Image size 15 Kb Weder kleinformatig noch schwarzweiß

 

Die Kunstgrafikerin Tuula Lehtinen unterhält eine leidenschaftliche Beziehung zur Grafik und der dazu erforderlichen Technik. Bei ihren Arbeiten gehören Realisation und Inhalt unzertrennlich zusammen. Tuula Lehtinen ist eine bekannte und anerkannte Grafikerin, ihre Arbeiten unterscheiden sich unübersehbar von den traditionellen Kreationen ihrer Zunft. Technisch sind sie ungemein virtuos, sie sind zugleich Kunst- und Handarbeiten.

Tuula entspricht so gar nicht dem Bild, das man sich gemeinhin von einem Künstler macht. Die hochaufgeschossene, schlanke blonde Frau wirkt von ihren Wesen und von ihrem Kleidungsstil her zurückhaltend, von Artistik keine Spur. Sie spricht über ihre Arbeit wie jede andere Familienmutter über ihren Broterwerb, pragmatisch und schnörkellos. Kein Wort über den Schaffensprozeß, keine philosophischen Anmerkungen über das Wesen der Kunst, keine messerscharfen Analysen über ihre künstlerische Entwicklung.

„Mir geht das allgemeine Image des Künstlers ab, ich bin kein Bohemien”, gibt sie unumwunden zu. „Ich habe viel zu Haus gearbeitet. Ich hatte einfach keine Zeit, in Kneipen herumzusitzen und über solche Dinge zu fachsimpeln. Es ist gut möglich, daß der eine oder andere mich deshalb nicht für besonders intelligent hält.”

„Für mich ist Arbeit ein Muß. Künstlerisches Arbeiten ist so materialabhängig, daß man daraus keine philosophische Essenz herauspressen kann, die alles Wesentliche abdeckt. Grafiken herzustellen ist weitgehend physische Arbeit: Da muß poliert, gewienert und geschrubbt werden. Das Material muß meinen Vorstellungen entsprechend Form annehmen.”

Kunst ist zum Betrachten da

Tuula wurde in Tampere geboren und kehrte 1980, sofort nach Absolvierung der Kunstakademie in Helsinki, in ihre Heimatstadt zurück. „Ich habe mich weder in Helsinki noch in der Akademie wohlgefühlt. Die Schule empfand ich als bedrückend, der Anpassungsdruck war groß. Nach der Akademie konnte ich endlich tun, was ich wollte.”

Seither ist Tuula eigene Wege gegangen und hat ihre Vorstellungen verwirklicht, indem sie die überkommenen Grenzen der Kunstgrafik gesprengt hat. In der Akademie wurde betont, daß Grafik kleinformatig und schwarzweiß sein sollte. Tuulas Grafiken, geschaffen durch eine Kombination verschiedenartiger Techniken, sind hingegen großformatig und bunt.

„Mir scheint, daß Veränderung eines der Elemente meiner Arbeit ist. Ich bin umtriebig und kann mich nicht lange auf ein Motiv konzentrieren. Auch jetzt gehen mir viele, höchst unterschiedliche Ideen durch den Kopf, die ich verwirklichen möchte. Bei der Arbeit habe ich meine Freude an Materialien und Prozessen und der Art und Weise, wie sie aufeinander reagieren.”

Tuula gehört nicht zu den Künstlern, die ihren Arbeiten erklären. „Das Wichtigste ist, was das Auge sieht. Kunst ist zum Betrachten da. Das Betrachten sollte Vergnügen bereiten und ein ästhetisches Erlebnis sein. Erklärungen sind zweitrangig, meine Arbeiten müssen auch ohne sie auskommen.”

Im Grenzland zwischen Original und Reproduktion

Tuulas Faible für grafische Techniken sieht man ihren Arbeiten an. Gelegentlich hat sie die Platte - zugleich Werkzeug und unumgängliche technische Zwischenphase - in die Grafik mit einbezogen. Tuula grübelt über die Beziehungen zwischen Original und Reproduktion nach - und über die Rolle des Künstlers in diesem Beziehungsgeflecht.

Ihre Arbeiten bewegen sich oft einem Grenzland zwischen Original und Reproduktion, sie stellt mit grafischen Mitteln Unikate her. Als Vorlage mag ein altes Foto oder Bild herhalten, von dem sie gummichromatische Abzüge herstellt und die sie oft zigmal einfärbt und belichtet - als ob sie mit Licht malen würde.

„Die Verwendung einer bestimmten Technik wirkt sich auf das Bild selbst aus. Wenn die Technik aus dem 19. Jahrhundert stammt, könnte auch das Motiv aus dieser Zeit sein. Es ist eine Art Reflexion über die Geschichte und ihre Instrumente. Es ist die Mittelbarkeit der Grafik, die mich interessiert. Wenn man auf Platte und Papier arbeitet, steht der Grafiker in der Mitte. Er kann durch Einwirkung auf den Prozeß das Endergebnis beeinflussen.”

Bürde der Reproduktion

Tuula hat sich gründlich mit der Historie grafischer Techniken auseinandergesetzt und sogar ein Lehrbuch über Metallgrafik verfaßt. Die Geschichte der Kunstgrafik ist zugleich eine Chronik der Reproduktion und des Buchdrucks. Die Techniken wurden zur Weiterverbreitung von Bildern erfunden. Tuula grämt sich über Reproduktionsgrafik, die ständig mit Kunstgrafik verwechselt wird. „Ich sehe mich dauernd genötigt zu versichern, daß es sich nicht um eine billige Reproduktion handelt, sondern um Originalgrafik.”

„Das hat zur Folge, daß ein Kunstgrafiker nicht zu großen Ausstellungen eingeladen wird oder daß man ihn nicht für würdig hält, in einem Museum für moderne Kunst vertreten zu sein. Es ist ein unbegreifliches Paradox: Was verkauft werden soll, darf nicht zu kleinen Preisen angeboten werden. Kunst muß offenbar möglichst teuer und nur in einem Exemplar existieren, damit der Käufer sich mit der Glorie seines einzigartigen Besitztums schmücken kann.”

Bei dieser Sachlage kann Tuula sich nur darüber wundern, daß sie recht viele Aufträge für öffentliche Gebäude erhalten hat, obgleich sie „nur” Kunstgrafikerin ist. Den neuesten öffentlichen Auftrag erhielt sie von einer Nachbargemeinde Tamperes für ein neues Ausbildungszentrum, daß im Sommer 2000 fertiggestellt wird. „Öffentliche Arbeiten sind für mich Traumaufträge, bei denen man etwas Großformatiges und Bleibendes schaffen kann. Ein Kunstwerk erhält einen bestimmten sozialen Kontext, wenn man es für einen bestimmten Ort schafft.”

Kunstgrafik wurde nicht nur aufgrund Reproduktionen, sondern auch wegen gefälliger Dekors kritisiert. Diese Thematik hat Tuula u.a. in ihren Arbeiten mit Blumen-Motiven aufgegriffen. So kann zum Beispiel ihre Grafik ein auf billiges Einwickelpapier gedrucktes Bild einschließen, das sie wiederholt manuell mit Ölfarben auf eine Leinwand kopiert hat. Das Endergebnis ist ein originales Kunstwerk - ein echtes Ölgemälde.

Kleinkinder diktierten den Arbeitstakt

Tuula lebt und arbeitet mitten in Tampere, im Obergeschoß eines alten Hauses. Nur noch das jüngste ihrer drei Kinder, die 13jährige Varpu-Sisko, wohnt noch zu Hause. An den Wänden der weitläufigen Wohnung hängen nur spärlich Bilder - eigene Arbeiten und die ihres Ehemannes, des schwedischen Künstlers Tomas Byström.

Die Mutter dreier Kinder ist daran gewöhnt, ihre Zeit zwischen Arbeit und Familie teilen. Als das erste Kind, die Tochter Laura geboren wurde, war Tuula erst 22 alt, und das nächste Kind, Ossi, kam schon zwei Jahre später auf die Welt.

„Das war kein Zuckerschlecken, als Künstlerin drei kleine Kinder zu versorgen. Das war eine harte und stressige Zeit. Zum Arbeiten kam ich nur, als ich mir klargemacht hatte: Wenn ich arbeite, tue ich dies hundertprozentig, und zu Haus kümmere ich mich um den Haushalt. Vielleicht habe ich meine Zeit ein bißchen zu ausgiebig programmiert, so daß ich jede Minute vollbeschäftigt war.”

In ihrem Arbeitszimmer bereitet sich Tuula auf kommende Ausstellungen vor. Viel Zeit verbringt sie auch in der Grafikwerkstatt Himmelblau, die sie gemeinsam mit Freunden vor zehn Jahren gegründet hat.

Der Traum einer eigenen Grafikwerkstatt wurde Wirklichkeit

Bei der Gründung der ersten kommerziellen Metallgrafikwerkstatt Finnlands standen sowohl Wunschdenken als auch Bedürfnis Pate. Besuche in italienischen und französischen Grafikwerkstätten mit „ihrem zauberhaften Flair” brachen Tuula auf die Idee, auch in Finnland eine entsprechende Werkstatt ins Leben zu rufen. Als sie zudem auf ihren langjährigen Drucker verzichten mußte, nahm der Plan konkrete Gestalt an. Vorzügliche Räumlichkeiten fand sie in den alten Fabrikhallen von Finlayson vor. Unter den zwei Geschoß hohen Fenstern gischen die Stromschnellen Tammerkoski.

Die Werkstatt Himmelblau wuchs sich zur Überraschung ihrer Gründer rasch zu einem veritablen Betrieb aus. In der Werkstatt arbeiten heute vier versierte Drucker, und 40 Top-Grafiker aus Finnland und den nordischen Ländern haben sie schon besucht. Alsbald konnte Himmelblau schon eigene Ausstellungen auf die Beine stellen, die oft auch in anderen europäischen Ländern zu sehen waren.

„Künstlerische Arbeit ist ein einsames Geschäft, und Himmelblau bot Gelegenheit, andere Künstler kennenzulernen. Wenn mehrere Menschen gemeinsam an dem gleichen Projekt arbeiten, werden Ideen geboren, auf die ich alleine nicht gekommen wäre.”

Stimmungsbilder aus Finnland
Curriculum Vitae [auf Englisch]