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Casimir Ehrnrooth:
Finnland lebt vom Wald

Die finnische Identität wurzelt tief im Wald. Es ist gar nicht einmal solange her, als die Völker der nördlichen Nadelbaumzone, die sich von Wildbret und anderen Gaben des Waldes ernährten, noch eine mystische Einstellung zum Wald hatten. Man brachte dem Wald Respekt entgegen, weil er als Quell alles Lebens galt. Im Wald wurde mit Opferzeremonien und Zauberformeln sowohl das eheliche als auch das Jagdglück beschworen.

Die Zeiten, als Finnen Waldgöttern opferten, sind freilich vorbei. Und dennoch sind die Wälder für Finnen (überlebens)wichtig. Sie bilden unsere natürlichen Ressourcen und das Standbein unseres Wohlstandes, sie sind Schlüsselfaktoren für den Rohstoffnachschub der holzverarbeitenden Industrie und des Maschinenbaus. Für Finnen stiftet der Wald, auch im Rahmen der Europäischen Union, eine nationale Identität, denn wir lieben und erleben noch immer intensiv die Nähe des Waldes und der Natur.

In den Wäldern begann auch die Industrialisierung Finnlands und die Eroberung der Weltmärkte mit forstlichen Wissen und Können. Teer war unsere erste Handelsware, die auch im Ausland nachgefragt wurde. Teer war auch das erste finnische Forstprodukt, das das damalige Finnland mit der allgemeinen europäischen wirtschaftlichen Entwicklung und insbesondere mit dem westeuropäischen Wirtschaftssystem verband. Die Kriegsschiffe Europas wurden zwar aus Eiche gebaut, aber mit Teer abgedichtet, das aus nordischen Fichten gewonnen wurde.

Holz, das u.a. als Bau- und Einrichtungsmaterial heute ein überzeugendes Comeback erlebt, war bereits Hunderte von Jahren ein bedeutsames Element der materiellen und kunstgewerblichen Zivilisation.

Nach dem Niedergang der Teerwirtschaft stieg im 18. und 19. Jahrhundert Schnittholz als Hauptexportgut unserer jungen holzverarbeitenden Industrie auf. Im vergangenen Jahrhundert, als die Herstellung von Papier in großen Stil betrieben wurde, mußte Schnittholz seine Vorrangstellung an Papierprodukte abgeben.

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Finnland hat mithin schon jahrhundertelang vom Wald und der von ihm abhängigen Holzindustrie gelebt. In ihrem Gefolge bildeten sich auch andere Industriebranchen heraus. So hat sich die finnische Maschinenbauindustrie zum führenden Hersteller von Papier- und Halbstoffanlagen aufgeschwungen. Ihre hochautomatisierten Papiermaschinen sind in aller Welt gefragt. Die Holzindustrie hat auch bei der Entwicklung von Waldmaschinen und deren Technologie Pate gestanden. Eine versierte Waldpflege, einschlägige Beratungs- und Planungsaktivitäten sowie das technologische Know-how von Hochschulen und Forschungsinstituten sind Glieder einer Kette des forst- und holztechnischen Know-hows, das das Rückgrat der heutigen finnischen Volkswirtschaft bildet. Die Entstehung dieser vernetzten Wirtschaft, die durch Impulse aus verschiedenen Industriebranchen gespeist wird, wurde im Ausland gelegentlich als eine Art Entwicklungswunder bestaunt. Es ist jedoch unbestritten, daß das dünnbesiedelte und abgelegene Finnland, das weitgehend von seiner einzigen Naturressource Wald abhängig war und erst Anfang des Jahrhunderts die Unabhängigkeit erlangte, sich im Laufe des Jahrhunderts dank seiner Forstindustrie zu einem der höchst entwickelten Ländern des Erdballs gemausert hat.

Die Funktion der holzverarbeitenden Industrie als Motor des Wohlstands in Finnland geht sinnfällig daraus hervor, daß die Holzindustrie seit Anfang des Jahrhunderts durchschnittlich um 4,5 Prozent pro Jahr gewachsen ist, was wiederum einen Zuwachs des Sozialprodukts um rund 3 Prozent ermöglichte. Nach dem waldflächenmäßig 16mal und bevölkerungsmäßig 6mal größeren Kanada ist Finnland der zweitgrößte Papier- und Kartonexporteur der Welt. Bezieht man hingegen die Ausfuhrmengen der Holzindustrie auf die Einwohnerzahl liegt Finnland eindeutig vorn.

Die holzverarbeitende Industrie - wie auch andere Industrien - ist in den letzten Jahren aufgrund ihrer Emissionen ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. In den 60er und teils auch in den 70er Jahren war die Umwelttechnologie noch unausgereift, und die Umweltbelastungen stiegen entsprechend der wachsenden Größe und Produktionsmengen der Fabriken. Dies hat sich indessen grundlegend geändert. Heute ist der Umweltschutz ein integraler Bestandteil des gesamten Holzverarbeitungsprozesses. Der Schutz der Umwelt wird bereits in die Entwicklung der Produkte und ihrer Herstellungsverfahren einbezogen, so daß die Produkte während ihres gesamten Lebenszyklusses ein Minimum an Umweltbelastungen verursachen. Die Motivation dafür liegt auf der Hand: Die Verantwortung für die Umwelt hat sich neben dem Preis und der Qualität eines Produkts beim Vertrieb und Marketing zu einem neuen relevanten Wettbewerbsfaktor ausgewachsen. Im Umweltschutz hat das Diktat der Märkte im zunehmenden Maße Oberhand gewonnen, während gleichzeitig behördliche Auflagen in den Hintergrund traten.

Die Holzindustrie in Finnland hat in Hightech-Technologien investiert, mit denen die Freisetzung von Schadstoffen in die Luft und in die Gewässer binnen kurzem auf einen Bruchteil der früheren Schadstoffmengen reduziert werden konnte. Moderne Papierfabriken sind sowohl von außen als auch innen blitzsauber. Der Rohstoff Holz ist eine natürliche nachwachsende Ressource. Auch Papier ist regenerierbar, der beste Teil kann wiederverwendet und der Rest zur Energiegewinnung genutzt werden. Das beim Verbrennen entstehende Kohlendioxid wird von den Wäldern gebunden, für die es neben Wasser und Sonne ebenso lebenswichtig ist wie Sauerstoff für den Menschen. Meines Wissens nähert sich kein industrieller Prozeß dem Kreislauf der Natur so stark an wie der Holzindustrie. Es ist daher unerfindlich, warum gerade die Holzindustrie von den Umweltbewegungen so vehement attackiert wird. Reale Gründe dafür gibt es, zumindest in Finnland, dafür nur wenige.

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Nachdem die Holzindustrie ihr Emissionsproblem schon weitgehend gelöst hat, werden neue Anforderungen an die Forstwirtschaft gestellt - in Form einer nachhaltigen Entwicklung und Vielgestaltigkeit der Wälder. Nach meiner Meinung braucht sich Finnland auch in dieser Hinsicht nicht zu verstecken. Finnland ist in der Forstwirtschaft ein Pionier.

Waldpflege wird in Finnland seit langem groß geschrieben. Schon 1887 wurde hierzulande ein weitgefaßtes Forstgesetz erlassen, das die Zerstörung von Wäldern untersagte. Die in den 60er Jahren für die Wälder und die Waldnutzung erarbeiteten Vorgaben zielten, trotz zunehmenden Holzverbrauchs, erklärtermaßen auf eine nachhaltige Forstwirtschaft ab. Damit wurden die Voraussetzungen für heutige Maßnahmen geschaffen, die die Erhaltung der Biodiversität der Natur anstreben. Die Novellierung der Forstgesetze und das juristische Fundament für diese Maßnahmen halten jedem internationalen Vergleich stand.

Finnland ist eines der dichtbewaldesten Länder der Welt. Da seine Forstwirtschaft auf kleinflächigen Waldparzellen beruht, die hauptsächlich in Privathand sind, war sie seit jeher nachhaltig. Ein finnischer Waldbesitzer zäunt seinen Wald nicht ein. Gemäß dem traditionellen skandinavischen Jedermannsrecht hat jedermann/frau das Recht, sich in der Natur frei zu bewegen und Beeren und Pilze zu sammeln, unabhängig davon, wem das Land gehört. Neben der Fauna und Flora können mithin auch Menschen von der Biodiversität der Wälder und ihrer Nutzung profitieren.

Von den ursprünglichen Waldgebieten Finnlands sind ganze 5/6 erhalten; eine Rarität in der heutigen Welt. Unsere Baumarten sind standortspezifisch. Seit zweihundert Jahren gibt es in Finnland schon Wirtschaftswälder, deren Charakter sich nicht gewandelt hat. Die Holzbestände sind auch nicht zusammengeschrumpft, sondern haben zugenommen: in den letzten 25 Jahren von 1,5 Mrd. auf fast 2 Mrd. Kubikmeter. Der Zuwachs der Holzvorräte übersteigt heute eindeutig die Holzentnahmen. Meiner Ansicht nach zeigen allein diese Fakten, daß Finnland seine Wälder gut gepflegt hat.

Als „Papierspeicher” der Europäischen Union, und global als bedeutender Papierexporteur, tragen wir unseren Teil der Verantwortung, daß das westliche kulturelle Erbe auch weiterhin in Form des gedruckten Worts an kommende lese- und schreibkundige Generationen weitervermittelt werden kann.

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