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Die heikle Karelien-Frage

Die Karelien-Frage bezieht sich auf die Zwangsabtretung des gleichnamigen finnischen Gebiets. Geographisch hat sich der Stamm der Karelier weit darüber hinaus nach Norden und Süden verbreitet. In Rußland erstreckt sich die Republik Karelien vom Finnischen Meerbusen bis zum Weißen Meer. Auch auf finnischer Seite verblieb ein bedeutendes karelisches Siedlungsgebiet, das mitsamt den evakuierten Karelier einen essentiellen Teil des Finnischtums bildet. Der Bund der Finnisch-Karelier ist von den Heimatverbänden eindeutig der größte und aktivste.

Die öffentliche Diskussion über die Karelien-Frage hat immer weitere Kreise gezogen, zugleich hat man sich an ihre Ergebnislosigkeit gewöhnt. Der Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und Beistand zwischen Finnland und der Sowjetunion wurde einen Monat nach dem Kollaps der Sowjetunion aufgesagt. Doch der Geist des Vertrages, der im Ausland als Finnlandisierung die Runde machte, ist offenbar noch immer virulent. „Die Zeit, in der wir nicht offen reden konnten, war zu lang: von 1944 bis 1991”, befindet der prominenteste Karelier Johannes Virolainen, vormaliger Ministerpräsident und langjähriger Parlamentspräsident.

Zur Zeit der Sowjetunion kam in Finnland der Begriff „außenpolitische Liturgie” auf, eine dem östlichen Nachbar genehme Sprachregelung. Kritischer Journalismus oder wahrheitsgemäße Informationen sprengten den Rahmen dieser Liturgie. Als die Sowjetunion implodierte, fiel es vielen schwer, sich auf die neue politische Situation einzustellen. Dies spiegelt sich auch in der Karelien-Frage wider - mit welchem Staat soll Finnland eigentlich darüber diskutieren?

Immerhin, heute werden diese Dinge frank und frei an- und ausgesprochen. So schrieb der in der Finnischen Bank tätige Dr. Pekka Sutela in der Zeitung Helsingin Sanomat (4.9.1998) über Rußland: „Sie gebärden sich als Großmacht, obgleich ihre wirtschaftliche Größe die der Niederlande entspricht und ihr Anteil an der Weltwirtschaft minimal ist. Sie leisten sich ein Weltraumprogramm, obgleich sie nur mit Mühe den inländischen Flugverkehr aufrechterhalten können.” Viele ältere Leute lesen diese Tatsachen noch immer wie kleine Jungen, die heimlich, errötend und kichernd in einem Schmuddelblatt blättern. Chefredakteur Jarmo Virmavirta (Nykypäivä 29.12.1988) gibt hingegen zu bedenken: „Rußland ist zwar keine Supermacht mehr, aber das Land ist noch immer - politisch, wirtschaftlich und militärisch - eine Großmacht des Ostseeraums.”

Auch nicht auf einem goldenen Präsentierteller Image size 19 Kb

Ein Finne als erster EU-Militärchef

KOPENHAGEN. Mit der Wahl des finnischen Generals Gustav Hägglund hat die EU ihren höchsten militärischen Posten einem Nicht-Nato-Mann anvertraut: Als Chef des Militärkomitees soll Hägglund den Aufbau der EU-Krisentruppe leiten, die bei ihren Einsätzen auf die Infrastruktur der Nato angewiesen sein wird.

Hägglund wurde 1938 in Wiborg im damals finnischen und heute russischen Karelien geboren. Ein Jahr später überfiel die Sowjetunion Finnland. Wie Hunderttausende andere Karelier wurden die Hägglunds umgesiedelt. Gustav, Sproß einer schwedischsprachigen Familie, schlug die Militärlaufbahn ein, in der er zum Stabschef und schließlich zum Oberbefehlshaber aufstieg. Internationale Meriten verdiente er sich bei UN-Einsätzen im Nahen Osten.

Die Presse, 26.3.2001


 
Gegen die Rückgabe Kareliens hat sich u.a. der Oberbefehlshaber der finnischen Streitkräfte, General Gustav Hägglund ausgesprochen. Er gab im November 1992 der schwedischen Zeitung Dagens Nyheter ein Interview, daß von fast allen finnischen Medien zitiert wurde. „Unter rein militärpolitisch en Gesichtspunkten wäre es unsinnig, die Grenze bis zu den Vorstädten von St. Petersburg vorzuschieben. Das könnte die gleichen Forderungen nach einer Pufferzone nach sich ziehen wie vor dem Winterkrieg. Das würde auch bedeuten, daß die Grenze zum Paradies direkt im Umfeld St. Petersburgs verlaufen würde. Heute ist der Raum St. Petersburg von Finnland durch ein ärmliches Waldgebiet getrennt. Es wäre eine Dummheit, Karelien entgegenzunehmen, selbst wenn es uns auf einem goldenen Präsentierteller gereicht würde”, so General Gustav Hägglund am 7.3.1992 in Ilta-Sanomat. Seither ist das Wort vom „goldenen Präsentierteller” im Schwange, das immer wieder im Zusammenhang mit der Karelien-Frage, so in einer großen TV-Diskussion 1998, aufgegriffen wird.

Sicherheitshalber schob Hägglund drei Wochen später ein Interview in der Zeitung Keskisuomailainen (29.3.92) nach. „Es war eine große Ungerechtigkeit und ein rabiater Raubzug, als uns Karelien weggenommen wurde. Aber alle Ungerechtigkeiten kann man nicht korrigieren. Die Finnen zogen weg, und heute wohnen dort fast 300 000 Russen. Das ist der wichtigste Grund, warum der Anschluß des Gebiets an Finnland nicht unseren Interessen entspricht.” Ende 1998 waren dort schätzungsweise nur noch 200 000 Russen ansässig, hauptsächlich Militärs und Beamte.

Die Dämme brechen

1998 überwanden Initiativen und Vorschläge zur Lösung der Karelien Frage zigmal die Nachrichtenschwelle. Wiewohl die Frage im Laufe der Jahrzehnte nicht vergessen wurde, scheinen erst jetzt die Dämme zu brechen.

Image size 11 Kb Brigade-General Kari Hietanen forderte im Juli mit klaren Worten die Rückgabe Kareliens. Ihm zufolge, sollten „die in Karelien ansässigen Russen anderweitig angesiedelt werden. Die Neuansiedlung von einer Viertelmillion Menschen sollte für eine Großmacht keine unüberwindliche Aufgabe sein” (Helsingin Sanomat 23.7.). Hietanen mußte prompt vom Generalstab einen Rüffel einstecken, weil außenpolitische Strategien nicht zu den Aufgaben der Streitkräfte gehören. Hietanen hat für den von ihm verursachten Wirbel sein Bedauern ausgedrückt.

Der in Florida USA ansässige finnische Geschäftsmann Jorma Hellevaara unterbreitete Präsident Boris Jelzin ein Kaufangebot für die abgetretenen Gebiete: 2,5 Mrd. Finnmark (ca. 400 Mio. Euro). Eine Antwort steht noch aus.

In seiner umfassenden Untersuchung „Karelien im Blick - das zwangsabgetretene Karelien heute und gestern” forderte Dr. pol. Jukka Seppinen den Staatspräsidenten und die Regierung auf „sich so auszudrücken, daß aus ihren Meinungsäußerungen eine positive Einstellung hinsichtlich einer Rückgabe von Karelien sichtbar wird” (Nachrichtenagentur Suomen Tietotoimisto 10.11.). Seppinen schlug vor, daß die finnische Regierung die Unterzeichnerländer des Pariser Friedensvertrags um eine Erklärung ersuchen sollten, die die Wiedergutmachung dieser Ungerechtigkeit einschlösse.

Lösungen des Problems wurden allerorten gesucht. Die karelischgebürtige Euro-Parlamentarierin Marjo Matikainen-Källström führte in einer Rede am 20.8.aus, daß die EU-Kommission diese Frage wohl eher als eine bilaterale Angelegenheit betrachtet, die nicht in die Zuständigkeit der EU fällt. Von Brüssel ist mithin nur Sympathie zu erwarten.

Die Rückgabe Kareliens liegt nicht nur betagten Heimatvertriebenen am Herzen. In der auflagenstarken Zeitschrift City ließ im April 1998 der Student Juha-Matti Aronen seinen Gefühlen freien Lauf: „Die Karelien-Frage ist ein Tabu, das letzte Bollwerk der Finnlandisierung in diesem gelobten Land der Angsthasen.”

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Drei Generation der Familie Knuuttila zum letzen Mal auf der Treppe ihres Hauses in karelischen Antrea am 18.6.1944. Großmutter Eeva, Schwiegertochter Helvi und Tochter Martta (hinter ihr) und Helvis Tochter Marjatta kurz vor der Evakuierung. „Nicht weinen, Mädchen, die Tränen für die schlimmste Not aufsparen”, rät Oma Eeva.

Paasikivi und Kekkonen setzten sich für Karelien ein

Das wandelnde Geschichtsbuch Johannes Virolainen (1914-2001) berichtete, daß der damalige Präsident Paasikivi in dieser Angelegenheit von Anfang aktiv war: „Als das Porkkala-Gebiet (eine Landzunge im Finnischen Meerbusen, auf dem die Sowjetunion von 1944-56 einen militärischen Stützpunkt unterhielt) an Finnland zurückgegeben wurde, erteilte Paasikivi Ministerpräsident Urho Kekkonen Weisung, mit den Russen noch einmal über Karelien zu verhandeln. Ohne Erfolg. Als Präsident sorgte Kekkonen dafür, daß die Karelien-Frage auf dem Tapet blieb. Er trug sein Anliegen Ministerpräsident Nikolai Bulganin 1957 anläßlich dessen Staatsbesuch in Finnland vor. Später sprach er Molotow darauf an. Der entgegnete, daß das Gebiet mit dem Blut der Roten Armee erobert worden sei. Nur ein neuer Krieg könne die Grenze verschieben. Zum Glück hat sich die Situation von Grund auf geändert”, konstatiert Virolainen erleichtert.

Über den Finnland-Besuch Bulganins ist eine amüsante Anekdote im Umlauf. Der Ministerpräsident sollte eine Papierfabrik in Valkeakoski besuchen. Am Vortag inspizierte der Fabrikbesitzer die Besuchsroute der hohen Gäste. Auf dem Hof einer aus Karelien evakuierten Familie trocknete Wäsche. Der Besitzer bat die Hausfrau, die Wäsche von der Leine zu nehmen, weil morgen hohe Gäste aus der Sowjetunion an dem Haus vorbeikämen. Die Hausfrau schüttelte den Kopf: „Erst haben sie uns unser Zuhause und alles andere weggenommen, und jetzt wollen sie auch noch die alten Klamotten.”

Die Schlagfertigkeit und Frohnatur der Karelier sind in Finnland ein Begriff. Karelier sind zudem unheilbare Optimisten. Mit den Heimatvertriebenen ist in den neuen Siedlungsgebieten auch deren Lebensfreude und Frohsinn eingekehrt. Bezeichnend - auch für die Karelien-Debatte - ist ein karelisches Sprichwort (frei übersetzt): „Freut euch des Lebens, auch wenn euch das Herz blutet.”

So ging Karelien verloren ...

Die Evakuierung der Bevölkerung vom Kriegsschauplatz auf der Karelischen Landenge nach Ausbruch des Winterkriegs im November 1939 ging zügig vonstatten. Im folgenden Winter wurde ein Waffenstillstand, der sog. Interimsfrieden geschlossen. Als Deutschland 1941 die Sowjetunion überfiel, schlug sich Finnland auf Seite der Deutschen, und die Armee schickte sich an, die verlorenen Gebiete zurückzuerobern. Im sog. Fortsetzungskrieg (1941-44) kehrten von den 400 000 Evakuierten 300 000 nach Karelien zurück. Der Wiederaufbau schritt rasch voran, tags und nachts wurde hart gearbeitet. 1943 waren die Felder Kareliens wieder in Schuß. Dann gewann die Rote Armee Oberhand, und die Sowjetunion diktierte Finnland Friedensbedingungen, die einen abermaligen Verlust Kareliens einschlossen.

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Johannes Virolainen (rechts) besuchte im Herbst 1998 sein Heimatdorf in Karelien. „Die wenigen zurückgebliebenen alten Leute wünschten, daß die Finnen wiederkommen und das Land auf Vordermann bringen würden”, berichtet Virolainen.

Die erneute Rücksiedlung der Evakuierten war eine außerordentliche Leistung. Man kann es schon als Wunder bezeichnen, daß kaum ein Karelier unter das Joch der neuen Herrscher geriet, sieht man von ein paar Alten in entlegenen Dörfern ab. „Würde Karelien heute wieder finnisch, würden 200 000 Karelier sofort zurückkehren”, glaubt Johannes Virolainen. „Auch ich würde noch am selben Abend aufbrechen.”

Das nimmt man ihm gern ab, wenn man Virolainen über die Vorzüge des verlorenen Paradieses schwärmen hört. „Karelien ist nicht nur eines der besten Gebiete Finnlands, sondern ganz Europas. Das Klima zwischen dem Ladogasee und dem Finnischen Meerbusen ist günstiger als nirgends in Finnland. Dort gibt es die größten Stromschnellen und Wasserfälle Finnlands. Finnland könnte auf die Atomkraft verzichten, wenn es die Wasserfälle Rouhela und den Fluß Vuoksi zurückbekäme. Das Gebiet umfaßt fast 2 Millionen Hektar unbewirtschaftete Wälder und 300 000 Hektar Felder, auf denen heute nur Büsche wachsen.”

... kann es zurückgewonnen werden?

„Es gibt nur die Möglichkeit, die russische Führung davon zu überzeugen, daß diese Angelegenheit auch ihren Interessen entspricht”, beteuert Virolainen. Als erste Region würde St. Petersburg davon profitieren. Für die von den Kareliern angekurbelte landwirtschaftliche Produktion gäbe es hier ein riesiges Absatzgebiet, in dem heute Hunger herrscht. Botschafter Jurij Derjabin sagte vor seiner Abreise aus Helsinki, daß Rußland keinen Rubel in Karelien investieren kann. Es ist einfach kein Geld da. Die Rückgabe Kareliens wäre für beide Länder nur vorteilhaft.”

Und weil eine einheimische Biermarke in Finnland den Namen Karelien trägt, blödeln die patriotischen Saufbolde: „Wir holen uns Karelien zurück: Flasche für Flasche!”

Wolf Biermann am 25.6.2000

Es sind von verschiedenen Seiten Berechnungen gestellt worden, wieviel der Wiederaufbau des maroden Gebiets kosten würde. Die Schätzungen schwanken um die 50 Milliarden Finnmark (8,3 Mrd. Euro). Den hohen Preis des Wiederaufbaus hält Johannes Virolainen für Mumpitz. „Wir haben Hunderttausende von Arbeitslosen, die damit beschäftigt werden könnten. Das Geld, das dafür aufgebracht werden müßte, käme in mehreren Jahren wieder herein. Wenn man vorher ausgerechnet hätte, wie teuer der Winterkrieg zu stehen kommen würde, wäre er nie geführt worden. Dann hätte man gesagt: Willkommen! Leider ist es zu teuer, das Land zu verteidigen. Nein, das kann man nicht mit Geld aufrechnen. Karelien kommt nicht mit Steuergeldern auf die Beine, sondern durch Arbeit. Und die Arbeit wird nicht getan, solange Karelien kein finnisches Gebiet ist. Doch das wird in Moskau entschieden.”

Moskaus Eröffnungszug 1999 lief auf einen Schlußstrich unter das in Finnland schwelende Karelien-Problem hinaus. Gennadij Selesnjow, kommunistischer Duma-Vorsitzender, erklärte bei seinem Finnlandbesuch: „Die Kreise, die territoriale Fragen aufwerfen, wollen nach meiner Meinung Unfrieden in den russisch-finnischen Beziehungen säen. Nach meinem Verständnis der offiziellen finnischen Politik hat Finnland keinerlei Gebietsansprüche an Rußland.” (Helsingin Sanomat 28.1.1999)

Moskaus Position verhärtet sich

Im Juni 2000 trat die neue finnische Staatspräsidentin Tarja Halonen ihren ersten offiziellen Besuch in Moskau an. Auf die Karelien-Frage angesprochen erklärte Präsident Wladimir Putin während einer Pressekonferenz: „Wir betrachten die Frage für gelöst und endgültig abgehandelt.” Er wurde noch deutlicher und warnte: „Ich bin der Ansicht, daß die Fortsetzung dieser Diskussion außerordentlich gefährlich ist.”

Siehe auch:
WTF-O Mit dem Schwert gezogene Grenzen
HS: The never-ending Karelia question