Lehrmeister der Kapellmeister

Image size 9 Kb Junge Leute sind ungestüm
Ohne Lehrmethode
Eine Begabung erkennt man sofort

In der etablierten finnischen Musikszene hat eine Gruppe von jungen Dirigenten von Furore gemacht, zu der u.a. Sakari Oramo, Esa-Pekka Salonen, Jukka-Pekka Saraste und Osmo Vänskä zählen. Neben einer beachtlichen Begabung und einer zügigen Karriere und haben sie eines gemeinsam: Sie wurden allesamt von Prof. Jorma Panula ausgebildet, dem Lehrmeister der Kapellmeister.

Bis zu seiner Pensionierung 1993 hatte Professor Jorma Panula einen Lehrstuhl für Orchesterleitung an der Sibelius-Akademie inne. Doch der Ruhestand ließ den umtriebigen Professor nicht ruhen, er bildete weiterhin Kapellmeister in aller Welt aus: in den USA, in Rußland, Schweden, Italien, Australien. Auf die Frage, warum von seinen Schülern Finnen besonders gut abgeschnitten haben, meint er: „Das liegt wohl am Nationalcharakter. An der aufrechten Haltung und richtigen Einstellung. Ein Finne war seinem Element z.B. als Roder, der im Alleingang einem steinigen Bruchmoor ein paar Felder abrang. Im Krieg waren Finnen vorzügliche Partisanen, denen niemand ihre Aufgabe erklären mußte. Auch ein Kapellmeister muß sich seiner Haut zu wehren wissen.” Image size 23 Kb In seiner über fünfzig Jahre langen Musikerlaufbahn hat Jorma Panula renommierte Orchester in Europa, Amerika und Asien dirigiert. In Finnland schwang er als Kapellmeister in Theatern und in der Oper den Taktstock, bevor er die Leitung von Sinfonieorchestern übernahm. Er fungierte von 1965-72 als Chefdirigent der Philharmonie Helsinki, wonach er für drei Jahre die Philharmonie Århus übernahm. Ganze zwanzig Jahre dauerte die Professur für Orchesterleitung an der Sibelius-Akademie, die er 1973 antrat. Zudem war er als Professor am Konservatorium in Stockholm und dem Königlichen Konservatorium in Dänemark tätig. Als Lehrer genießt Jorma Panula einen legendären Ruf - weltweit.

Der Maestro wohnt in einer Gartenvorstadt Helsinkis. Vom Meer her streicht eine milde Brise über die Blumen auf dem Hof. Panula kann und will seine Herkunft aus der Provinz Österbotten nicht verleugnen. Die ausdrucksstarke österbottnische Mundart ist für diesen Kosmopoliten ein ureigenes Idiom, die Nationaltracht seiner Heimat kleidet ihn trefflich. Der Mann ist ersichtlich stolz auf seine Herkunft.

Ein paar graue Haare an den Schläfen sind nicht zu übersehen, doch der jugendhafte schelmische Ausdruck in den blauen Augen des Maestros ebenfalls nicht. Wie ist es zu erklären, daß die großen Dirigenten früher fast ausnahmslos betagte Grandseigneurs waren und heute junge Stardirigenten in den Musikzentren der Welt den Ton angeben?

„Stars und Sterne. Heute herrscht allerorten ein allgemeiner Jugendlichkeitsboom. Das ist verdammt gefährlich. Sterne können rasch ausbrennen. Und schuld daran sind die geldgierigen Agenten. An jungen, gewieft vermarkteten Talenten lassen sich hübsche Provisionen verdienen. Wenn man den Jungs vom Start weg Engagements bei Spitzenorchestern verspricht, geraten sie leicht ans Gängelband der Agenten.”

„Das Idealalter eines Dirigenten ist nahe an die Achtzig. Dann ist er langsam soweit, daß er sein Metier beherrscht. Die Alten haben mehr Erfahrung, und wenn ich das abgenutzte Wort gebrauchen darf: Sie genießen Autorität. Dirigenten zeichnen sich per se durch einen Führungshabitus aus”. Sagt Panula allen Ernstes, gibt sich einen Ruck und zwinkert mir dabei zu.

Junge Leute sind ungestüm

„Diese Entwicklung sieht oder hört man auch den gewählten Tempi an. Jungdirigenten agieren im allgemeinen so ungestüm, daß die Musik nicht richtig rüberkommt. Auch junge Komponisten - von älteren ganz zu schweigen - wünschen sich ihre Musik oft in einem getrageneren Tempo als ein junger Dirigent dazu Geduld aufbringt”.

Das kann ich als Laie nachvollziehen. Als ich im Autoradio Sibelius' Finlandia hörte - eine sinfonische Dichtung, die jeder Finne kennt -, war das Tempo so stürmisch, daß mir schwindelte. So dirigiert kein Finne die Finlandia, dachte ich. Denkste. Es stellte sich heraus, daß es sich um eine ältere Aufnahme mit dem schwedischen Rundfunk- Sinfonie-Orchester unter Leitung des Finnen Esa-Pekka Salonen handelte. Der damals 27jährige Salonen wurde 1985 als Generalmusikdirektor des Orchesters bestallt.

„Sowas kann passieren und passiert noch immer. Beim Festkonzert zum 60. Geburtstag von Präsident Martti Ahtisaari dirigierte Jukka-Pekka Saraste die obligate Finlandia. Die rauschte in weniger als sieben Minuten vorbei. Das war meiner Meinung nach eher eine Finlandietta als die Finlandia”.

„Die Wahl des Tempos sagt über den Orchesterleiter viel aus. Es gibt auch gegenteilige Beispiele. Einmal habe ich gehört, wie Leonard Bernstein Mahler dirigierte. Die Musik schleppte sich nur so dahin. Als ob er zu abgeschlafft wäre, das Orchester hinter sich herzuziehen. Bernstein war damals wohl nicht ganz in Hochform”. Erinnert sich Panula, der als Interpret von Mahler- und Bruckner-Sinfonien viel Lorbeer geerntet hat.

Jorma Panula mag jede Art guter Musik. Er hat selbst Opern und Musicals komponiert, Volksmusik arrangiert und auch ein paar Schlager geschrieben. „Wer über Tanzmusik redet, sollte auch tanzen können. Ansonsten sind Walzer und Tangos viel zu schnell. Oder nehmen wir Tschaikowskis Walzer. Damals trugen die Damen lange Röcke, die Offiziere Stiefel und kiloschwere Epauletten auf den Schultern. Getanzt wurde in großen Ballsälen. Dies zwang zu einem gemächlichen Tempo. Das sollte man nicht vergessen, wenn man das vom Komponisten intendierte Tempo einhalten möchte. Auf der anderen Seite steht der französische Musette-Walzer, der ein viel flotteres Tempo vorlegt. Ein Tanzmusiker kennt sich in diesen Dingen oft besser aus als ein Sinfoniendirigent.”

Ist es für einen Dirigenten nützlich, wenn er selbst komponiert? Auch Esa-Pekka Salonen komponiert.

„Ja, und viele andere finnische Dirigenten wie Leif Segerstam auch. Weitere Beispiele sind Mahler, Bernstein, und Richard Strauss. Wenn man selbst komponiert, lernt man das Gleichgewicht zwischen den Instrumenten des Orchesters richtig abzuschätzen. Komponisten sind sich dessen stets bewußt, und das sollten auch Dirigenten sein. Dadurch kann das Orchester genau das Kolorit treffen, das der Komponist vorgegeben hat. Komponieren, und natürlich auch Arrangieren, ist ungeheuer lehrreich für Dirigenten.”

Ohne Lehrmethode

Sie haben schon ein halbes Jahrhundert lang Dirigenten ausgebildet. Haben sich Ihre Lehrmethoden zwischenzeitlich verändert?

„Ich hatte ursprünglich überhaupt keine Methode. Jeder Schüler ist ein Individuum. Man verfolgt eine Weile, in welche Richtung er sich entwickelt. Ich möchte nicht, daß man den Schülern nachträglich die Art der Ausbildung anhört: Der da stammt eindeutig aus der Panula-Schule. Nein, jeder soll nach eigenem Gusto Musik machen, die Technik ist dabei nur ein Hilfsmittel. Ein Dirigent muß in jeder Situation souverän über seine Mittel verfügen können. Wenn eines versagt, muß ein anderes her. Jeder hat seine eignen Mittel und Wege, er muß sie nur erst finden. Man muß erst ins Wasser springen, um schwimmen zu lernen. Ich werfe erst dann den Rettungsring, wenn der Anfänger unterzugehen droht”, lacht Panula.

Geradezu als eine Sensation schlug der Panula-Zögling Sakari Orama ein, den die Philharmonie von Birmingham als Nachfolger von Sir Simon Rattle erkor.

„Das wundert mich überhaupt nicht. Sakari ist ein großartiger Musiker, das ist mir schon als Kapellmeister des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters aufgefallen. Er ist ein offener, ehrlicher und einnehmender Mensch. Allem zugrunde liegt natürlich sein profundes Können. Sakari Oramos Höflichkeit ist außerdem echt. Das spürt man, denn gut erzogene Heuchler gibt es zuhauf. Kapellmeister können sich nicht mehr aufführen wie seinerzeit Fabrikherren. Von diesem Typ sind immer noch haarsträubende Geschichten im Umlauf. So pflegte der grummelnde und fluchende Paul Kletski seine Musiker halb zu Tode zu erschrecken: 'Verdammt noch mal! Wenn du weiterhin falsch spielst, rufe ich deine Witwe an!' Das ist heute nicht mehr drin. Zu dem Orchester muß man eine sympathische, aber zielstrebige Beziehung herstellen. Doch Speichelleckerei kommt bei mir nicht an, auch wenn das einzelne immer wieder versuchen. Ergebnisse werden im Teamwork erarbeitet, wobei jedoch kein Zweifel aufkommt, wer letztlich den Takt bestimmt. Oramo verfügt über die nötige natürliche, wesenseigene Autorität.”

Orchester wählen ihre Dirigenten oft für lange Vertragsspannen aus. Wie verhält es sich mit der Behauptung, daß ein Kapellmeister seinem Orchester ein charakteristisches Kolorit mitgibt?

„Da ist noch immer etwas dran. Doch unter Leitung eines Gastdirigenten spielt ein Orchester - schlecht oder recht - immer anders. Spitzenorchester haben ein eindeutig spezifisches Kolorit. Das ist zum Beispiel für das Cleveland-Orchester zum Markenzeichen geworden. Die Berliner Philharmoniker spielen Jahrzehnt um Jahrzehnt auf die gleiche Weise. Daran hat niemand etwas zu ändern vermocht. Der Karajan- Sound bricht sich noch immer Bahn wie ein Panzer. Erst Claudio Abbado ist es gelungen, das großartige Orchester etwas in seinem Sinne zu beeinflussen.”

„Statt nur die Charakteristika eines Orchesters zu erforschen, sollte man auf die Stimme des Komponisten hören. Esa-Pekka Salonen erzählte mir, daß er einmal - und danach nie wieder - versucht hat, den Berlinern mit Nielsen zu kommen. Daraus ist nichts geworden, das Orchester spielte unentwegt Karajan. Inzwischen hat es sich langsam herumgesprochen, daß die Musik wichtiger ist als das Orchester.”

Eine Begabung erkennt man sofort

Den Worten „Musik” und „naturgegeben” mißt Panula besondere Bedeutung zu. Sieht man einem Schüler sofort an, ob er das Zeug zum Dirigenten hat?

„Dazu bedarf es nur weniger Minuten. Manche haben einen ausgereiften Approach, das Fingerspitzengefühl eines Musikers. So ein Schüler lauscht und hört zu, was aus dem Orchester zurückschallt, wenn man in es hineinstochert. Ein Dirigent sollte zugleich ein Spielmann sein, der selbst musizieren kann und das Handwerk und die Kniffe des Metiers kennt. Ein Streichinstrument ist ein guter Ausgangspunkt, aber auch ein Bläser kann es zum Dirigenten bringen. Salonen spielt Bügelhorn und Vänskä Klarinette. Doch die meisten sind Streicher, angefangen bei Saraste.”

Ihre jungen Stars und Sterne scheinen die besten Jahre noch vor ihnen zu haben?

„Ohne weiteres. Das ist erst der Anfang. Der Mensch wächst und reift mit zunehmendem Alter. Die Jugend wird ziemlich grundlos vergöttert, dahinter steht der allgegenwärtige Kommerz. Ein Beispiel dafür ist der erst 21jährige Mikko Franck, der voll im Trend liegt. Daran fühle ich mich nicht ganz unschuldig, weil ich blutjunge Leute in die Jugendabteilung der Akademie aufgenommen habe. Mikko unterschrieb schon als Minderjähriger bei seinem Agenten in London einen Vertrag, was ich zu verhindern suchte. Doch die Eltern standen offenbar hinter ihm. Nun streicht der Jungdirigent Honorare in einer Höhe ein, die kleinere Orchester nicht mehr bezahlen können. Wo kann er denn heute noch proben? Der Junge spielt fast das ganze Repertoire direkt mit großen Orchestern ein, mit der Philharmonie in Israel und Amsterdam. Dabei kann er rasch ausbrennen und Magenkrämpfe bekommen.”

Gibt es Komponisten, deren Begabung ein Dirigent - jung oder alt - auf Anhieb erkennt?

„Ja, Mozart. Das ist die schwierigste Musik, weil sie so einfach klingt. In Mozarts Musik gibt es Fallen, in die man garantiert hineinstolpert, wenn man die Musik nicht bis zu Ende durchdenkt. Das bereitet höllisches Kopfzerbrechen.”

Diese Anekdote über Mozart soll authentisch sein: Ein junger Eleve fragte den Meister, wie man Sinfonien komponiert. - Lernen Sie zuerst den Kontrapunkt, Sie sind ja noch so jung. - Jung? Sie haben schon als Siebenjähriger Sinfonien geschrieben! - Aber ich habe nicht gefragt, wie man sie schreibt.

Talentierte Nachwuchsdirigenten können bei Jorma Panula das Wie erlernen, aber das Was müssen sie mitbringen. Auch einem guten Dirigenten kann man kein Charisma beibiegen.

Biographie über Jorma Panula [auf Englisch]