen? „Das habe ich auch meine Gesangslehrerin Vera Roza gefragt: Werde ich noch zu meinen Lebzeiten die Norma singen? Das ist gut möglich, antwortete sie, aber dazu ist es noch zu früh. Das soll man nicht überstürzen. Es war für mich eine schreckliche Enttäuschung, als dann die von mir hochbewunderte Margaret Price die Norma sang, und das leider überhaupt nicht gut. Da dachte ich mir, diesen Fehler wirst du nicht wiederholen. Ich werde so lange warten, bis die Rolle wirklich sitzt. Ich habe so viele Sängerinnen die Norma singen hören, die besser die Finger davon gelassen hätten. Sich dieser Rolle zu nähern ist wegen den damit verbundenen nagenden Erfolgszwängen äußerst schwierig. Die Brünhilde, und Isolde oder gar die Katarina Ismailowa zu geben, kann bis an die Grenzen des Stimmvolumens gehen, das gilt auch für Fidelio. Aber in diesem hellen, so genannten „lyrico spinto”-Stimmbereich ist die Norma die höchste Messlatte für einen Sopran.

Karita Mattila hat bereits zeitgenössische Operngeschichte geschrieben. Es fehlt nur noch die Norma. Ob sie mit dieser schwierigsten aller Sopran-Rollen das Erbe der großen Diva Maria Callas antreten kann?