Jahrzehnte der Chancen und Sackgassen
Image size 28 Kb Präsident Urho Kekkonen hat bei vielen Gelegenheiten Generalsekretär Nikita Chruschtschow auf die Karelien-Frage angesprochen.

Eine gängige Floskel in Finnland ist, daß die russische Regierung „in einem passenden Zusammenhang” auf die Karelien-Frage angesprochen werden könne. Die Frage kann man auch mit der Bemerkung, „daß eine diesbezügliche Diskussion unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht opportun sei”, einfach ausklammern. Im Laufe der Jahrzehnte lassen sich aus verschiedenartigen Quellen zahlreiche Situationen auflisten, in denen diese Frage zwischen den Regierenden der beiden Länder aufgeworfen wurde. Sondierungen hinter den Kulissen haben größtenteils noch keinen Eingang in die Geschichtsbücher gefunden; eine Ausnahme sind die inoffiziellen „Saunadiskussionen”, die Staatspräsident Kekkonen mit sowjetischen Spitzenpolitikern führte.

„Präsident J.K. Paasikivi verlangte schon 1947 bei der Verhandlung des Pariser Friedensvertrags, daß die Karelien-Frage auf die Tagesordnung gesetzt wird. Am Abend zuvor lud Außenminister Molotow den finnischen Ministerpräsidenten Mauno Pekkala samt Delegation vor und schüchterte ihn ein, und dabei ist es offenbar geblieben”, erinnert sich der vormalige Ministerpräsident Johannes Virolainen.

„Kekkonen brachte immer wieder die Karelien-Frage zur Sprache, wenn er Nikita Sergejewitsch traf”, berichtete Alexej Adsubei, ein Neffe von Nikita Chruschtschow und vormaliger Chefredakteur der Iwestija, im September 1991 in Moskau (Quelle: Martti Valkonen: Die Finnlandisierung geht weiter, 1998). Chruschtschow war Regierungschef von 1953-64. Mit seinem Nachfolger Leonid Breschnew hätten sich diese Gespräche vermutlich schwieriger gestaltet.

Nach der Implosion des Sowjet-Imperiums waren aus Moskau neue Töne in der Karelien-Frage zu vernehmen. Botschafter Jurij Derabin schrieb in der Tageszeitung Helsingin Sanomat am 4.3. 1992: ”Über alles kann man diskutieren, und auch die Grenzen dürfen keine Tabus sein, auch über sie kann man zwischen in guter Nachbarschaft lebenden Völkern verhandeln.” Fünf Jahre später hatte Derabin Meinung geändert (Suomenmaa 17.4. 1997): „Die heikle Frage der verlorenen Gebiete wurde und wird hoffentlich nicht auf die Tagesordnung des finnisch-russischen Dialogs gesetzt. Das möchte ich unter keinen Umständen, obwohl ich die Gefühle der Finnen verstehen kann.”

„Die Tür stand einen Spalt offen”

Der Stellv. Ministerpräsident Gennadi Burbulis, der die Regierungsgeschäfte führte besuchte im Januar 1992 Finnland und gab Martti Valkonen, dem Korrespondenten von Helsingin Sanomat, vor der Abreise in Moskau ein Interview. Valkonen behandelt in seinem Buch kritisch die Rezeption des Interviews in Finnland. „Helsingin Sanomat hob den die Grenzen und Karelien betreffenden Teil des Interviews auf die Titelseite. Die Zeitung brachte die Frage aufs Tapet, aber die Politiker haben sie stillschweigend übergangen. Niemand in Finnland hat mit ihm darüber diskutiert, obwohl ein Reformer wie Burbulis aufgeschlossen und offenbar bereit war, über alles zu reden, sofort oder zu einem vereinbarten Termin. - Die Tür der Möglichkeiten stand damals einen Spalt offen. Finnland hat die Chance verpaßt, weil seine Führer den Geist der Zeit nicht verstanden haben.” Mauno Koivisto war damals Staatspräsident.

Image size 9 Kb Zwei Präsidenten im Kreml 1997: Martti Ahtisaari und Boris Jelzin.

Ilmari Susiluoto, wissenschaftlicher Referent des Außenministeriums, dozierte am 9.1.1998 in Loviisa über ein Interview, das Präsident Matti Ahtisaari kurz vor seinem Staatsbesuch im November 1997 in Moskau der russischen Zeitung Itogi gegeben hatte. „Ich bin immer bereit, mit den russischen Führern über die Karelien-Frage zu diskutieren, wenn sie es so wollen. Nichts kann darüber hinwegtäuschen, daß die Okkupation der karelischen Landenge von den Finnen als eine große Ungerechtigkeit empfunden wurde und wird.” Ilmari Susiluoto zeigt sich verwundert darüber, daß die Karelien-Frage in den russischen Medien aufgeworfen wurde, aber nicht in 'Finnland, dem gelobten Land der Angsthasen'. Dies zeigt die Paradoxe der Gegenwart auf. In Finnland hat es seit Jahrzehnten nicht eine einzige bedeutsame Partei gegeben, in deren Programm die Karelien-Frage unübersehbar Eingang gefunden hätte.” Während Ahtisaari in Moskau weilte, forderte Jelzin, daß „die finnischen Journalisten aufhören sollten, über die Rückgabe Kareliens zu schreiben.” Ein Beamter des Außenministeriums führte die Äußerung auf das vorgenannte Itogi Interview zurück. Ahtisaari ist dem Wunsch Jelzins nicht nachgekommen: „Ich bin der letzte Finne, der die Karelien-Debatte unterbinden würde.”

„Sie wissen nicht, was sie getan haben”

Die letzten einschlägigen Stellungnahmen aus Moskau waren in zwei Nummern von Nezawisimaja Gazeta (November/Dezember 1998) nachzulesen. In ihnen wurde eine Ansprache von Parlamentspräsidenten Riitta Uosukainen gerügt, die diese im Sommer anläßlich des 50. Jubiläums des Karelien-Bunds gehalten hatte. Die Zeitung warf Uosukainen revanchistische Töne und Übereifer vor, Karelien zurückzugewinnen. Uosukainen bestreitet in der Zeitschrift Suomen Kuvalehti (18.12.98), daß ihre Rede „eine programmatische Erklärung zur Außenpolitik gewesen sei”. Nach ihrer Meinung sollte die Karelien-Frage eher unter ethischen und moralischen Aspekten untersucht werden, weniger als eine politische Frage. „Besonders beklagenswert in unserem Nachbarland ist die mangelnde Ethik. Sie haben Unrecht getan, aber darüber kann mit ihnen kaum reden, weil sie nicht wissen, was sie getan haben. Das einfache Volk ist miserabel über die jüngere Zeitgeschichte informiert.”, führt Uosukainen in dem Interview aus.

Die kontroversen Wogen in der Karelien-Diskussion beiderseits der Grenzen gehen hoch. Im Frühjahr 1995 verurteilte Jelzin - offenbar spontan - in einer Pressekonferenz den finnisch-russischen „Winterkrieg” und die Annektion finnischer Gebiete als Teil der Stalinschen Aggressionspolitik. Zwei Jahre später - nun offensichtlich angeleitet von seinen Beratern - untersagte er den Journalisten, über Karelien und andere an die Sowjetunion abgetretenen finnische Gebiete zu berichten.