Image size 28 Kb Der kleine Matti im großen Salminen
 

Der Baß Matti Salminen, 56, ist eine Supernova im Opernorbit, vielen gilt er gar als die leuchtendste. Dahinter stecken dreißig Jahre harte Bühnenarbeit, seit zwanzig Jahren steht er in der ersten Solistenriege. Salminen weiß um seinen Stellenwert. Er kann sich heute seine Auftrittsorte und Kooperationspartner aussuchen. Matti Salminen hat schon alle Lorbeeren geerntet, von denen ein Opernsänger nur träumen kann.

„Einige Opernhäuser haben ein größeres Eigengewicht als andere. Die New Yorker Metropolitan ist eine Art Mythos. Zu den großen Häusern zählen die Grande Opera in Paris, die Londoner Covent Garden, die Mailänder Scala und die Wiener Staatsoper, die das beste Opernorchester der Welt hat”, listet Matti Salminen seine Arbeitsplätze auf. „Die erste Riege, egal ob Sänger, Dirigenten oder Regisseure, tourt von einem dieser Häuser zum anderen. Wenn ich von New York nach Wien und von Wien nach München reise, sehe ich auf der Bühne drei oder vier dieselben Gesichter wieder, die ich am Vortag am vorherigen Ort getroffen habe. Wir kennen einander und unsere Arbeitsweisen. Mit unserem beruflichen Können und jahrelanger Zusammenarbeit sind wir in der Lage, Lösungen für jedwede Situation zu finden.”

Der Zufall hatte nachgeholfen, daß der junge Matti Salminen zum Solisten des Chors der Finnischen Nationaloper aufstieg. Er hatte als Stipendiat 1969 in Rom und in Düsseldorf studiert. Kaum in Finnland zurück, erkrankte der erste Baß der Oper, und in vier Tagen war die Aufführung von Verdis Don Carlos fällig. Da trug man Salminen die Rolle des Philipp an. Und damit begann seine Karriere.

„Als 24jähriger auf der Bühne einen spanischen König mimen, ist natürlich ein irrwitziges Unterfangen”, lacht Salminen. „Aber wenn man sich mit dem Überschwang der Jugend ins Zeug legt, dann kann man auch mal den Nagel auf den Kopf treffen. Heute würde ich die gleiche Rolle natürlich ganz anders angehen. Nicht, daß die Aufgabe selbst sich verändert hätte, sondern weil mir ganz andere Mittel zu Gebote stehen. Diese Rolle habe ich voll im Griff. In jedem Beruf ist früher oder später eine Steigerung, ein Crescendo zu erwarten, und irgendwann setzt unweigerlich die Phase des Decrescendo ein. Für mich hat sie noch nicht begonnen”, sagt , auf einer Parkbank sitzend, Matti Salminen und spukt dreimal über seine linke Schulter.

Die Stimme wird im Laufe der Jahre reifer

„Die Stimme eines Sängers wird im Laufe der Jahre reifer. Das Leben hinterläßt in der Stimme bestimmte Farben und Scharten. Wenn Musik und Text von einer stereotypen Dramaturgie bestimmt werden, verkommt der pure Belcanto zu einer Abfolge von leeren schönen Stimmen”, philosophiert der Opernsänger. „Das Grundkolorit meiner Stimme ist im Laufe der Jahre dunkler geworden, aber dank meiner Technik vermag ich noch immer ein helleres Timbre aus den Windungen meines Gedächtnisses herauszulocken. Die Frische der Jugend ist nicht unvermeidlich dahin, solange die Gedankenwelt jugendfrisch bleibt. In mir steckt noch immer ein kleiner Junge - und das ist in vieler Hinsicht positiv. Es ist hilfreich, sich auch mit leichterer Musik zu beschäftigten, um den Zeitgeist zu fühlen. Opern, das ist größtenteils alte klassische Musik, und es tut gut, zur Abwechslung den Puls unserer Zeit zu verspüren.”

Matti Salminen ist auch leibhaftig ein großer Sänger. Dem Klischee zufolge sind alle Bässe lang und stämmig, während die Tenöre klein und korpulent sind. Aber: „Nicht alle Bässe sind lange Lulatsche”, versichert Salminen. „Von den finnischen ist zum Beispiel Kim Borg nicht besonders lang, Matti Talvela ist allerdings ein Koloß. Die Frage ist, wie tief die Stimme ist. Ein Kontrabaß hat, verglichen mit einer Violine, lange Saiten. Die Stimmbänder eines Basses müssen ebenfalls lang sein, und nur wenige kurze Leute habe lange Stimmbänder. Von den weltberühmten Bässen hat zum Beispiel Nicolai Ghiaurov eine normale Statur. Es stimmt, daß Startenöre im allgemeinen von kleinem Wuchs sind: Nehmen wir Enrico Caruso, Jussi Björling und Luciano Pavarotti. Aber Placido Domingo ist schlank und lang, er hat fast eine Baß-Statur.”

Sprungbrett Bayreuth

Fast jeder Opernintendant verwahrt in seiner Schreibtischschublade eine Rankingliste. Die Schwelle, die auf dem Weg zur Elite überwunden werden muß, ist hoch. Nur wenige schaffen den Aaufschwung in den Orbit unvergänglichen Ruhms. Matti Salminen begriff, daß er zur ersten Riege gehörte, als er fünf Jahre in Folge bei den Bayreuther Wagner-Festspielen aufgetreten war. „Ein Auftritt allein besagt nicht viel. Aber wenn man ständig bei den Festspielen präsent ist, erregt das auch anderorts Aufsehen. Dann trudeln Einladungen von großen Bühnen, Dirigenten und Regisseuren ein. Mir ist dieser Wagner-Stempel auf meiner Stirn zuwider, aber wenn man 13 Jahre lang in Bayreuth gesungen hat, dann kann man dem Stempel nicht entrinnen.”

Die Finnische Nationaloper hat eine kolossale Produktion von Wagners Ring-Zyklus auf die Beine gestellt, die im Frühjahr 1999 in einer 6stündigen Aufführung der „Götterdämmerung” kulminierte und bei der Matti Salminen natürlich nicht fehlen durfte. Im Frühjahr 2000 wird der gesamte Zyklus zweimal aufgeführt. Laut Salminen darf diese kostspielige Produktion als gelungen gelten. Er lobt insbesondere den Dirigenten Leif Segerstam: „Er ist bei uns fürs Monumentale zuständig und zählt zur Weltelite.”

Der Stempel auf der Stirn hindert Matti Salminen nicht daran, unermüdlich über Richard Wagner zu reden. An dem Komponisten scheiden sich die Geister, er wird entweder vergöttert oder verabscheut.

„Wagner ist eine kontroverse und querköpfige Figur. Das spiegelt sich auch in seinem Œuvre wider. Da stellen sich Menschen mit einer bestimmten Gesinnung sofort auf die Hinterbeine: Damit kann man mir nicht kommen! So auch, als die Bayerische Staatsoper vor gut zehn Jahren den vorangegangenen Ring produzierte und das Publikum zur Generalprobe zugelassen war. Schon in der Pause ging das Gerangel los, die Leute zogen einander an ihren Krawatten, und das nur wegen weltanschaulichen Differenzen. Wagner löst heftige Emotionen aus.”

„Meine erste Wagner-Erfahrung war 1976 der sogenannte 100-Jahre-Ring in Bayreuth (der Zyklus wurde 1876 vollendet), den der weltberühmte Pierre Boulez dirigierte. Schon nach dem ersten Akt flogen aus dem Zuschauerraum faule Eier und Tomaten. Fünf Jahre später wurde dieselbe Produktion mit anderthalbstündigem Applaus bedacht! Das Publikum hatte sich kundig gemacht und bei Wagner Dinge entdeckt, auf die niemand beim ersten Hören stoßen würde. Ich selbst habe mich dreißig Jahre mit Wagner auseinandergesetzt, da gibt es viel zu entdecken”, sagt Salminen.

Sallinens „König Lear”

Matti Salminens nächste Herausforderung ist Aulis Sallinens Oper „König Lear”, die die Finnische Nationaloper im September 2000 erstaufführen wird. Zum Zeitpunkt des Interviews im Sommer 1999 studierte Salminen die Klavierpartitur des ersten Aktes. „Es ist höchst aufschlußreich, bei der Entstehung einer neuen Oper beteiligt zu sein und sie mit dem Komponisten zu diskutieren. Und es ist sicherlich auch für Aulis Sallinen gut zu wissen, für wen er die Hauptrollen schreibt: für Jorma Hynninen und für mich.” Matti Salminen interpretiert die Titelrolle König Lear.

Image size 11 Kb Salminen gönnte sich im Sommer 1999 erstmals in seiner langen Solistenlaufbahn einen ordentlichen Urlaub. Vielleicht klappt es auch im nächsten Jahr: Falls er vor den Salzburger Festspielen im August 2000 Zeit dazu findet.

„Ich bin schon eine Weile in einer privilegierten Position. Ich kann einem Regisseur oder Dirigenten auch mal antworten, daß ich diesmal kein Interesse habe. An wirklich guten Regisseuren und Dirigenten ist kein Mangel. Wenn man mit ihnen über einen längeren Zeitraum zu tun gehabt hat, ist die Arbeit und stimulierend und anregend. Natürlich haben sich auch die Erwartungen des Publikums in den letzten 20 Jahren gewandelt. Heute kann man es sich nicht mehr leisten, auch nur eine einzige Aufführung mit der linken Hand zu schmeißen. Berufliche Erfahrungen haben mich gelernt, Abend für Abend aus mir den entscheidenden kreativen Funken herauszuschlagen.” Deshalb füllt Matti Salminen Zuschauersäle in aller Welt.

Banalerweise trägt der Starbaß einen stinknormalen finnischen Namen. Allein im Telefonbuch von Helsinki sind sechzehn Matti Salminen verzeichnet. Aber auf den Opernbühnen der Welt brilliert nur ein Matti Salminen.