Image size 13 Kb Verbildlichtes Gebet

 

Die Stille des Klosters Valamo wirkt entspannend. Der Verkehrslärm dringt nicht über Wälder und Seen zum Klostergebiet vor. Im Hintergrund kein Radiogedudel, kein TV-Spektakel. Die Stille wird nur durch Glocken der Klosterkirche unterbrochen, die zum Gottesdienst rufen.

Das erste Radio während meines einwöchigen Klosterbesuchs entdecke ich in Vater Arsenijs Arbeitszimmer, ein kleines, unscheinbares Kofferradio. Vater Arsenij, Archmandrit und Ikonenmaler des Klosters, ist nur die Sommerferien über in Finnland zu Besuch. Er wohnt zur Zeit in Griechenland, wo er an seiner Doktorarbeit - über Ikonen, versteht sich - schreibt.

Das kleine Arbeitszimmer befindet sich im Wohnhaus der Mönche. Unterhalb des Hauses fällt ein Hang sanft zum Seeufer ab, und auf einer schmalen Landenge im See steht dichter Nadelwald. Von den Wänden des Arbeitszimmers blicken Ikonen auf den Besucher herab: Christus, die Muttergottes und Heilige. Ein Teil der Ikonen ist ersichtlich fertig, andere warten auf ihre Vollendung.

Gegen das Fenster lehnt eine kleinformatige unvollendete Ikone, das „Abbild Christi von Edessa”. Der Überlieferung zufolge schuf Christus die erste Ikone. Als der aramäische König Abgar von Edessa erkrankte, entsandte er einen Höfling nach Christus mit der Bitte, ihn zu heilen. Statt zum König zu eilen, preßte Christus sein Gesicht in ein Leinen, das sodann, versehen mit dem Abbild Christi, dem König überbracht wurde. Bei Berührung des Abbilds genas der König.

Laut Vater Arsenij drückt die Ikone des Abbilds Christi am besten das Prinzip aus, daß eine Ikone nicht eine willkürliche Schöpfung seines Malers sein darf.

„In einer Ikone steckt in bildlicher Form das, was in den Texten des Gottesdienstes und der Bibel in schriftlicher Form festgelegt ist. Die exakte Übersetzung des griechischen Worts ikonographos und seines russischen Äquivalents bedeutet Ikonenschreiber und nicht Ikonenmaler. Ein Ikonenmaler schreibt gewissermaßen ein Bild, das schriftlich verkündet wurde”, erklärt Vater Arsenij.

„Eine Ikone soll die Inbrunst des Gebets heraufbeschwören und das Volk lehren. Ein Bild ist aussagekräftig: Was im Gottesdienst verkündet wird, prägt sich nur schwach im Gedächtnis ein, aber ein Bild veranschaulicht das Wort. Dies war besonders wichtig, als der größte Teil des Volkes nicht lesen konnte. Man könnte auch sagen, daß die Leute noch immer Analphabeten sind. Sie können aus der sie umgebenden Wort- und Bilderflut nicht das Wesentliche herausfiltern.

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Vater Arsenij: Eine gute Ikone ist ein Kunstwerk

Die Werke eines Ikonenmalers illustrieren kirchliche Lehren, und ihm wird viel theologisches Wissen abverlangt. Deshalb wurden Ikonen traditionell in Klöstern gemalt.

„Ein Ikonenmaler muß in der Welt zu Hause sein, die er verbildlicht. Ikonen werden betend und fürs Gebet geschaffen. Ein Ikonnengemälde verkommt zu einer schieren technischen Pflichtübung, wenn der Maler das Darzustellende nicht völlig verinnerlicht hat. Ikonenmalerei kann kein Hobby sein, sie ist Arbeit zu Ehren Gottes”, kommentiert Vater Arsenij.

„Eine Ikone ist ein Kunstgegenstand wie jeder andere. Eine gute Ikone erfüllt die an sie gestellte Aufgaben, aber eine meisterhafte Ikone steht eine Stufe höher: Sie ist ein Kunstwerk. Angenommen, daß das Malen einer Ikone die Reproduktion eines existierenden Objekts ist, welche Freiheit wohnt dann z.B. dem Malen eines Porträts inne? De facto ist das Malen eines Porträts leichter als einer Ikone. Da hat man ein Modell, an das man sich halten kann.”

„Auf die gleiche Problematik stößt man auch bei anderen Künsten: Vor allem muß man malen können, das ist das A und O. Eine Skizze für eine Ikone muß Hand und Fuß haben. Schon beim Skizzieren plane ich genau die Farben, im Grunde male ich die Ikone schon beim Zeichnen. Das Malen geht dann flott von der Hand, das Skizzieren ist die schwierigste Phase. Eine gute Ikone muß Assoziationen auslösen. Man muß sich zwingen, sie zu einem gewissen Zeitpunkt aus der Hand zu geben, so daß sie auf den Betrachter unverbraucht wirkt. Wenn man eine Ikone zu sehr perfektioniert, stirbt sie einem in der Hand.”

Vater Arsenij ist ein fleißiger Besucher von Kunstausstellungen. 1997 sah er sich, neben vielen anderen, in Helsinki die umfassende Andy-Warhol-Aussstellung an.

„Andy Warhol war übrigens der bekannteste orthodoxe Künstler der Welt. Viel Humbug, das steht fest, aber ein Narr ist nicht, wer andere an der Nase herumführt, sondern wer sich narren läßt. Es gibt allerdings in einigen Arbeiten Warhols eine Ähnlichkeit mit Ikonen, so kann man z.B. in der Marilyn vor goldenem Hintergrund eine Verwandtschaft mit Ikonen sehen. Etliche andere Arbeiten erinnern in den Kompositionen und bei der Farbenwahl an Ikonen.”

Kreativität ist eine Heidenarbeit

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Wenn man in einem orthodoxen Elternhaus aufwächst, ist eine Ikone ein vertrautes Bild, das einem viel zu sagen hat. Doch was kann eine Ikone einem Erwachsenen sagen, der zum ersten Mal eine Ikone sieht? Muß er dafür die innewohnende Symbolik verstehen?

„Eine Ikone besticht durch ihre Ästhetik und Schönheit, sie beschwört Frömmigkeit herauf, auch wenn man ihren Inhalt nicht versteht. Gerade darin liegt die Verantwortung des Malers. Ich habe etliche Leute kennengelernt, die in einem Antiquitätengeschäft eine Ikone gekauft und derart von ihr angetan waren, daß sie der Kirche beigetreten sind. Durch ein schlichtes Gemälde, das ist unfaßbar.”

Ikonen sind anonyme Werke, die nicht signiert werden. Trotzdem sind in der Geschichte der Ikonenmalerei Meister bekannt geworden, deren Handschrift ein Sachverständiger leicht identifizieren kann. Wird man nach hundert Jahren sagen können, dies ist eindeutig ein Werk von Vater Arsenij?

„Ja, ich glaube, daß die Handschrift bleibt, und nicht nur die Handschrift, weil die jeweilige Lebenssituation eines Ikonenmalers wie auch anderer Künstler in das Werk einfließt.”

„Auch die jeweilige Ära hinterläßt auf Ikonen Spuren. Ob man will oder nicht, sie werden von der Gegenwart geprägt. Niemand wird nach hundert Jahren annehmen, diese Ikone stamme aus dem Mittelalter. Ich bin kein Kind des Mittelalters, sondern von dem Hier und Heute geprägt. Ich habe immerhin ferngesehen und Werbung gesehen, sowas wirkt sich auf die Farben- und Bildwelt aus.”

Vater Arsenij hat seinerzeit auch viel auch profane Kunst gemalt. Im Priesterseminar hat er sogar daran gedacht, als freier Künstler zu leben.

„Bei dem Gedanken ist es geblieben. Ich habe mir gedacht, daß ich letztlich nicht so viel zu sagen habe. Das ist eine Heidenarbeit, unentwegt kreativ sein zu müssen. Ich sagte mir, wenn mir die Ideen ausgehen, dann besteht die Gefahr, daß ich anfange, mich zu wiederholen. Zwar muß auch ein Ikonenmaler ständig erfinderisch sein, aber irgendwie liegen mir Ikonen mehr.”

Uusi Valamo - neues Valamo
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