Anmausen des Bildes enthüllt Kaivantos Alter ego,
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Zweimal Kaivanto
 

 

Zwei Seelen, Gegensätze und Paradoxe, wohnen in des Künstlers Brust: Urbanität und Naturnähe, Poesie und kritische Distanz, knallharte Männlichkeit und sanfte, lebenserhaltende Weiblichkeit, Vergangenheit und Gegenwart.

Auch in dem Maler Kimmo Kaivanto hausen zwei konträre Personen: ein Städter und ein Naturbursche. Der heute in Helsinki lebende Kaivanto wurde in Tampere geboren, wo er schon in früher Kindheit eine ausgeprägte Beziehung zur Natur und zum Landleben entwickelte. Schon seit über 35 Jahren kann sich Kaivantos Naturburschen-Ego auf eine eigene Insel in Nord-Häme zurückziehen, die für den Maler das Paradies verkörpert. Auf der Insel Arkkusaari erschließt sich ihm der Zauber der Wildmark, aber auch ein Fenster zur Welt: „Dort sieht man alles, als ob man neben sich stände, fern und klar.”

Kaivantos Wohnung in einem alten Steinhaus im Stadtzentrum Helsinkis ist klarlinig, elegant und modern. Die Zweitwohnung auf der Insel weist hingegen eine spanbeschichtete Wand, die aussieht wie eine „Vogelbrust”. Auf der Insel liegt auch ein „Teerboot” vertäut, das der Maler wie seinen Augapfel hütet. Das Boot ist inzwischen ein 25 Jahre altes Prachtstück, für dessen Entwurf Kaivanto zwei Jahre brauchte. „Es ist das letzte Boot. Wenn ich sterbe, bleibt es am Ufer vertäut.”

Wir sitzen am Tisch in Kaivantos Stadtwohnung. Über den Holztisch zieht sich ein aufgemalter blauer Streifen. Das berühmte Kaivanto-Blau.

Kaivanto-Blau

Die Farbe Blau hat für Kaivantos Arbeiten nahezu Symbolcharakter, vor allem seit den 60er Jahren. Es ist ein immaterielles Blau, das Kaivantos an die Kindheit in seiner Geburtstagsstadt Tampere erinnert.

„Es ist eigentlich nur eine Himmelsrichtung der Kindheit, die nach Nordosten weist. Eine Richtung der Hoffnung, dort stellte ich mir märchenhafte, mystische Wälder vor. Das Blau beschwörte in der Phantasie etwas Wünschenswertes herauf, das mir in Erinnerung geblieben ist. Man kann es als ein Ultramarinblau definieren, als einen ätherischen Farbton der unendlichen Möglichkeiten, der zugleich zärtlich ist. Aber es ist auch eine Farbe der Trauer.”

Kunst

„Die traditionellen Künste, Bildhauerei und Malen, kann man nicht einfach durch elektronische Kunst ersetzen. Wir bräuchten heute neue Begriffsbestimmungen. Eine Performance ist dem Theater näher verwandt als der bildenden Kunst, wird aber trotzdem den bildenden Künsten zugerechnet.”

„Was früher als marginale Kunst galt, sollte ernst genommen werden; ich zweifele keineswegs die Motive ihrer Urheber an. Aber es ist kein Wunder, daß sie die Leute verwirrt. Da gibt es viel Mumpitz wie z.B. jemanden der daherkommt wie ein Schnellball in einem Krippenspiel. Da drängt sich mir ein Vergleich mit dem heutigen Autodesign auf: weiche, rundliche Formen wie in Kinderspielzeug. Die Erwachsenen- und Kinderkultur haben sich stark einander angenähert. Manch Dinge haben sich nur deshalb durchgesetzt, weil sie mediengerecht aufbereitet wurden.”

Arbeit

„Meine Malerei ist, seit ich ein kleiner Junge war, Ausfluß eines schwachen, verstörten Selbstbewußtseins. Das ist halt meine Weise, mit mir selbst und mit meiner Umwelt ins reine zu kommen. Und was habe ich mir damit eingehandelt: Dramatik und Analytik, aber auch die damit verbundene Neugierde. Eine Aphoristik, die sich wie ein roter Faden durch mein Werk zieht. Meine Bilder sind oft mit einem Paradox verquickt.”

„Am Anfang war die Farbendramatik, dann kamen die Schwierigkeiten, für sie eine Form finden. Ende der 60er Jahre hatte ich ein Aha-Erlebnis, was die mich umgebende Wirklichkeit und den Alltag anbetrifft. Das führte zu einem Lernprozeß, ich interessiere mich politische Geschichte und Soziologie. Die Grundsatzerklärungen des Klubs von Rom waren aufrüttelnd. Ich wollte die Zeit nach den 60er Jahren durch Bilder bewältigen, ich mußte sie einfach malen. Heute hat sich meine Einstellung geändert. Da ist wohl das Streben nach Allgemeingültigkeit im Spiel, und ich hoffe, daß alle Lebensaspekte darin sichtbar werden.”

„Zum Künstlerleben gehören halt Widrigkeiten, aber auch die Fähigkeit, mit ihnen zu leben. Da ist mitunter die reinste Hölle. Was ich nicht verstehe, ist ein pensionierter oder arbeitsloser Künstler. Man mag ja in schlimmsten Geldschwierigkeiten stecken, weil man seine Arbeiten nicht verkaufen kann, aber sich arbeitslos melden? Ich werde nicht in Rente gehen. Man kann sich ja auch nicht vom Leben pensionieren lassen.”

Natur

Schon lange vor den heutigen Umweltdiskussionen hat die Sorge um die Umwelt in Kaivantos Arbeiten und Stellungnahmen Einzug gehalten. Sie sind weniger deklamatorisch, sondern lyrisch und sensibel. Sein bekanntestes Gemälde „Wenn das Meer stirbt” (1969) hat millionenfach auf Postern und Buchdeckeln in aller Welt Verbreitung gefunden.

„Am Anfang war das naive Naturbewunderung - eine ganz normale ästhetische Attitüde. Die Sorge um die Umwelt war damals in den bildenden Künsten noch kein Thema. Kein Zweifel, ich bin eher ein bildender Künstler als ein Weltverbesserer, und ich habe diese Arbeiten seinerzeit eher als Diskussionsanregung geschaffen. Je länger ich im Sommer auf der Insel war, desto stärker fielen die negativen Seiten ins Auge. Das Gewässer ist zwar naturbelassen, man kann das Wasser aus dem See schöpfen und direkt trinken, aber die Überdüngung ist nicht zu übersehen. Wo sich jahrtausendelang Sandufer erstreckten, hat sich innerhalb nur einer Generation ein Schilfgürtel breit gemacht.”

„Wir schweben heute orientierungslos, es ist ein Chaos. Das merkt man den Leuten an, sie sind ratlos, es fehlt an allgemeinverbindlichen Idealen. Anfangs hielt die Natur die Menschen in Schach, dann gewannen sie die Überhand, und in der Herde tauchten Führergestalten auf. Wir haben die Natur überwältigt und verschiedenartige Systeme ausprobiert. Daran haben wir keine Freude gehabt, im Gegenteil. Vielleicht wird die Natur die Menschen von neuem in die Schranken weisen.”

Freiheit

„Was ich vor allem schätze, ist die Freiheit zu tun, was ich mag. Im Laufe der Zeit, durch Erfahrungen und Krisen, habe ich mir die Freiheit genommen, wie Treibholz durchs Leben zu driften, und dies in Bildern auszudrücken. Man muß sie in Verbindung mit früheren Arbeiten sehen. Es ist die Freiheit, seine eigene Bildersprache, Symbole und Codes zu benutzen, selbst wenn sie zwanzig Jahre zurückliegen. Positiv an der Zeit ist, daß sie eine Perspektive hat. Freiheit - das kann man nicht lehren, ich wüßte nicht, wie man Kunst unterrichten kann. Dieses gewisse Gefühl der Freiheit, es stellt sich immer leichter ein.”

Verantwortung

„Ein Künstler trägt Verantwortung, aber das Verantwortungsbewußtsein kann man auch so weit treiben, daß es lähmend wirkt. Anders diese spontane Verantwortung. Ich kann mir gut vorstellen, daß ein Anfänger die Verantwortung nicht so sehr empfindet, sondern sie dem Betrachter zuschiebt. Man sehen, was er dazu sagt und ob dabei eventuell positive Rezensionen herauskommen. Das ist eine unterbewußte Form der Verantwortungsverweigerung.”

„Ich möchte nicht allzusehr den Inhalt eines Bildes betonen, eine Lehre oder Moral. Das fällt in den ästhetischen Bereich, und ästhetisch braucht nicht immer schön sein. Ich arbeite gern eine Zeichnung aus, eine Entwicklungsgeschichte, um sie mit Farben und Formen zu füllen.”

Kimmo Kaivanto (geb. 1932) zählt zu den bemerkenswertesten Persönlichkeiten der modernen finnischen Kunst. Kaivantos Arbeiten waren erstmals 1956 in einer Ausstellung zu sehen, seine erste Einzelausstellung wurde 1959 in Helsinki ausgerichtet. Er beteiligt sich regelmäßig an Ausstellungen in Finnland, Europa und in Süd- und Nordamerika. In den letzten Jahrzehnten wurden zahlreiche Retrospektiven seiner Arbeiten in Finnland, Schweden und in den USA gezeigt.

Neben Gemälden, Skulpturen, Grafiken und Zeichnungen hat Kaivanto Poster, Illustrationen und Bühnenbilder geschaffen. Zudem sind etliche seiner öffentlichen Monumentalwerke in Helsinki und Tampere zu sehen.

Kaivanto wurde 1995 der Professorentitel zuerkannt. Seit 1996 ist Kimmo Kaivanto Mitglied der Europäischen Akademie.